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Aachen: Nancy Graves: Von der Mondlandung geprägt

Aachen : Nancy Graves: Von der Mondlandung geprägt

Im Moment stehen sie noch geduldig in ihrem Stall und rühren sich nicht: das Kenia Dromedar und das Mongolische Kamel. Der „Stall“, das ist das Depot des Aachener Ludwig Forums, wo die beiden einen beträchtlichen Raum einnehmen, kein Wunder bei einem Stockmaß von 2,44 und einer Länge von 3,20 Metern — überlebensgroß.

Eigentlich haben die „Kinder“ der amerikanischen Künstlerin Nancy Graves einen ganz persönlichen Namen verdient, denn sie sind mit der Supermarket Lady zweifellos die Stars nicht nur des Ludwig Forums, sondern überhaupt der Ludwig’-schen Ära der zeitgenössischen Kunst in Aachen von Anfang an: 1970 verblüfften sie das Publikum bei der Eröffnungsausstellung der Neuen Galerie im Alten Kurhaus, dem Vorläufer-Institut des Ludwig Forums. Aber offenbar ist trotzdem bislang noch niemand auf die Idee gekommen, die Aachener Kunst-Kamele zu taufen.

Sie war eine äußerst vielseitige Künstlerin: Nancy Graves (1939-1995). Mit einem Schlag berühmt wurde sie 1969, als sie als erste Künstlerin unter 35 Jahren im New Yorker Whitney Museum of American Art eine Einzelausstellung erhielt.
Sie war eine äußerst vielseitige Künstlerin: Nancy Graves (1939-1995). Mit einem Schlag berühmt wurde sie 1969, als sie als erste Künstlerin unter 35 Jahren im New Yorker Whitney Museum of American Art eine Einzelausstellung erhielt. Foto: National Gallery of Australia, Canberra

Möglicherweise ändert sich das ja ab dem 13. Oktober, wenn das Haus Nancy Graves eine Retro-spektive widmet mit einer historischen Ausstellung, die es so bislang noch nicht gab. „Es ist die mit über 70 Werken weltweit erste kunsthistorische Aufarbeitung ihres Werks“, sagen die beiden Kuratorinnen, Direktorin Brigitte Franzen und Annette Lagler. Und das ist sehr vielgestaltig und beschränkt sich keineswegs nur auf spektakuläre Kamel-Skulpturen.

Groß und breit ist die Unterstützung des Projekts: Renommierte amerikanische Autoren und einschlägige Kenner der Kunst der sechziger und siebziger Jahre konnten problemlos für die Essays des in Deutsch und Englisch erscheinenden Katalogs gewonnen werden. Die Nancy Graves Foundation in New York, die Kulturstiftung des Bundes, die Kunststiftung NRW, die Peter und Irene Ludwig Stiftung, die Terra Foundation for American Art, die Royal Academy of Arts in London und viele weitere Museen warfen sich ins Zeug, um das Aachener Vorhaben möglich zu machen.

Bildhauerin, Malerin, Bühnenbildnerin, Filmemacherin: Nancy Graves hat bis zu ihrem frühen Tod 1995 — geboren wurde sie 1939 in Pittsfield, Massachusetts — kaum eine künstlerische Disziplin ausgelassen, um ihre universale künstlerische Neugier zu befriedigen. Und doch ist bis heute kaum Literatur über sie vorhanden, die Forschung weiß wenig. „Dabei war sie Teil einer Bewegung, einer Gruppe“, erzählt Brigitte Franzen.

Mit dem Bildhauer Richard Serra war sie vier Jahre verheiratet, Robert Morris stand sie ebenso nahe wie Chuck Close, Robert Rauschenberg und der Tänzerin Trisha Brown. Mit einem Schlag berühmt wurde sie 1969 mit der ersten Einzelausstellung einer Künstlerin unter 35 überhaupt im Whitney Museum of American Art in New York — der absolut allerersten Adresse für amerikanische Künstler.

Wie hautnah am Puls der Zeit die Aachener Kunstszene durch Peter Ludwig war, beweist die Tatsache, dass zwei ihrer insgesamt fünf Kamele — die anderen drei befinden sich heute im kanadischen Ottawa — bereits ein Jahr später ihren Weg in die Neue Galerie fanden. Extra für Aachen angefertigt. Ein weiteres Jahr später war hier eine Ausstellung allein Nancy Graves gewidmet.

Das Kamel als künstlerisches Objekt der Begierde — wieso eigentlich? „Das Motiv war für sie bildhauerisch sehr reizvoll“, erklärt Annette Lagler. Das hohe biologische Alter, die Gestalt und die Fortbewegungsart faszinierten Nancy Graves, wobei sie keineswegs reine Nachbildungen im Sinn hatte, sondern selbstständige Konstruktionen aus einem Holzgestell und einem Fell aus jeder Menge „Tierkleider“, denen von Kaninchen zum Beispiel. „Sie liebte das Spiel mit der Täuschung, der Irritation“, sagt Brigitte Franzen und ergänzt: „Ihr ging es um das Thema Wahrnehmung. Sie wollte die gängigen Gattungen sprengen.“

Gedanklicher Hintergrund war eine ganz neue Erfahrung für die Menschheit Ende der sechziger Jahre. Annette Lagler: „Die Mondlandung war unwahrscheinlich bedeutend, der Blick der Astronauten zurück auf den winzigen, blauen Planeten Erde brachte das Bewusstsein hervor, wie kostbar diese Insel im Universum eigentlich ist.“ Die Natur wurde für die Künstler immer wichtiger, Nancy Graves interessierte sich zunehmend für die Kultur der Tiere, durchstöberte die Bibliotheken nach einschlägiger Literatur.

Ludwigs Leidenschaft

Dann kam das Whitney Museum: „Das war ein unglaubliches Ereignis.“ Und für Peter Ludwig offenbar ein elektrisierendes Erlebnis — Werke von Nancy Graves sammelte er bis zu seinem Tod mit einer ganz besonderen Beharrlichkeit und Leidenschaft. Für ihre Einzelausstellung in Aachen 1971 standen der damals noch jungen Künstlerin kaum eigene Werke zur Verfügung.

Fünf Studenten der damaligen Werkkunstschule, Vorläufer der Fachhochschule in Aachen, halfen ihr über mehrere Monate, um ihre Entwürfe für diverse Installationen fertigzustellen. Während der Zeit wohnte Nancy Graves im Dachgeschoss des Alten Kurhauses an der Komphausbadstraße.

Ihr breit gestreutes Interesse für andere Kulturen, die präkolumbianische ebenso wie die indianische oder die der Antike — sie war die Quelle für ihre künstlerische Kreativität. Brigitte Franzen: „Dabei hat sie als Malerin begonnen.“ 1964 führten sie Reisen nach Paris und Florenz — Brancusi und die barocke Skulptur beeindruckten sie besonders tief. Zurück in den USA, begann sie, Satellitenbilder zu malen und zu zeichnen, Karten von unerreichbaren Orten und Klimakarten — offenbar beeinflusst von der als so ungeheuerlich empfundenen Per-spektive der Astronauten.

Die Formen verselbstständigten sich dabei. „Wie Jasper Jones suchte sie nach abstrakten Formen im Vorhandenen, im Material“, erklären die beiden Kunsthistorikerinnen. Im Fundus der Nancy Graves Foundation stöberten sie zum Beispiel eine handtellergroße Fotografie einer Wetterformation auf, die Nancy Graves als Vorbild für ein Gemälde benutzte: die Aufnahme eines Zyklons aus dem Jahr 1974.

Später wendete sie diese Darstellungen in die dritte Dimension und fertigte daraus Skulpturen; die pointilistische Art ihrer Malerei „übersetzte“ sie dabei in entsprechendes Material. Und schließlich entwarf sie Bühnenbilder für das Tanzballett der berühmten Trisha Brown Dance Company.

Ganzheitliches Denken

Die Aachener Ausstellung wird ergänzt von Werken kongenialer Geister, um „ihren Standort in der Kunstgeschichte nachdrücklich zu markieren“, berichten die Kuratorinnen. Dazu gehören wichtige Positionen besonders der „documenta 5“, als Harald Szeemann 1972 den Begriff der „Individuellen Mythologien“ prägte und Nancy Graves einen Platz in der entsprechenden Abteilung der „documenta“ fand.

Paläontologie und Archäologie — sie waren für Nancy Graves ein ganzes künstlerisches Leben lang wichtige Inspirationsquellen. Annette Lagler: „Sie war eine der ersten Repräsentantinnen einer Bewegung: wie wir es heute nennen — des ganzheitlichen Denkens.“