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Essen: Nachdenklicher Abend im neuen Weltkultur-Erbe

Essen : Nachdenklicher Abend im neuen Weltkultur-Erbe

Die Essener Zeche Zollverein und die angrenzende Kokerei sind am Samstag im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau von der Unesco feierlich als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden.

Der Industriekomplex repräsentiere in herausragender Weise gleichzeitig die Entwicklung der europäischen Schwerindustrie und des Designs.

Gleichzeitig beging man hier den festlichen Auftakt zur Ruhrtriennelöa mit einem eher schwerblütigenm Abend „Deutschland, Deine Lieder”.

Bundespräsident Rau mahnte zur Eröffnung der „Europäischen Denkmalschutztage 2002” auf Zollverein einen lebendigen Denkmalschutz an, „damit wir nicht zu Analphabeten der Erinnerung werden”.

Viele hätten in den vergangenen Jahrzehnten mitgeholfen, dass Zollverein als „großartiges Symbol der Montangeschichte im Ruhrgebiet erhalten bleibt”.

Zehntausende Besucher strömten anschließend zum Auftakt der Ruhrtriennale zur „ExtraSchicht - Nacht der Industriekultur” in zahlreiche stillgelegte Zechen, Stahlwerke und Industrieanlagen des Ruhrgebiets.

Von Duisburg bis Hamm wurden bis tief in die Nacht an 32 Spielorten über 100 Veranstaltungen wie Kleinkunst, Musik, Ausstellungen und Führungen geboten. In Essen erstrahlte die Zeche Zollverein mit einer Licht- und Klanginszenierung in neuem Licht.

„Deutschland, Deine Lieder” hieß der Theaterabend, mit dem Bochums vielfach gefeierter Schauspiel-Intendant und Regisseur Matthias Hartmann am Samstag in Essen offizielle die neue Ruhrtriennale, das kulturpolitische Prestigeobjekt Nordrhein- Westfalens, eröffnet hat.

Das begeisterte Premieren-Publikum beklatschte den Auftakt der Festspiele, mit denen in den kommenden drei Jahren (Etat: 41 Millionen Euro) das ehemals rußige Ruhrrevier nach dem Willen der NRW-Landesregierung auf dem internationalen Kultur-Parkett glänzen soll.

Zur Aufführung: Es sind die spärlichen Spuren eines deutschen Männerlebens, vor denen der junge Mann in der Wohnung des eben verstorbenen, ihm so fremd gewordenen Vaters steht.

Ein großer Schrank, in dem seine Kinderkleidung hängt oder in dem per projizierter Kriegs-Wochenschau Luftkämpfe toben, wird dem Sohn zum Fenster in die Vergangenheit des Vaters und gleich des ganzen „Vaterlandes”.

Ein bewundernswerter A-Capella-Chor bot in dem knapp 90-minütigen Multimedia-Abend collagehaft und melodiös verfremdet all das Liedgut, das von der Bach-Kantate bis zu Rio Reiser, von der Loreley bis zum „Lieb Vaterland” recht klischeehaft für „typisch deutsch” durchgeht, wenn es nur sehnsüchtig genug daherkommt.

Zeitversetzt mischte eine Video-Projektion die Bewegung des diszipliniert agierenden Sohnes (Marcus Bluhm), dem ein schmaler Laufsteg hinter Gaze-Vorhang zu Häuptern der Sänger zugewiesen war, mit Filmausschnitten vom Nürnberger Prozess bis zur 50er Jahre Klamotten zu einem durchaus anrührenden Bilderbogen deutscher Identitätssuche.

Doch die in einer Bauhaus-Industriehalle der frisch zum Weltkulturerbe geadelten Essener Zeche Zollverein dargebotene intelligente Mischung von Bild und Ton, oft an die Bühnenexperimente Piscators erinnernd, erhielt durch den schwermütigen Text des jungen Münchner Dramatikers Albert Ostermaier eine bleierne Last.

Allzu selbstquälerisch, mitunter arg prätentiös, hadert der Sohn im Langstrecken-Monolog mit der Landser-Vergangenheit seines Vaters.

Hier wäre dem Autor, dessen Text Regisseur Hartmann erst kurz vor der Premiere eingefügt hat, die facettenreiche Brechung zu wünschen gewesen, die der musikalische Arrangeur des Abends (Parviz Mir-Ali) mit seinem gegen den Strich gebürsteten Liedgut bewiesen hat.