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Weills „Street Scene“ an der Oper Köln

Oper Köln : Viel Aufwand und viele Fragen

Mit „Street Scene“ versuchte Kurt Weill, einen spezifisch amerikanischen Operntypus zu schaffen. Nicht sonderlich erfolgreich. Die Kölner Neuinszenierung im Deutzer Staatenhaus kann die Bedenken nicht ausräumen.

Den Traum, einen ureigenen amerikanischen Operntypus zu schaffen, konnte Kurt Weill ebenso wenig verwirklichen wie später Leonard Bernstein. Der deutsche Emigrant Kurt Weill hatte dabei nicht nur mit dem Problem zu kämpfen, Vorurteile gegen die Vermischung von Jazz-, Spiritual- und Broadway-Einflüssen mit Elementen der klassisch-romantischen Oper Europas zerstreuen zu müssen, sondern auch, seine erfolgreiche Vergangenheit als Komponist der „Dreigroschenoper“ vergessen zu lassen. Wie schwer sich nicht nur das Publikum, sondern auch Weill selbst mit dieser Herausforderung tat, zeigt sich an seiner interessanten, aber alles andere als gelungenen Oper „Street Scene“, die nach ihrer amerikanischen Uraufführung 1947 in Europa erst seit den 90er Jahren wenigstens ab und zu zur Kenntnis genommen wird.

Die Kölner Neuinszenierung im Deutzer Staatenhaus kann die Bedenken nicht ausräumen, auch wenn sich die Kölner Oper mit gewaltigem Aufwand für das Stück einsetzt, für das immerhin 40 Solo-Rollen zu besetzen sind, ergänzt durch eine Tanzgruppe, einen großen Opernchor, zwei Kinderchöre, eine stattliche Statisterie und ein sinfonisches Orchester. Dass damit auch die Kostüm- und anderen künstlerischen und technischen Abteilungen in hohem Maße gefordert werden, versteht sich von selbst.

Mit der Absicht, einen eigenen Typus jenseits des Broadways und der europäischen Oper zu kreieren, verzettelt sich Weill in einem fast collagehaften Stilmix aus Spiritual, Revuetanz, großer Oper und breitem sinfonischem Sound aus der Filmwerkstatt. Damit ließe sich leben, wenn sich das Libretto auf der Grundlage von Elmer Rices gleichnamigem Drama nicht durch seinen erzählend-epischen Charakter vor allem im langen ersten, ohne Entwicklungen und Steigerungen ablaufenden Akt als dramaturgisch zäh entpuppen würde. Im zweiten Teil kommt die Handlung zwar in Gang, mündet nach einem tragischen Höhepunkt jedoch in eine sentimentale Abschiedsszene wie aus einem Hollywood-Streifen der 40er Jahre.

Worum geht es in „Street Scene“? Im Mittelpunkt stehen die Bewohner eines heruntergekommenen Mietshauses in der Lower East Side New Yorks. Zwei Handlungsstränge halten das bunte Bündel von mehr oder weniger gelungenen Charakterisierungen der unterschiedlichen Figuren zusammen. Die Ehekrise von Anna Maurrant und ihrem eifersüchtigen, trunksüchtigen Mann Frank, die mit der Ermordung Annas endet, sowie die Liebesbeziehung zwischen Annas Tochter Rose und Sam Kaplan, die auch zu keinem Happy End führt. Der erste Akt erschöpft sich in etlichen kleinen Milieustudien ohne dramatischen Elan, während sich im zweiten Akt die Ereignisse überstürzen, die stärksten Momente jedoch ohne Musik als Schauspiel ablaufen.

Der Realismus, mit dem Rice die Lebenssituationen der Bewohner detailliert umreißt, dürfte sich ohnehin als Schauspiel eindringlicher darstellen lassen als in einer vertonten Version, die vieles abmildert. Und das schlägt sich auch in der an sich ambitionierten und sorgfältig ausgearbeiteten Inszenierung von John Fulljames nieder, der sowohl die Einzelfiguren als auch die Chöre souverän führt und charakterisiert. Doch in dem musikalischen Umfeld erhält das Werk märchenhaft geglättete Züge wie aus einer heute gängigen Musicalproduktion, wozu auch die wie einem Bilderbuch entnommenen Kostüme von Dick Bird beitragen. Als Bühnenbildner beeindruckt Bird immerhin mit einer gigantischen, in zahlreiche einsehbare Wohnparzellen geteilten Mietshausfassade, hinter der sich die entfernte Silhouette des wohlhabenden Manhattans abzeichnet.

Das im Bühnenhintergrund postierte Orchester überlagert die Singstimmen nicht, so dass Tim Murray am Pult des Gürzenich Orchesters die stilistisch zerfahrene Partitur leuchtkräftig zum Klingen bringen kann, ohne die Sänger in Bedrängnis zu bringen. Und die haben es nicht immer leicht, die Lockerheit von Musicalsongs und die Anforderungen anspruchsvollen Operngesangs in gleichem Maß erfüllen zu können. Insgesamt kann man der Produktion ein hohes vokales Niveau bescheinigen, wobei die besonders schwierigen Partien des Sam Kaplan mit Jack Swanson, der Anna Maurrant mit Allison Oakes sowie deren Tochter Rose mit Emily Hindrichs nahezu perfekt besetzt sind. Ein Sonderlob verdient die geschlossene Ensembleleistung wie auch der vitale Einsatz der Kinder des Kölner Domchores und des Mittelstufenchors des Brühler Max Ernst Gymnasiums.

Heftiger, aber nicht sonderlich langer Beifall des Premierenpublikums nach einem langen Opernabend, der einige Fragen offen lässt.