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Bonn: Mystische Tonleitern umschmeicheln das Ohr

Bonn : Mystische Tonleitern umschmeicheln das Ohr

Eine vom Publikum umjubelte Inszenierung der Gandhi- Oper „Satyagraha” des amerikanischen Komponisten Philip Glass hat die Bonner Oper am Sonntagabend herausgebracht.

Das dreiaktige Werk, das seit seiner Rotterdamer Uraufführung 1980 nur noch einmal in Stuttgart zu sehen war, erzielte jetzt als Beitrag zur Biennale Bonn in der altindischen Hochsprache Sanskrit einen fast sensationellen Erfolg.

Das „Festhalten an der Wahrheit”, so die Übersetzung des Titels, basiert auf Gesangstexten aus dem altindischen Lehrgedicht „Bhagawadgita”, die als Übertitel ins Deutsche übersetzt waren.

Ohne sie wäre die opernhaft umgesetzte Lehre Mahatma Gandhis vom gewaltlosen Widerstand aus seiner südafrikanischen Zeit - wenn überhaupt - dann bestenfalls bruchstückhaft übergekommen. So aber wurden die Verse Teil eines theatralischen Zaubers, der sich schon nach den ersten Takten im Haus auszubreiten begann.

Klänge versöhnlicher Harmonie ließ Ulrich Windfuhr am Pult aus dem Orchestergraben verströmen, in dem das Beethovenorchester mit voller Streicherbesetzung, einigen Holzbläsern und Orgelbegleitung in absoluter Präzision musizierte.

Zwar erzeugt die anhaltende Wiederholung bestimmter, aus brahmanischer Philosophie abgeleiteter Tonfolgen eine gewisse einlullende Monotonie, doch dafür bleiben den Zuhörern ohrenmalträtierende Dissonanzen erspart. Mystische Triolen und Tonleitern im Dreivierteltakt umschmeicheln das europäische Trommelfell aufs Angenehmste.

Was die Glass-Oper hörenswert macht, übertrug der rumänische Regisseur Silviu Purcarete mit bemerkenswerter Phantasie auf die Welt des Sehens. Er zog mit Bühnen- und Kostümbildner Helmut Stürmer alle Register der Personenführung und Technik.

Quervorhänge vergrößern und verkleinern Räume, farbige Projektionen wecken Assoziationen zu Feuer, Luft und Wasser und Gestalten aus der Mythologie bevölkern ge-spenstisch die verschiedenen Ebenen der Szene.

Bezwingend und voller atemloser Spannung zuletzt die Schlussbilder, in denen die Darsteller ihr Leben als rinnenden Sand aus ihren Koffern kippen und wie Mumien mit weißem Papier umwickelt werden.

Hohen Ansprüchen gerecht wurden auch die Sänger der Bonner Aufführung, allen voran der aus den Vereinigten Staaten stammende Tenor Mark Rosenthal in der Rolle Gandhis. Zu einem Hörerlebnis der besonderen Art entwickelte sich der von Sibylle Wagner geleitete große Chor, der in seiner stimmlichen Geschlossenheit mitreißende szenische und musikalische Schwerpunkte setzte.

Oper „Satyagraha” von Philip Glass an der Oper Bonn, Am Boeselagerhof 1, 0228/778001.

Weitere Vorstellungen: 16., 18., 26. Juni, 4., 11., 16. Juli, 19.30 Uhr.

Karten unter 0228/778008 oder 778022, Mi.-Fr. 10-15.30, Sa. 9.30-12 Uhr.