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Aachen: Niederländer setzen Maßstab bei Teilzeit-Jobs

Aachen : Niederländer setzen Maßstab bei Teilzeit-Jobs

Wenn das Projekt „Euro-Mobilzeit” im November 2005 auf einem internationalen Kongress in Aachen vorgestellt wird, geht es nicht nur um theoretische Erkenntnisse, sondern auch um praktische Konsequenzen.

Das heißt, kleine und mittlere Betriebe aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland wenden die neuen Modelle zur flexiblen Arbeitszeit auch an. „Das ist bundesweit einmalig”, betont Nina Mika-Helfmeier. Die Leiterin der Stabsstelle beim Kreis Aachen hatte die Idee zur Euro-Mobilzeit - und musste vier Jahre lang Klinken putzen, um Partner und finanzielle Hilfe zu finden.

Männeranteil in Teilzeitarbeit ähnlich niedrig

Besonders in Deutschland stieß ihre Idee zunächst auf wenig Gegenliebe, aber mit steigenden Arbeitslosenzahlen fanden sich immer mehr Partner. Dass der Begriff Teilzeitarbeit hier auch jetzt noch oft negativ besetzt ist, weiß auch Kollegin Jessica Lerche, seit Juli 2003 Projektleiterin: „Viele sehen das als schlecht bezahlte Frauendomäne oder als Zusatzverdienst an. Männern wird oft suggeriert, dass Teilzeitarbeit ein Hemmnis für die Karriere ist.” Dass flexible Arbeit sich durchaus für alle eigne, werde in den Niederlanden klar, wo sie eine lange Tradition habe und von 17 Prozent der Männer (Deutschland fünf Prozent) in Anspruch genommen werde. Die Nachbarn folgten dabei eher dem Motto „Arbeite, um zu leben”. Dort gebe es auch die Möglichkeit, ab 56 jedes Jahr weniger zu arbeiten. Zwei Drittel der finanziellen Einbuße erstatte die Firma, die nicht auf die Erfahrungen des langjährigen Mitarbeiters verzichten wolle.

Auch in Belgien ist der Männeranteil in der Teilzeitarbeit ähnlich niedrig wie in Deutschland, „doch die Bereitschaft aller Beteiligter, ein individuelles Modell für den Einzelbetrieb auszuarbeiten, viel größer”. So arbeite eine Chocolaterie in Eupen bei hoher Nachfrage in drei Schichten und am Wochenende, in ruhigeren Zeiten dementsprechend weniger - immer in gegenseitiger Absprache.

Zahl der Vorruheständler verringern

Solche und ähnliche Beispiele aus der Praxis für die Praxis gibt es auch bei den regelmäßigen Workshops. Firmenchefs, Personalleiter, Betriebsräte und Gewerkschafter berichten - simultan übersetzt - von ihren Modellen, über positive und negative Erfahrungen. „Auch davon profitieren die Anderen schon, indem sie das Beste für sich herauspicken können”, sagt Nina Mika-Helfmeier, die darauf verweist, dass weit mehr als 100 Betriebe bei den bisherigen Treffen dabei waren.

Am Freitag geht es beim Treffen in Lüttich unter anderem um individuelle Arbeitszeitverkürzung durch den so genannten Zeitkredit. Dieses System erlaubt belgischen Arbeitnehmern, die seit mindestens einem Jahr im Betrieb arbeiten, ihre Berufslaufbahn komplett oder teilweise zu unterbrechen und währenddessen von einer finanziellen Leistung des staatlichen Arbeitsamtes zu profitieren. Die belgische Regierung hofft, dass sich durch dieses Modell die Zahl der Vorruheständler verringert und damit die Erwerbstätigkeit der über 50-Jährigen steigt.

Ein wichtiger Aspekt der noch zu leistenden Projektaktivitäten wird die euregionale Stichprobenerhebung sein. Jessica Lerche wird dabei in den Betrieben den Stand der Dinge und Planungen erfassen, aber auch an ganz individuellen Lösungen mitarbeiten.