1. Kultur

Aachen: Niedecken über neue Klangfarben, alte Werte und den Kurpark

Aachen : Niedecken über neue Klangfarben, alte Werte und den Kurpark

Niedeckens BAP hat es bei den Kurpark Classix noch nicht gegeben. Deswegen freut sich der Boss der Kölner Band ganz besonders darauf, an einem Ort in Aachen auftreten zu können, den er noch nicht kennt. Viele davon gibt’s nach knapp 40 Jahren BAP-Historie nicht mehr.

Aber es gibt eine ganze Reihe neuer Musiker, die das aktuelle Album „Lebenslänglich“ und alte BAP-Hits zusammen mit Wolfgang Niedecken auf der Bühne des Kurparks präsentieren werden. Er selbst spricht von lebendigen, frischen Klangfarben. Das ist freilich ein wenig untertrieben, denn der 65-Jährige fühlt sich im Moment als Musiker so wohl wie lange nicht mehr. Ein Gespräch über Werte, das Alter und den Bestzustand.

Ist ein Konzert in Aachen eine Art Heimspiel für Sie?

Niedecken: Es wäre beleidigend, wenn ich Aachen als Vorort von Köln bezeichnen würde. Aber ich habe nicht das Gefühl, großartig von Zuhause weg zu sein, wenn ich nach Aachen fahre. Ich kenne mich in Aachen aus und fühle mich dem dortigen Dialekt verbunden, der dem Kölschen ähnlich ist, und der trotzdem seine speziellen Eigenheiten besitzt.

Stolberg, Alsdorf, Würselen, Übach-Palenberg, Eupen, Katschhof, Audimax, Open Air im Frankenberger Viertel: Es gibt kaum noch Orte in der Region, wo BAP nicht bespielt hat.

Niedecken: Es wundert mich ehrlich gesagt auch, dass es in Aachen immer noch einen Auftrittsort gibt, an dem wir noch nicht gespielt haben. Die Konzertreihe im Kurpark macht es aber möglich, dass wir im Sommer tatsächlich auf einem uns bis dahin unbekannten Platz spielen können.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt in Aachen?

Niedecken: Ja, das muss 1968 gewesen sein. Allerdings kann man dabei nicht von einem Auftritt reden. Ich war damals im Internat in Rheinbach, und eine kleine Klassenfahrt führte uns nach Aachen. Musikverrückt, wie wir damals schon waren, nahmen mein damals bester Kumpel und ich unsere Gitarren mit. Am Elisenbrunnen betätigten wir uns als Straßenmusiker und bekamen obendrein noch ein paar Groschen dafür.

Zumindest Ihre Gagen dürften sich 50 Jahre später geändert haben. Wie viel von der damaligen Spontaneität steckt heute noch in Ihnen?

Niedecken: Ich hole sie mir zunehmend zurück. Natürlich stelle ich mich heute nicht mehr vor Sehenswürdigkeiten und spiele Coversongs. Aber ich habe für die laufende Tour eine Reihe Musiker um mich versammelt, mit denen ich wieder spontaner und auch ein Stück weit leidenschaftlicher spielen kann. Das Musikgeschäft hat sich kolossal verändert, seitdem wir vor 40 Jahren mit BAP begannen. Alles ist minuziös durchgeplant. Dem widersteht man als Kreativer, so gut man kann — oder man entwirft Musik am Reisbrett.

Birgt Widerstand nicht auch Risiken für etablierte Musiker wie Sie?

Niedecken: Ach, ich kenne es eigentlich nicht anders. Auf unsere ersten Konzertplakate schrieben wir damals noch mit Filzstift die Namen der Kneipen, in denen wir in der Kölner Südstadt auftraten. Wir waren eine Sponti-Band, und es war gut so, weil sich unsere Musik organisch entwickeln konnte. Es stand kein Manager hinter uns, der diktierte, wie die Musik zu klingen hatte. Wir träumten nicht vom großen Erfolg. Es ging uns um die Musik, und darum geht’s mir heute immer noch. Scheitern kann man damit immer.

Sie sagten mal, dass die Altersgrenze von Musikern in einer Rock’n’Roll-Band nicht über 28 liegen sollte. Sehen Sie das mit 65 Jahren immer noch so?

Niedecken: Nette Fangfrage! Kommen wir dabei doch noch mal kurz aufs Spontane zu sprechen. In den ersten BAP-Jahren gab es keinen Tross von Technikern, die unsere Bühne aufbauten. Wenn ein Konzert anstand, fragten wir in unserer Stammkneipe herum, wer uns helfen könnte, unser Zeug dahin zu fahren, wo wir auftraten. Heute trage ich viel mehr Verantwortung, weil ich ein Büro unterhalte und mit professionellen Musikern unterwegs bin. Damit steigen aber auch die Kosten. Und nicht zu vergessen: Ich habe ja längst auch Familie. Bis zum Alter von 28 reicht es aus, wenn man von der Musik die Miete, seinen Deckel und die nächste Tankfüllung zahlen kann. Das ändert sich schlagartig, wenn man Kinder hat. Darf ich deswegen keinen Rock’n’Roll mehr spielen? Ich finde nicht.

Welche Werte vermitteln Sie Ihren Kindern?

Niedecken: Das klingt jetzt furchtbar spießig, aber Verantwortung, Respekt und Anstand sind für mich ganz wichtige Begriffe. Die so genannte Flüchtlingskrise etwa haben wir verdammt noch mal mit Anstand auf die Reihe zu bekommen. Man kann an der Ignoranz und Respektlosigkeit seiner Mitmenschen mitunter verzweifeln. Aber zum Zyniker möchte ich nicht werden. Lieber plädiere ich für Verantwortungsbewusstsein. Man könnte vielleicht mal klären, an wen der IS das Erdöl verkauft, das er in den Gegenden fördert, die er überfallen hat. Marsmenschen brauchen kein Erdöl.

Kann Musik Werte vermitteln?

Niedecken: Sicher, wenn sie nicht aus Kalkül produziert wird. Inwiefern Musik tatsächlich noch etwas verändern kann, vermag ich nicht zu sagen. Ich gebe zu, dass ich inzwischen oft ratlos bin und nicht weiß, wo es in Zukunft langgehen wird. Das ist mir aber immer noch lieber, als vortäuschen zu müssen, wo’s langgeht.

Vielleicht klingt das aktuelle BAP-Album „Lebenslänglich“ deshalb, je nach Verfassung, melancholisch oder von feinem Humor geprägt.

Niedecken: Was soll ich machen? Ein Künstler kann nichts anderes formulieren als das, was er gerade fühlt. Aber ich gebe Ihnen Recht, die Songs der Platte sind wie Vexierbilder. Heute klingen sie melancholisch, am nächsten Tag entdeckt man den Humor darin.

Humor war immer ein Leitmotiv Ihrer Texte.

Niedecken: Ohne Humor wirkt vieles schrecklich penetrant. Zappen Sie sich doch alleine mal durch all die kommerziellen Fernsehsender. Kann man das überhaupt noch ohne Humor ertragen? Wir waren in den BAP-Anfangsjahren alle Riesenfans von Zappa. „Zoot Allures“ und „Joe’s Garage“ haben wir bis zum Abwinken gehört. Natürlich kamen wir nicht an dessen Musikalität ran, aber seinen Humor habe ich immer zu schätzen gewusst. Auf dem „Affjetaut“-Album gibt es das Stück „Kumm op ming sick“. Das war unsere Hommage an Zappas „The Torture Never Stops“.

Sie werden mit einer neuen Band nach Aachen kommen, die unter Niedeckens BAP firmiert. Markiert die Band eine Zäsur?

Niedecken: Ach nein, es ist alles ein großes Kontinuum. Es hat aber ein neuer Abschnitt meines musikalischen Schaffens begonnen, wenn man so will. Andere Musiker bringen neue Klangfarben und Bewegung in die Band.

Ganz zu Anfang hieß Ihre Band Niedeckens BAP. Jetzt, nach fast 40 Jahren, heißt sie wieder so. Schließt sich damit ein Kreis für Sie?

Niedecken: Man sagt ja, dass die Dinge zumeist dort enden, wo sie begonnen haben. Damit will ich keineswegs meinen Abschied von der Bühne ankündigen. Aber es fühlt sich gut an, das Schiff, das man lange zum Teil auch durch arg unruhige Gewässer manövriert hat, wieder in Ruhe steuern zu können. Mit Mitte 60 wurde es auch Zeit dafür.

Damit sind wir wieder bei der Frage, wie viel Alter der Rockmusik zuträglich ist.

Niedecken: Ich bin in der glücklichen Lage, behaupten zu dürfen, dass ich mich erwachsen fühle, ohne mir alt vorzukommen. Ich habe auch das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein.

Bei Ihnen selbst?

Niedecken: Lebenslänglich.

Also bedeutet der Albumtitel nicht lebenslänglich Musik, malen, schreiben, sondern lebenslänglich Niedecken zu sein?

Niedecken: Lebenslänglich Niedecken sein! Ja klar, was bleibt mir auch anderes übrig? Ich bin total dankbar dafür, mein Leben so führen zu können, dass es mir gut tut. Das ist der Bestzustand.