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Köln: MusikTriennale: Voll unwiderstehlicher spiritueller Kraft

Köln : MusikTriennale: Voll unwiderstehlicher spiritueller Kraft

24 Stunden Stockhausen an zwei Tagen: Das riecht nach einem Härtetest für masochistisch veranlagte Avantgardisten der unerschrockensten Sorte. Doch weit gefehlt.

Was die MusikFabrik NRW, das ambitionierteste Ensemble unseres Landes für Neue Musik, an neun Kölner Spielstätten an zwei Tagen jeweils von 12 Uhr mittags bis Mitternacht zum Besten gab, markierte nicht nur einen absoluten Höhepunkt der Kölner MusikTriennale, sondern vermittelte zugleich Einblicke in das Spätwerk des vor drei Jahren verstorbenen Meisters, die so gar nicht zum Klischee des einstigen Bürgerschrecks passen wollen.

„Klang” heißt der letzte große Zyklus Stockhausens. Nach der kompositorischen Auseinandersetzung mit den sieben Tagen der Woche in „Licht” beschäftigt sich Stockhausen in „Klang” mit den „24 Stunden des Tages”. Zyklen zu den Minuten der Stunde und Sekunden der Minute sollten folgen.

Auch „Klang” konnte Stockhausen nicht mehr vollenden. Immerhin hat er 22 der 24 Teile hinterlassen, die jetzt in Köln zum ersten Mal zyklisch in mustergültigen Interpretationen an hochinteressanten Spielstätten präsentiert wurden. So extrem der Aufwand für die Bühnenwerke aus „Licht” ausfiel, so extrem reduziert Stockhausen die äußeren Mittel in „Klang”.

Kammermusik vom Feinsten ist zu hören, vom Solo-Klavier und einem zarten Duo für zwei Harfen über Dialoge von Einzelstimmen mit elektronischen Realisationen bis zum Septett als größte Formation reicht der ebenso sparsame wie bunte Besetzungs-Reigen. Die musikdramatischen Akzente von „Licht” finden in etlichen rhetorisch bewegten Dialog-Situationen ihren Nachhall. Im „Glanz” der 10. Stunde und der „Schönheit” der 6. Stunde scheinen die Musiker wandelnd und gestisch artikulierend imaginäre Spielszenen anzudeuten.

Die Werke sind von einer abgeklärten Ruhe und Schönheit geprägt, die nur noch entfernt an die strengen seriellen Studien seiner früheren Phasen erinnern. In denkwürdigen Szenarien wie dem unterirdischen Prätorium, inmitten der Ruinen des einstigen römischen Statthalterpalastes, in Kirchen wie St. Andreas oder dem Domforum entfaltet die Musik eine unwiderstehliche spirituelle Kraft, die auch ohne den ideellen Wust zur Geltung kommt, mit dem sich Stockhausen zunehmend von der Avantgarde isolierte.

Man braucht nicht an seine Vorstellung zu glauben, er verdanke seine Musik seinen Erfahrungen aus einem früheren Leben im Sonnensystem des Sirius. Sein „Schwanengesang” weist ihn als den großen Künstler aus, der er zeitlebens gewesen ist. Und das goutierten die Hörer der gut besuchten Vorträge mit viel Beifall.