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Aachen: Neuer Dozent: Mit Bikerstiefeln, Energie und Leidenschaft

Aachen : Neuer Dozent: Mit Bikerstiefeln, Energie und Leidenschaft

Schön singen und an der Rampe herumstehen — das war einmal. Heutzutage erwartet der Opernbetrieb von einem Sänger mehr als eine ausdrucksstarke Stimme. Daher versucht die Hochschule für Musik und Tanz Köln am Standort Aachen, ihre Gesangsstudierenden besser für die Anforderungen von Regietheater und film- wie fernsehverwöhnten Zuschaueraugen zu rüsten.

Einer, der das darstellerische Potenzial aus den Nachwuchssängern herauskitzeln soll, ist Tobias J. Lehmann. Seit Oktober arbeitet der Schauspieler und Regisseur auf einer neu geschaffenen Stelle als Dozent für szenischen Unterricht in Aachen und Köln. Seine Aufgaben: Improvisationsübungen und Szenenstudien, Handwerk vermitteln und grundsätzliche Fragen diskutieren — etwa: Was zeichnet eine Figur aus? Wie nehme ich Raum, Partner und Publikum wahr? Und vor allem: Spielpraxis ermöglichen!

Zur Probe in der Aachener Hochschule rauscht der 48-Jährige mit Bikerstiefeln, Lederhalskette und Ost-Berliner Schnauze. „Wenn Sänger auf der Opernbühne sprechen und spielen müssen, wirde_SSRqs immer haarig“, meint er. Aber: „Ich habe bisher noch aus jedem was rauskriegen können!“ Seine direkte Art scheinen die Studierenden zu mögen. „Er ist voller Energie und Leidenschaft dabei“, sagt zum Beispiel Fabio Lesuisse. „So nah dran an der Praxis ist unser Studium sonst nicht“, ergänzt Jonatan Kumai. Manchmal müssten sie ihren Lehrer aber sanft von der Bühne schubsen. Dahin zieht es Lehmann bei den Proben immer wieder. Ein echter Schauspieler eben. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule, Engagements in Berlin, Jena und Leipzig, Film- und Fernsehausflügen führte er zudem Regie — vornehmlich in Ostdeutschland, und auch gelehrt hat er bereits. Zurzeit ist er in seiner Heimatstadt im Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ am Potsdamer Platz zu erleben. Da erklingt auch sein Bariton zu Jan Delays Song „Alles ist im Arsch“.

In Aachen zeigt er sich dagegen äußerst optimistisch. Nur das Wetter könnte besser werden. Denn seine erste Premiere als Dozent findet unter freiem Himmel statt. Gezeigt wird ein Stück, das man eher in der Puppenkiste vermutet: „Das Eulenschloss“ von Marionettentheater-Meister Franz von Pocci. „Ja, das ist nicht Tschechow oder Ibsen“, sagt Lehmann. Also: nicht psychologisch-naturalistisches, sondern ausgestelltes, überhöhtes Spiel — „mit viel Spaß und Tempo“. Wenn Kasperl als arroganter Politiker Steuergelder rausknallt und die Bauern aus Simpelsdorf ein schönes, großes Fußball-Stadion haben wollen, wird Lehmanns Ziel deutlich: „Hier und heute spielen!“ Dazu üben sich die sechs Studierenden in Couplets, ein Kom­mi­li­to­ne spielt Gitarre.

Für die zweite Juli-Hälfte hat Lehmann eine kleine „Eulenschloss“-Tournee durch die Uckermark geplant: „mit Trecker und Anhänger“. Da können die zukünftigen Sängerdarsteller dann schon mal erste Erfahrungen für ihr baldiges Wanderleben sammeln.