Heinsberg: Neue Erkenntnisse: Buch über Maler Oscar Begas

Heinsberg: Neue Erkenntnisse: Buch über Maler Oscar Begas

Die Geschichte der Mathilde Begas ist eine tragische: Der letzte Tag im Leben der Tochter des Berliner Malers Oscar Begas muss einer dieser milden Herbsttage gewesen sein, an dem spätentwickelte Schmetterlinge sich an hellen Hauswänden wärmen und müde Bienen träge nach letzten Blüten suchen. Mathilde war blühende 22 Jahre alt, als ihr ein Insekt in die Lippe stach. Sie starb am 8. Oktober 1884.

Die Nachwelt weiß das noch so genau, weil es der Schriftsteller Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ erwähnte, als er die Grabstätte der Familie Oscar Begas beschrieb.

Der Kunsthistoriker Wolfgang Cortjaens hat eine Biografie und ein Werkverzeichnis des Malers Oscar Begas (Selbstporträt unten rechts) geschrieben. Darin klärt er auch, wer die Dame in Blau (kleines Bild oben) ist, deren Porträt im Heinsberger Begas-Haus hängt. Foto: Mirja Ibsen (1), Anne Gold (1), Andres Kilger (1)

Man muss aber kein Kenner Fontanes Werke sein, um die Geschichte schon einmal gehört zu haben, auch viele Besucher einer Führung durch das Heinsberger Begas-Haus, Museum für Kunst und Regionalgeschichte, kennen sie. Sie wird meist erzählt, wenn die Führung haltmacht vor dem Gemälde einer jungen Frau, die ihre dunkelblauen Augen fest auf den Betrachter zu richten scheint. Der hellblaue Taft ihres Kleides leuchtet, ihre rosafarbenen Lippen hält sie fest verschlossen.

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Doch ist dies nicht das Porträt der fünften Tochter Oscar Begas’. Obwohl der zu Lebzeiten vielgerühmte Porträt-, Historien- und Genremaler seine sechs Töchter sehr wohl malte. Obwohl es seit der Neueröffnung des ehemaligen Kreismuseums Heinsberg als Begas-Haus im Jahr 2014 so auf dem kleinen Schildchen unter dem Gemälde steht. Tatsächlich es ist das Bildnis von Elisabeth Heegewaldt. Was sie mit Mathilde Begas gemeinsam hat: Auch sie starb jung. Sie wurde nur 31 Jahre alt. Ihr Gatte, der Berliner Kaufmann Adolph Heegewaldt, gab ihr Porträt posthum 1883 bei Oscar Begas in Auftrag.

Das wiederum weiß die Nachwelt jetzt, weil vor kurzem das Buch „Oscar Begas 1828-1883. Ein Berliner Maler zwischen Hof und Bourgeoisie“ erschienen ist. Geschrieben hat es Wolfgang Cortjaens. Der promovierte Bau- und Kunsthistoriker hat in seiner Zeit als Kustos und stellvertretender Leiter des Begas-Hauses, wo er von 2011 bis 2015 tätig war, vor allem über den erstgeborenen Sohn von Carl Joseph Begas d.Ä. geforscht.

Dieser gehörte zwar zur Künstlerdynastie Begas, die ihre Wurzeln in Heinsberg hat, doch der Nachruhm des ehemaligen „Wunderkinds“ währte nach seinem frühen Tod heute vor 134 Jahren nur kurz. Das könnte die Neuerscheinung ändern, die mit einem ausführlichen Werkverzeichnis und einer Biografie eine Basis für weitere Forschung liefert.

Zwischen den 280 Seiten auf Hochglanzpapier mit brillanten Abbildungen steckt viel Detektivarbeit, die unter anderem auf dem Nachlass basiert, den die direkten Nachfahren Ekkehard Begas und Erika Krabs, geb. Begas, dem Begas-Haus überlassen haben. Man muss kein Kunstexperte sein, um das Buch genießen zu können. Es liest sich wie ein Gesellschaftsporträt Berlins im 19. Jahrhundert in Bildern, vor allem aber ist es eine spannende Familiengeschichte.

Seinen Kontakten zur Akademie der Künste in Berlin verdankt Cortjaens den Hinweis zum Bildnis der Dame in Blau. Der dortige Direktor des Archivs Werner Heegewaldt ist ein Nachfahre der Familie. Er zeigte ihm auch die Fotografie, nach der das Gemälde entstand.

Rita Müllejans-Dickmann, Leiterin des Museums, findet es fast schade, dass sie jetzt die Geschichte von Mathilde nicht mehr vor einem Gemälde erzählen kann. Sie war so schön traurig. Aber ein neues Schild muss her. Die Schöne heißt Elisabeth.

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