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Köln: Neuauflage von Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ feiert in Köln Premiere

Köln : Neuauflage von Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ feiert in Köln Premiere

Interesse und Wertschätzung für Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ sind derzeit so hoch, dass ausverkaufte Vorstellungen für diese zwar nicht mehr ganz neue, aber in ihrer Tonsprache und Dramaturgie ungebrochen moderne Oper nur auf den ersten Blick verwundern dürfen. In Köln, der Stadt, in der „Die Soldaten“ 1965 uraufgeführt wurde und die es mit Zimmermann nicht immer gut meinte, leistet man jetzt zum 100. Geburtstag des 1970 gestorbenen Komponisten ein wenig Abbitte.

Die Vielzahl der Rollen, die exorbitante Größe des Orchesters samt Jazz-Combo und Zuspielbändern sowie das simultane Spiel auf verschiedenen Schauplätzen — all das bringt jedes Opernhaus an seine Grenzen. Das Kölner Staatenhaus freilich bietet mit seinen flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten erheblich bessere Bedingungen, die allerdings bei weitem nicht ausgeschöpft werden.

Das Orchester ist traditionell im Vordergrund postiert, einige Spielgruppen werden an den Seiten im Publikum platziert. Als Spielfläche dient eine die gesamte Halle umkreisende Balustrade. Das Publikum muss sich mit spartanischen, aber drehbaren Sitzen mit dem Komfort eines Melkschemels begnügen. Immerhin kann es, fleißig rotierend, die Geschehnisse auf dem Rundgang verfolgen, auch wenn die Figuren meist winzig klein erscheinen oder vor den Projektionen völlig verschwinden.

Carlus Padrissa führt Regie, er interessiert sich weniger für die dramaturgischen und psychologischen Aspekte eines Werks als für optische Spielereien. Die Wände des Rundlaufs werden ständig mit Videos bespielt, wobei die handelnden Personen oft nur schemenhaft wahrgenommen werden können. Die wenigen kleiner dimensionierten Szenen inszeniert er routiniert und solide. Wenn angesichts der optischen Übersättigung mit Licht- und Videoeffekten etwas haften bleibt, dann sind es einige Bilder. So das Schlusstableau, wenn sich die heuchelnd-unmenschlichen Täter versammeln und zum gleißenden Scheinwerferlicht ihr grausames Ende finden. Viel schwächer fällt dagegen die letzte Begegnung der sozial entwurzelten Marie mit ihrem Vater aus, der sie nicht mehr erkennt.

Menschen sind kaum zu erkennen

Dabei steht gerade die Empathie für das Mädchen, das ohne Schuld von gewissenlosen Soldaten und Adeligen in die Gosse getrieben wird, im Mittelpunkt des Stücks. Sowohl in der Vorlage des gleichnamigen Theaterstücks von Jakob Michael Reinhold Lenz aus dem Jahre 1776 und erst recht bei Bernd Alois Zimmermann, der das Mitgefühl für alle, denen Unrecht geschieht, zum ethischen Credo seines ganzen Schaffens erhoben hat.

Aber Menschen sehen wir bei Carlus Padrissa ohnehin kaum, sondern marionettenhaft agierende Wesen einschließlich Marie, die zickiger und arroganter gezeichnet wird als sinnvoll. Viel Empathie für das Mädchen ist in Köln nicht zu spüren.

Für die Kölner Oper und für Generalmusikdirektor François-Xavier Roth ist die Produktion der anspruchsvollste und wichtigste Beitrag der Saison. Und Roth führt das Ensemble und das vorzügliche Gürzenich-Orchester mit traumwandlerischer Sicherheit durch die komplexe Partitur, lässt sowohl die brutalen dynamischen Einschläge wie auch die unterschwellig zarten Klänge leuchtkräftig und wirkungsvoll zur Geltung kommen. Die Spannung bleibt von ersten bis zum letzten Takt gewahrt.

Und auch die Sänger wachsen angesichts der enormen Herausforderungen über sich hinaus. Das betrifft nicht nur die Protagonisten, sondern das gesamte Ensemble.