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Aachen: Musikalischer Krimi hart am Puls der Zeit

Aachen : Musikalischer Krimi hart am Puls der Zeit

So nah und doch so fern: Wer kennt den Komponisten Philippe Boesmans, Hauskomponist der Brüsseler Oper La Monnaie, für die er bereits mehrere Werke geschrieben hat und die ihn sogar mit einer Plakette neben Mozart, Verdi und Janacek im Opernhaus verewigt hat? Der heute 79-Jährige ist mit seinen Werken bisher nur unter Kennern ein Star — besonders in Belgien.

Als Ewa Teilmans eine Aufführung der Boesmans-Oper „Au Monde” erlebt, ist ihr klar, dass sie dieses Werk inszenieren wird, in Aachen, für die Bühne des Großen Hauses und am liebsten mit dem Komponisten im Zuschauerraum. Beides gelingt, denn Boesmans hat seinen Besuch angekündigt.

Sie inzeniert „Au Monde“ des in Tongeren geborenen Komponisten Philippe Boesmans: Ewa Teilmans.
Sie inzeniert „Au Monde“ des in Tongeren geborenen Komponisten Philippe Boesmans: Ewa Teilmans. Foto: Ralf Roeger

In französischer Sprache

Am kommenden Sonntag, 18 Uhr, findet in Aachen die deutsche Erstaufführung von „Au Monde” statt, in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Etwas ist ganz neu: „Ich habe mit Boesmans über eine gute deutsche Übersetzung von ,Au Monde’ diskutiert”, erinnert sich die Regisseurin an ein Treffen in Paris. „Was soll man da sagen: An die Welt? Über die Welt? Das passte alles nicht”, erzählt sie. Dann meinte Boesmans spontan: „Warum kein Wortspiel: ,Au Monde. O Welt’, das trifft es doch genau.”

Im Libretto von Joël Pommerat, der übrigens am 30. März 2014 in Brüssel die Uraufführung inszeniert hat, geht es extrem weltlich zur Sache. Die Handlung spielt im Haus eines Stahlfabrikanten, der durch die Produktion von Waffen reich geworden ist. Nun will der Patriarch die Leitung des Konzerns an seinen zweiten Sohn abgeben.

Es gibt aber noch einen älteren Sohn, einen Schwiegersohn und drei Schwestern, eine von ihnen ist adoptiert — genug Stoff, um einen brisante Geschichte zu erzählen. „Boesmans hat keine Angst vor Melodien”, sagt Ewa Teilmans. „In dieser Familie wird eine Menge unter den Teppich gekehrt, man redet aneinander vorbei, meint es nicht ehrlich, wenn man vordergründig nett zueinander ist — und das hört man sehr gut in der Musik, an den Dissonanzen im Wohlklang.”

Es hat sie berührt, wie es der Komponist versteht, die Psychologie der Personen musikalisch zu zeichnen, eine Atmosphäre zu schaffen, die diese unterschwellig von Gewalt geprägte Welt charakterisiert. Für sie ist klar: „Wo es Waffen gibt, da werden sie auch benutzt, dort entwickelt sich Gewalt.”

20 Szenen ohne Pause

In 20 Szenen (ohne Pause) entwickeln Librettist und Komponist die sich zuspitzende Handlung. Ewa Teilmans hat die Vorlage zum Ablauf eigenhändig übersetzt. Boesmans weicht von der klassischen Opernform ab, in der man eine Geschichte in Akte einteilt. „Und das ist wunderbar, so bleibt der Spannungsbogen erhalten”, meint die Regisseurin.

Mit dem Ensemble hat sie intensiv gearbeitet, nicht nur szenisch. Jede Probe begann mit einer Fragestunde, seelische Befindlichkeiten und Auslegungsfragen spielten eine große Rolle. „Es gibt Szenen, da könnte man vermuten, es handelt sich um einen Traum, aber sicher ist das nicht”, erzählt Ewa Teilmans. „Es werden zahlreiche Fährten gelegt. Tatsächlich ist diese Oper ein Krimi.”

All das wird in einem hohen, grünlichen Raum spielen, kühler Anklang an die militärischen Produkte, an den Stahl. Im Laufe der Oper nehmen die Verwicklungen zu. In ihrer Regie will Ewa Teilmans das deutlich verstärken, keine Lösungen anbieten, im Gegenteil. Wurde in dieser Familie gemordet? Was ist wirklich passiert? Was verrät dieser Mikrokosmos Familie über die Gesellschaft?

Und wie geht die Regisseurin mit der Realität des aktuellen Terrors um? „Diese Oper zeigt, dass alles miteinander verbunden ist, dass wir Teil eines Entwicklungsprozesses sind, der zum Terror führt — regional, national und global. Das Stück ist unglaublich nah am Nerv der Zeit.”