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Ein Blick hinter die Kulissen: Warum Hip-Hop die Charts stürmt

Ein Blick hinter die Kulissen : Warum Hip-Hop die Charts stürmt

Die „Zehnerjahre“ sind Geschichte. Digitale Geschichte. In keiner Dekade zuvor ließ sich das Sozial- und Konsumverhalten derart transparent darstellen. Und nie einfacher und effizienter manipulieren. Ein Blick hinter die Kulissen der Verkaufshitparaden. Es zählt nicht die Stückzahl, sondern der Umsatz.

Ein paar hunderttausend „Likes“ in den Gefühls-Durchlauferhitzern der Sozialen Netzwerke hier, ein paar Millionen Klicks bei den gängigen Streaming-Diensten und bei YouTube da – fertig ist das Stimmungsbarometer. Dazu passt, dass man allzu gerne blauäugig auf die alljährlich einprasselnden Meldungen des Bundesverbands der Musikindustrie, auf die Charts-Ermittler der GFK und von Spotify reinfällt. Rasch werden vermeintliche Trends kolportiert, Bestenlisten kopiert, ohne darüber zu informieren, wie die eigentlich zustande kommen.

Jüngstes Beispiel: Hip-Hop und Rap seien die weltweit umsatzstärksten, ja sogar die derzeit meistgehörten Musikformen, wird mal wieder behauptet. Es ist zum Gähnen. Seit Jahren wird der Niedergang der Rock- und Popmusik beschworen, weil Rapper, die nicht kennen kann, wer nicht ganz tief in der Szene verwurzelt ist, so schnell Nummer-Eins-Alben landen, wie sie auch gleich wieder von der Bildfläche verschwinden.

Zugegeben: Für den geneigten Pop-Beobachter ist es mitunter noch schwieriger als für den politischen Berichterstatter, die Übersicht zu wahren. Aber deshalb muss man nicht gleich alles Beständige in die Mülltonne kloppen. Zumal ein Blick auf die Mechanismen der Verkaufshitparade, den Charts, die in Deutschland vom Marktforschungsinstitut GFK in Nürnberg erhoben werden, schnell erklären kann, warum Hip-Hop mitunter wie ein undurchdringlicher Kult wirkt.

Box-Sets und Deluxe-Editionen

Wer – außerhalb der Szene – kennt beispielsweise die beiden Dresdener Rapper Azet & Zuna? Deren Album „Super Plus“ nahm am 15. März 2019 die Nummer Eins der Albumcharts ein und hielt sich dort, wie die meisten Rap-Alben, lediglich eine Woche lang. Dass es überhaupt an die Spitze gelangte, ist den „Werte-Charts“ geschuldet, die ausschließlich in Deutschland erhoben werden.

Seit 2007 werden Alben darin nicht in erster Linie nach verkauften Stückzahlen, Downloads und Streams, sondern nach Umsatzvolumen gewertet. Die Hip-Hop-Wirtschaft hat den Braten früh gerochen und liegt mit limitierten Fan-Box-Sets und Super-Deluxe-Editionen immer wieder vor Pop- und Rockproduktionen. Von denen werden mitunter größere Stückzahlen abgesetzt, aber weil sie weniger Umsatz generieren, erklimmen sie nicht mehr automatisch die besten Plätze in den Charts-Wertungen.

Azet & Zuna gaben ihr Album während der Veröffentlichungsphase auch als rund 50 Euro teure „Ghettoletten-Box“ heraus, mitsamt Handtuch, Poster, CD und Gummilatschen. In der Jahresendwertung der fünf bestverkauften Alben dieses Landes sind aber weder diese beiden Rap-Kollaborateure noch ein anderer Hip-Hop-Potentat verzeichnet, weil gegen Rammstein auf Platz eins, gefolgt von Sarah Connor (zwei), Udo Lindenberg (drei), Grönemeyer (vier) und Andrea Berg (fünf) eben offensichtlich noch kein Rap-Kraut gewachsen ist.

Erst auf Rang sechs taucht mit Kontra K ein Rapper in der Verkaufshitparade auf. Das erfolgreichste Album des Jahrzehnts ist übrigens „Farbenspiel“ von Helene Fischer, gefolgt von „Große Freiheit“ von Unheilig und „Weihnachten“, ebenfalls von Helene Fischer

Anders sieht es in den Spotify-Jahrescharts aus. Darin haben die Rapper Apache 207, Capital Bra und Post Malone klar die Nase vorn. Aber zu welchem Preis? Labels, die gut am Rap verdienen, behaupten zwar gebetsmühlenartig, dass sie keine so genannten Bots, sprich Computerprogramme, nutzen, die automatisiert Musiktitel bei Spotify zum Abspielen bringen. Aber vor wenigen Monaten erklärte ein Computer-Hacker, von den Managements diverser Künstler große Summen erhalten zu haben, um deren Musikstücken hunderttausendfache Streams zu bescheren.

Neu sind dabei lediglich die Methoden. In den 80er Jahren waren es noch mafiöse Strukturen, die Radioprogrammgestalter in den USA mittels weißen Pulvers aus Kolumbien dazu brachten, Singles so oft zu spielen, dass sie Hits wurden. Heute, nach der digitalen Revolution, ist nicht mehr der Musikkonsum, sondern die Musiknutzung, also die auch von Algorithmen vorgegebene Auswahl, der eigentliche Hit-Macher. Vor allem in den Single-Charts, die entsprechend häufig Album-Tracks aufweisen, die gar keine Singles sind. Und so kommt es, dass Rap scheinbar derzeit alles dominiert, obwohl Streaming-Hitparaden gar nicht konkret spiegeln können, was tatsächlich gerade gehört wird. Gilt ein Titel bereits nach 15 oder 30 Sekunden als gehört?

Raus aus der Schmuddelecke

Es ist natürlich Quatsch, ein ganzes Genre in Sippenhaft zu nehmen, weil einige seiner Vertreter sich anscheinend keinem fairen Wettbewerb stellen wollen. Zumal es nur recht ist, dass sich Hip-Hop und Rap endlich endgültig aus der Schmuddel-Ecke befreien konnten. Internationale Stars wie Stormzy und Drake führen vor, dass sich Rap und klassische Popmusik keineswegs ausschließen müssen, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Mit ihren unscharf gehaltenen Abgrenzungen zu anderen Genres unterstreichen sie vor allem die Gewissheit, dass Musik längst keine Standesdünkel mehr braucht. Der Mainstream ist nicht mehr relevant, die Nische erfreut sich zunehmender Beliebtheit und ermöglicht den Ärzten eine binnen 60 Sekunden ausverkaufte Lanxess-Arena oder auch Azet & Zuna ein Nummer-Eins-Album. Hip-Hop lebt, und Rock, Pop und Jazz erfreuen sich trotzdem noch bester Gesundheit.