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Aachen: Nicht jede Katastrophe muss krankmachen

Aachen : Nicht jede Katastrophe muss krankmachen

Am kommenden Freitag, 2. März, beginnt im Aachener Eurogress das 32. Westdeutsche Psychotherapie-Seminar. Thema in diesem Jahr: „Bedrohung - Angst - Trauma”. Mit von der Partie ist Professor Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Sein Vortrag am Samstag, 3. März (11 Uhr) steht unter dem Titel: „Entstehung und Behandelbarkeit seelischer Erkrankungen nach einem Trauma”. Mit Berger unterhielt sich AZ-Redakteur Thomas Thelen.

Terroranschläge, Verkehrsunfälle, Entführungen: Muss man eine Katastrophe unbedingt am eigenen Leib erfahren, um ein Trauma daraus zu entwickeln?

Berger: Nein, auch als Zeuge kann man durchaus eine psychische Störung entwickeln.

Das heißt, es reicht schon, eine Katastrophe vor dem Fernseher zu erleben?

Berger: Ja, das kann zu einem Trauma führen. So kann es zum Beispiel sein, dass Männer, die als Soldaten schlimme Dinge erlebt haben und damit scheinbar gut fertig geworden sind, plötzlich ein Krankheitsbild entwickeln, wenn sie im Fernsehen Bilder einer Katastrophe sehen. Diese Bilder können dann nach Jahren zum Auslöser werden.

Was spielt sich im Gehirn ab?

Berger: Das Gehirn verlernt nicht. Und weil es nicht verlernt, verlernen Patienten mit einer posttraumatischen Stresserkrankung auch ihr Trauma nicht. Das führt dazu, dass Menschen, die einen schweren Autounfall erlebt haben, ins Auto einsteigen und sofort Herzrasen oder Schweißausbrüche bekommen. Manche Menschen sind übrigens empfänglicher für solche Stresserkrankungen als andere. Hier gibt es offenbar eine starke genetische Komponente.

Man hört immer wieder, dass man Ängste nur bekämpfen kann, wenn man sich den Ängsten stellt. Ist das eigentlich richtig?

Berger: Ja, das ist der richtige Weg. Man muss die Menschen mit der belastenden Situation konfrontieren - und zwar so lange, bis ihr Angstpegel sinkt. Sie denken dann zwar noch an die schlimme Situation, doch das Angstgefühl lässt nach. Die Angst auslösende Situation wird so von Angst entkoppelt. Wenn das mehrfach gelingt, dann gelingt es auch, an prekäre Momente zu denken, ohne dass einem gleich die Tränen in die Augen schießen oder der Puls in die Höhe schnellt.

Man kann Menschen also von übersteigerten Erinnerung befreien?

Berger: Man kann das in der Regel sehr gut behandeln. Wobei es jedoch mitunter einer langen Vorbereitung bedarf, ehe man einen Patienten mit seiner Angst konfrontieren kann - etwa bei Vergewaltigungen, die von Frauen als das Schlimmste empfunden werden, was einem Menschen im Leben passieren kann. Eine Vergewaltigung ist mit Todesangst und mit massiver körperlicher Bedrohung verbunden, aber auch mit schwersten Schamgefühlen. Ehe man eine Frau, die eine Vergewaltigung erlebt hat, mit ihrer Angst konfrontiert, muss man erst ihr Vertrauen gewinnen. Das kann längere Zeit dauern.

Kann man posttraumatische Störungen auch medikamentös behandeln?

Berger: Es gibt Studien, die zeigen, dass man mit Antidepressiva den Menschen helfen kann. Doch die meisten Patienten wollen das letztlich nicht, weil sie der Meinung sind, dass sie sich mit ihrem Trauma bewusst beschäftigen müssen - sie wollen das selbst hinkriegen. Medikamente werden oft als inadäquates Mittel abgelehnt.

Täuscht der Eindruck oder leben wir heute stärker denn je in einer Angst besetzten Zeit?

Berger: Es gab auch früher Ängste. Es hat sie immer schon gegeben. Doch früher hat man weniger darüber gesprochen. Ein Mann sprach doch nicht über seine Ängste, er ertränkte sie lieber im Alkohol. Männer zeigten keine Schwäche. Die Menschen trauen sich heute eher, über ihre Schwächen zu reden. Zum Glück.

Und doch hat man den Eindruck, dass sich die meisten Menschen überfordert fühlen.

Berger: Die Belastungen im Alltag nehmen ja auch ständig zu, der berufliche Druck steigt permanent. Heute müssen die Menschen allem gewachsen sein. Das macht eben auch Angst! Und nicht zuletzt erleben wir nach Jahrzehnten eines nun durch einen zunehmenden Terrorismus eben auch wieder eine ganz andere Bedrohungssituation.

Was sollte ein Mensch tun, der eine schlimme Situation erlebt hat?

Berger: Grundsätzlich kann man sagen: Wenn ein Mensch schon einmal eine psychische Erkrankung in seinem Leben durchgemacht hat, dann muss er ein Stück mehr auf sich acht geben, dass er stabil bleibt. Er kann sich nicht alles zumuten. Wenn ein solcher Mensch eine traumatische Situation erlebt, wie ein Verkehrsunfall oder eine Schlägerei, dann sollte er auf sich aufpassen. Wenn er zwei Wochen nach dem Ereignis immer noch nachts wach wird und schwitzt, sollte er einen Fachmann aufsuchen. Und eines gilt immer: Man muss über das Ereignis reden. Viel reden.

Das klingt aber nicht gerade nach einer innovativen Erkenntnis . . .

Berger: Aber sie gilt immer noch. Man muss hundert mal darüber reden, bis man es endlich los ist. Man muss immer wieder und ausführlich darüber reden!

Reicht da der gute Freund?

Berger: Ja, der reicht in der Regel. Durch ein solches Gespräch kann es zu einer positiven Entkopplung kommen. Man redet über die schlimme Situation, ohne dass man die ganze Zeit Angst verspürt. Am Anfang hat man vielleicht noch zehn Minuten Herzklopfen, doch je länger man darüber redet, desto ruhiger wird man.

Kann zu viel Zuwendung auch schädlich sein?

Berger: Man darf die Selbstheilungskräfte der Menschen, die eine schlimme Situation erlebt haben, in der Tat nicht unterschätzen. Man darf den Dingen nicht zu viel Bedeutung beimessen, denn zu viel Aufmerksamkeit ist auch nicht immer gut. Bei schweren Unfällen entwickeln zehn Prozent der Opfer eine posttraumatische Störung, 90 Prozent schütteln das aber ganz alleine und ohne Hilfe wieder ab. Man kann sich in der Regel schon darauf verlassen, dass die menschliche Psyche in der Lage ist, mit solchen Dingen fertig zu werden. Man sollte wirklich nur intervenieren, wenn es den Patienten sehr schlecht geht.



Folgende Vorträge sind öffentlich:

Am Freitag, 2. März, referiert Professor Volker Arolt (Münster) ab 17 Uhr zum Thema: „Wenn Angst und Panik zur Krankheit werden.”

Einen Tag später, am 3. März, hält Professor Mathias Berger (Freiburg) ab 11 Uhr den Vortrag „Entstehung und Behandelbarkeit seelischer Erkrankungen nach einem Trauma.”

Den Schlusspunkt setzt am Sonntag, 4. März (11 Uhr), Ministerialdirigent Rüdiger Kass vom Bundesinnenministerium Berlin mit seinem Plenarvortrag „Terrorismus und Gesellschaft.”