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Matt Berningers neues Album: Verletzlich und anmutig

Matt Berningers neues Album : Verletzlich und anmutig

Matt Berninger, Sänger von The National, legt sein Solo-Debüt „Serpentine Prison“ vor.

Über sein Solo-Debütalbum „Serpentine Prison“ spricht Matt Berninger vorzugsweise während andere noch schlafen. Es ist 7 Uhr am Morgen in seinem derzeitigen Wohnort Venice, dem Künstlerviertel von Los Angeles. Die meisten der unzähligen Musikschaffenden, die sich in der südkalifornischen Riesensiedlung niedergelassen haben, gehen vermutlich gerade erst zu Bett. Der 49-Jährige Sänger der Indie-Rock-Band The National erzählt hingegen am Telefon, dass er bereits vor zweieinhalb Stunden aufgestanden sei. Wie jeden Morgen. „Ab dem Mittag bin ich zu müde zum Reden“, sagt er. „Meine Tagesenergie ist gegen 15 Uhr beinahe aufgebraucht, dann werde ich unleidlich.“

Die geäußerte Vermutung, nach der er offensichtlich überaus strukturiert lebt, wischt er umgehend mit einem Lachen aus der Leitung. „Ich schlafe sehr schlecht und habe einfach irgendwann aufgehört an meinem Schlafrhythmus zu arbeiten“, meint er und führt aus, dass das Vagabundenleben auf Tournee einem unstrukturierten Charakter wie ihm gut gelegen käme. Dann schlafe er wann er will. „Hier daheim fällt es mir bisweilen schwer, meinen Tagesrhythmus dem Familienleben anzupassen. Wenn ich arbeite, möchte ich einen Monat lang nichts anderes erleben als Musik. Wenn ich nichts zu tun habe, wie jetzt gerade, bin ich so früh wach, dass ich ungestört meinen Tagträumen nachgehen kann. Ich glaube, ich neige zu Extremen“, sagt er.

Bei dieser kurzen Beleuchtung seiner Persönlichkeitsstruktur belässt er es zwar erstmal im Gespräch. Sein Einstandsalbum außerhalb von The National aber ist von Selbsterforschung geradezu durchzogen. Nicht zuletzt deshalb hat „Serpentine Prison“ das Prädikat Soloalbum auch wirklich verdient. Und weil Berninger weder zur Selbstverurteilung noch zur Verklärung neigt, sind die zehn Stücke der Platte von deliziös-verquerer Romantik durchzogen. Die Instrumentierung, das Wurlitzer-Piano, die Hammond B3, geschmackvoll-wohldosiert arrangierte Streicher und Blechbläser, lassen die Musik warm, erdig, fast schon pastoral klingen.

Inhaltlich umweht das Album andererseits eine Form der Verzweiflung. Die wirkt tatsächlich romantisch, weil der Verzagtheit in Berningers Weltsicht praktisch immer die Hoffnung auf Veränderung zum Konstruktiven folgt. „Ich schreibe viel über emotionalen Aufruhr, über innere Unruhe“, formuliert er in stockendem Redefluss seine Songwriter-Handschrift. „Lieder, die nicht unter die Oberfläche blicken lassen und von Wahrhaftigem erzählen, interessieren mich selten. Und ich stelle fest, dass ich eigentlich immer wieder das gleiche Sujet wähle, in anderen Formen.“

Meint er die Angst davor, dem Drang nach Verbindung nicht ohne Blessuren entkommen zu können? Berninger denkt nach, bevor er antwortet. Wenn der Schleier der Illusion erstmal gelüftet sei, trete meistens der zärtliche Grundgedanke hinter jeder Form von Bedürfnis nach Liebe zutage, findet er. Von dieser Erkenntnis lasse er sich beim Songschreiben gerne motivieren, sagt er. Zumal jedem seiner Songs immer auch eine Form von Selbsthilfe zugrunde läge, wie er vorgibt.

Die aufrichtige Auseinandersetzung mit sich selbst ließ seine Band The National zu einer der momentan relevantesten Lieblingsalternativen all jener werden, deren Musikbedürfnisse nicht vom Dudelfunk bedient werden. Vor allem das alternative Pop-England zeigt sich entzückt von The National, gefolgt von den Machern der einflussreichen Campus-Radiosender in Amerika. Die sind zwar beinahe alle vom Grundgedanken der Sozialdemokratie geprägt, aber Berninger verzichtet auf konkrete gesellschaftspolitische Aussagen. Die politische Gegenwart Amerikas klingt in seinen Songs nie direkt an.

Es gehört gerade im Indie-Rock aktuell zum guten Ton, sich gegen Trump zu positionieren. Ihm hingegen sei das plakativ vorgetragene Für und Wider viel zu nahe an Trumps Polarisierungs-Ideologie angelehnt, sagt er. „Ich bekenne mich sehr gerne zu Empathie und Sanftheit in meinen Texten, und letztlich auch in meiner Musik. Das ist in meinen Augen ein eindeutiges politisches Signal, denn es meint nicht die Masse, sondern jeden Einzelnen. Mir kommt dieses ganze Getöse, mit dem Politiker die Welt unterteilen, inzwischen wie eine blanke Form der Unterhaltung vor. Und reines Entertainment hat meiner Ansicht nach nichts zu suchen in der Musik.“

Matt Berninger: „Serpentine Prison“, Caroline Music/Universal Foto: Caroline Music/Universal

Den psychologischen Mehrwert von „Serpentine Prison“, die große Ambivalenz, auf der die Platte fußt, unterstreicht auch das Albumcover. Aus dem Schatten eines der gewienerten Schuhe, die der Protagonist im simplen Portrait trägt, wird der Kopf einer großen Schlange. Dem Braven folgt sozusagen etwas trügerisch Ruhiges auf dem Fuße, das im nächsten Augenblick würgen kann. Berninger schafft damit ein Motiv, das auch gleich den ersten Song der Platte bestimmt. „My Eyes Are T-Shirts“ erzählt vom schizophrenen Wunsch nach Sichtbarkeit, vom Drang, unverzichtbar und gleichzeitig am liebsten alleine sein zu wollen. Die Musik spielt dazu wie auf Josh Rouse-Platten, mit sparsamen Vibraphon-Tupfern angereichert, der Americana zugewandt.

Multiinstrumentalist und Stax-Soul-Experte Booker T. Jones führte Regie für Berninger und lud neben den Kollegen von The National auch ein paar American-Roots-Adelige ein. So spielt der Bob-Dylan- und Willie-Nelson-Kumpan Mickey Raphael im Blues-Lamento „Silver Springs“ Mundharmonika. Berninger wuchtet seinen Bariton dazu gerne wie weiland Leonard Cohen ins Gesangsmikro. Fast beschwingt klingen die Akkorde des federführenden Pianos in der Ballade „Take Me Out Of Town“. Die wird von Berninger, der bittersüßen Ironie wegen, mit Zeilen unterstrichen, aus denen die Einsamkeit wie Blut tropft.

Wenn das Titelstück zum Schluss beinahe gospelartig aus der Platte führt, hat Berninger seine Seele nicht etwa zum Zwecke der Nabelschau offengelegt. Es geht, wie immer bei ihm, um die Suche nach Verbindung, verletzbar und anmutig.