Neuer Generalmusikdirektor von Aachen: Christopher Ward

Aachen : Aachens neuer Generalmusikdirektor feiert seine Opernpremiere im Theater

Er blickt gern hinter die Dinge, lässt neben klaren Fakten seine Intuition sprechen und hat keine Scheu, über die Magie des Lebens zu philosophieren — ob er einen Gegenwartskomponisten erkundet oder beim Joggen im Kurpark fasziniert einen großen Krähenschwarm beobachtet: Der Engländer Christopher Ward (38) hat als neuer Generalmusikdirektor (GMD) des Theaters Aachen seine ersten Kurpark Classix erlebt und das Sinfonieorchester in dieser stressigen Ausnahmesituation noch besser kennengelernt.

„Ich hoffe, man hat nicht bemerkt, wie aufgeregt ist war“, sagt er. „Ich bin schon einige Zeit in Deutschland, aber wenn ich etwas moderieren soll, fällt die Sprache plötzlich schwer.“ Das Zusammenspiel auf der Kurparkbühne bedeutete eine Herausforderung. „Man hört einander nicht so gut wie im Konzertsaal. Das ist nicht leicht“, meint er.

Regisseur Jarg Pataki. Foto: Harald Krömer.

Verdi-Liebhaber und Queen-Fan

Das Programm der „Last Night“ mit weniger bekannten Kompositionen von Aaron Copland, Erich Wolfgang Korngold und Sergej Rachmaninow war ein Bekenntnis des GMD zu seinem weltoffenen Begriff von Werkauswahl. Im ersten Sinfoniekonzert am 16. und 17. September unter dem Motto „Fantastische Liebe“ wird er zum Beispiel das Stück „Chor“ des Gegenwartskomponisten Jörg Widmann aufführen. „Wir haben uns kennengelernt, und es war für mich sehr spannend zu hören, wie ein Komponist so etwas entwickelt. Seine Idee ist es, ein Orchester singen zu lassen“, sagt er staunend. „Das Stück ist stellenweise sehr leise, dann wieder laut, zart und brutal zugleich, ein weites Spektrum.“

In Kombination mit vertrauten Stücken möchte er dem Konzertpublikum nahebringen, was selbst ihn zu Anfang oft irritiert. „Manchmal höre ich etwas Neues, und es gefällt mir nicht“, sagt er offen. „Dann lasse ich mich darauf ein und erkennen, wie anders und großartig es ist.“

Am Sonntag wird Ward das erste Mal als Generalmusikdirektor im Theater Aachen dirigieren — Giuseppe Verdis Oper „La forza del destino“ ist der musikalische Start in die Spielzeit. „Ich bin Verdi-Liebhaber, Verdi ist Drama pur.“ Mit Blick auf das Werk: „Diese Oper ist allerdings anders, die Charaktere der Protagonisten sind absichtlich nicht klar gezeichnet.“ Liebe, Rache, Leidenschaft und Volksverhetzung: „Leonora ist eine ängstliche Frau, die in einer spürbaren Verzweiflung steckt, keine typische Heldin.“ In der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Jarg Pataki empfängt Ward frische Ideen. „Das sind Sachen, die ich mir in meiner naiven musikalischen Welt nicht ausdenken könnte“, betont er.

Impulse im Straßenbahndepot

Dass er in Zukunft das ehemalige Straßenbahndepot Talstraße als neue Spielstätte nutzen darf, kommt ihm sehr entgegen. „Dort wird es andere Impulse geben, allein schon die Architektur wird das bewirken“, sagt er. Und er kennt sich aus: „Mein Bruder ist Architekt, auch ich habe ein Gefühl dafür.“

Die Familie fehlt ihm. „Meine Mutter wird 70 Jahre alt, da werde ich auf jeden Fall nach Hause fahren, und wenn es nur für 24 Stunden ist“, betont er. Besonders aber vermisst er die Gemeinschaft, wie man sie in Oxford gepflegt hat — etwa beim Frühstück in der ehrwürdigen Universitätshalle, wo schon „Harry Potter“ gedreht wurde. Dirigent — sein Berufswunsch? „Ich komme aus einer Familie, in der man Wissenschaftler oder Priester wurde, eigentlich wollte ich Priester werden, aber dann habe ich nach dem Stimmbruch mit 14 Jahren Einblick ins Dirigieren erhalten, das hat mir gefallen.“

In der Beschäftigung mit der deutschen Sprache ist ihm aufgefallen: „Da sagt man oft ,ich‘, im Englischen verwenden wir häufiger das ,Wir‘, das möchte ich umsetzen.“ Chormusik begeistert ihn seit Studienzeiten, die Chortradition Englands hat ihn geprägt. Da will er in Aachen Akzente setzen. „Es ist die pure, reine Intonation beim Chorgesang, die mich bewegt, manchmal klingt Chorgesang, als ob man im Himmel gelandet ist.“ Die „Sea Symphony“ für Chor, Soli und Orchester von Ralph Vaughan Williams im achten Sinfoniekonzert (16. und 17. Juni) ist so ein Werk, das ihn bewegt. „Ja, man hört, sieht und riecht darin sofort die See.“

Seine Aachener Wohnung hat Ward vor vier Wochen bezogen, ist mit einem Aachen-Führer durch die Innenstadt gewandert und hat sogar den Dom erkundet. „Ein Kraftort“, schwärmt Ward. „Dass ich dort dirigieren werde, ist ein Privileg.“

Der Mann aus London studierte an der Universität Oxford Musikwissenschaft und an der Guildhall School of Music and Drama Dirigieren und Klavier. Sein Repertoire ist so umfangreich, dass er einen Musikführer füllen könnte — nahezu jede Epoche vom Barock bis zur Gegenwart hat er erforscht, Werke daraus erarbeitet und zum Klingen gebracht. „Musik ist für mich eine große Zeitreise, einfach faszinierend“, gesteht er. Und wenn es mal nicht Klassik sein soll? „Ich bin ein großer Queen-Fan!“

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