1. Kultur

Aachen: Nicht Technik trennt uns, sondern Bildung

Aachen : Nicht Technik trennt uns, sondern Bildung

Große Kongresse über große Fragen bringen triviale Erkenntnisse hervor. Sinnlos ist das aber nicht, wie das Kolloquium „Klick! Eine gespaltene Welt?” an der RWTH belegt.

Das kreiste von Mittwoch- bis Donnerstag Abend um die Frage, inwieweit Informationstechnologien die Menschheit in Wissende und Unwissende spalten. „Nicht Technik spaltet, sondern Bildung”, ist die Antwort, die man jedenfalls aus den grundlegenden Vorträgen und Diskussionen der Veranstaltung ziehen kann. Letztlich ist es also, wie immer schon, eine soziale Frage, ob Menschen gut genug gebildet werden, um „vernünftig” mit Technik umgehen zu können. Und, wie auch immer schon, landet diese Frage letztlich in der Schule.

Viel Schlaues und Bekanntes

Dass auf dieser Tagung viel Schlaues und Bekanntes über denn sinnvollen und den dummen Umgang mit Computern und besonders mit dem Internet gesagt wurde, hat nicht wenig damit zu tun, dass ein Mann schon vor 30 Jahren - und seither - so informiert wie geistreich in der offenen Wunde der Informationsgesellschaft herumbohrt. Zum Glück war dieser Mann anwesend.

Joseph Weizenbaum, gebürtiger Berliner, emigrierter Jude, der in den USA eine grandiose Karriere als Computerentwickler machte und darüber zum Gesellschaftskritiker wurde, ist einer, dem man zuhören will, auch wenn er nichts Neues sagt: „Der Computer verarbeitet nur Signale, wir interpretieren. Information findet allein in unseren Köpfen statt, nirgendwo sonst.”

Kritisches Denken

Weizenbaum, mit Pferdeschwanz und Strickpullunder, spricht mit der Reputation seiner 81 Jahre an Lebenserfahrung und jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit, die keiner Insidersprache mehr bedarf. Er bevorzugt die Anekdote, um verständlich zu machen, was er meint. Diese etwa: „Ein Mann wartet in New York neben mir an einer Ampel und fragt mich ,Sind Sie Jude?’. Als ich dies bejaht hatte, fragt er ,wie spät ist es?’” Das, so Weizenbaum, kann man nur mit dem Wissen um Sozialisation verstehen.

„Es gibt keine objektiven Interpretationen. Die ,richtige’ Interpretation hängt von der Lebensgeschichte ab.” Dies gelte letztlich für alle Aussagen. Weshalb man alles, was man so leicht im Internet an vermeintlicher Information abruft, auch nur verstehen könne, wenn man in der Lage ist, diese in sein Wissen einzubetten. Und das bedeute ganz einfach: Arbeit. Sich die Mühe zu machen, „kritisch zu denken, zu lesen und zu hören, um wenigstens etwas unter die Oberfläche zu kommen”.

Konsequent hält Joseph Weizenbaum überhaupt nichts von Medien-Kompetenz. „Es gibt nur eine generelle Kompetenz, etwas zu verstehen. Und die haben wir in den USA und auch in Deutschland viel zu wenig.” Das Internet werde maßlos überschätzt, darin sei „zu 90 bis 95 Prozent einfach nur Schrott”; auch das eine Bestätigung der „grenzenlosen Dummheit der Menschheit”.

Gespaltene USA

Ein kulturpessimismistischer Zug weht durch Weizenbaums Vortrag und Gespräche mit ihm, auch aus gegebenem Anlass: „Die größte Spaltung der Welt bedeutet der Ausgang der Präsidentenwahl in den USA. Dort herrscht pure kapitalistische Brutalität. Und die USA sind heute eine hoch militarisierte Gesellschaft.” Und das habe eine Menge mit Computern zu tun: „Die Entwicklung des Computers ist eine Konsequenz der Bedürfnisse des Militärs.”