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John Mayall über sein neues Album: „Vater des weißen Blues“ träumt noch von einem Hit

John Mayall über sein neues Album : „Vater des weißen Blues“ träumt noch von einem Hit

Mit seinem neuen Album „Nobody Told Me“ beweist John Mayall eindrucksvoll, wozu er auch mit 85 Jahren noch fähig ist. Unterstützt wird der „Vater des weißen Blues“ von Koryphäen wie Steven Van Zandt von Bruce Springsteens E Street Band, Alex Lifeson von Rush und Joe Bonamassa.

Der Bandleader hat im Laufe seiner mehr als 60-jährigen Karriere wahrscheinlich mehr Saitentalente entdeckt als jeder andere Musiker. Darunter klangvolle Namen wie Peter Green, Mick Taylor und Eric Clapton. Mit dem Sänger, Gitarristen und Pianisten John Mayall sprach Olaf Neumann über das Glück des Alters, die Faszination des Blues und seine neue Tournee.

Das 70. reguläre Album in Ihrer seit 63 Jahren andauernden Karriere ist ein Mix aus Eigen- und Fremdkompositionen. Wonach wählen Sie Ihre Cover aus?

John Mayall: Sie müssen etwas haben, was mich begeistert. Es hat meist mit der musikalischen Struktur oder der Melodie eines Songs zu tun. Ich denke darüber nicht allzu lange nach. Wenn ich etwas höre, was mir gefällt, beginne ich einfach, daran anzudocken.

Erkennen Sie sich in alten Bluessongs wie „What Have I Done Wrong“ von Magic Sam oder „That’s What Love Will Make You Do“ von Little Milton selbst wieder?

Mayall: Das spielt überhaupt keine Rolle. Wenn ein Song eine gute Geschichte erzählt, fasziniert er mich schon mal. Manchmal sollte man einfach nicht zu viel nachdenken. Wenn es sich richtig anfühlt, dann ist es wahrscheinlich auch so.

Hat das Album einen roten Faden?

Mayall: Nein, nicht wirklich. So etwas habe ich seit den frühen 1970er Jahren nicht mehr gemacht. Alben brauchen eigentlich kein Konzept, sie sollten vor allem musikalisch begeistern. Wir haben die Platte hier in Kalifornien aufgenommen. Fragen Sie mich nicht, wie das Studio hieß, ich habe es vergessen. Es wird immer über die Magie des Studios schwadroniert. Für mich ist der Ort gar nicht so wichtig, aber das Equipment sollte stimmen.

In „It’s So Tough“ bezeichnen Sie Donald Trump als das größte Problem der Gegenwart. Wie entstehen Ihre Songs?

Mayall: Nun, ich überlege mir ein Thema und schreibe drauflos. So einfach funktioniert Blues. Ideen sind das Resultat von Lebenserfahrungen.

Sie sind Brite und leben seit 50 Jahren in den USA. Wollten Sie so nah wie möglich an der Geburtsstätte der Bluesmusik sein?

Mayall: Nein, mir hat das Klima in Kalifornien einfach besser gefallen als in England, meiner Heimat. Es hat überhaupt nichts mit Musik zu tun. Ich mag den kalifornischen Lebensstil. Sonne pur!

Die meisten Gäste auf Ihrem Album sind Amerikaner. Reiner Zufall?

Mayall: Nun, ich suche mir immer Musiker aus, von denen ich glaube, dass sie ein Album bereichern können. Geografie spielt bei meinen Entscheidungen überhaupt keine Rolle.

Sie haben im Lauf Ihrer Karriere schon viele Ausnahmetalente entdeckt. Sind Sie ein Lehrer?

Mayall: Überhaupt nicht. Das war ich nie.

Was zeichnet einen großen Gitarristen aus?

Mayall: Ich habe keine Ahnung, wie ich das erklären soll. Ich höre einfach heraus, ob jemand etwas Besonderes ist und ob ich persönlich mit ihm oder ihr etwas anfangen kann. Wenn ja, dann gehen wir zusammen ran an die Buletten und machen ein Album.

Wie sind Sie zum Beispiel mit Joe Bonamassa zusammengekommen, der mit den ganz Großen seiner Zunft verglichen wird?

Mayall: Solche Vergleiche hinken immer, weil wahre Ausnahmetalente einen eigenen Ton haben. Sie klingen wie kein anderer. Ich kenne Joe schon seit ein paar Jahren. Er schafft es, jeden Abend Tausende von Leuten anzuziehen. Damit gibt er den ­Blues an eine neue Generation weiter. Unsere Wege haben sich ein paar Mal gekreuzt, weil wir beide viel unterwegs sind. Joe ist nicht nur ein Ausnahmegitarrist, er ist auch ein netter Kerl. Es war für mich das reinste Vergnügen, mit ihm zu spielen.

Gibt es heutzutage noch bahnbrechende Gitarristen wie Eric Clapton oder Peter Green in den 1960er Jahren?

Mayall: Ich glaube schon. Ausnahmetalente wird es immer geben. Manche behaupten, auf der Gitarre sei alles gesagt worden. Das halte ich für Humbug, denn sonst würde ja heute niemand mehr auf diesem Instrument spielen.

Ich habe mal nachgezählt: In Ihrer Band spielten seit 1964 25 verschiedene Leadgitarristen. Gib es da noch einen, mit dem Sie schon immer mal zusammenarbeiten wollten?

Mayall: Oh, das sind verdammt viele Leute! Für mich ist es ein großes Vergnügen, mit außerordentlich talentierten Musikern zusammenzuarbeiten. Ich freue mich, dass diesmal Gitarristin Carolyn Wonderland dabei ist. Sie und die anderen Gäste auf meinem aktuellen Album sind diejenigen, mit denen ich schon immer mal zusammenarbeiten wollte.

Wie entdecken Sie heutzutage neue Talente?

Mayall: Indem ich mir viel Musik auf CD höre. Manchmal werden mir auch Leute empfohlen. Mit meiner aktuellen Rhythmn-Section spiele ich jetzt auch schon seit über zehn Jahren zusammen. Wir operieren mit wechselnden Gitarristen.

 Am Freitag ist sein neues Album „Nobody Told Me“ erschienen.
Am Freitag ist sein neues Album „Nobody Told Me“ erschienen. Foto: Forty Below Records

Bruce Springsteens Gitarrist Little Steven begleitet Sie bei dem Song „It’s So Tough“. Sind Sie Brüder im Geiste?

Mayall: Wir sind alte Bekannte und laufen uns hin und wieder über den Weg. Little Steven hat den Blues verinnerlicht. Diese Zusammenarbeit hat wirklich sehr gut funktioniert.

Wie hart arbeiten Sie mit 85 Jahren?

Mayall: Musik machen ist für mich keine Arbeit. Meine Band und ich lieben es, zusammen auf Tour zu gehen. Ich mag es, jeden Abend einem anderen Publikum zu begegnen. Aber es gibt auch Menschen, die unsere Arbeit seit Jahren verfolgen. Ich finde meinen Beruf noch immer sehr aufregend.

Sie verfügen über einen riesigen Song-Fundus. Was werden Sie auf Ihrer Tour spielen?

Mayall: Bei uns ist jede Show anders. Wir können das machen, weil wir so viel Material zur Verfügung haben. Das hält uns auf Trab. Wer hat schon Lust, jeden Abend dieselbe Setlist zu spielen? Ich habe bis jetzt 70 Originalalben aufgenommen, darüber hinaus kursieren von mir unzählige Zusammenstellungen, die irgendwelche Plattenfirmen auf den Markt geworfen haben.

Hören Sie sich vor einer Tour Ihre alten Platten mit Jeff Beck, Peter Green oder Eric Clapton an?

Mayall: Nein, nicht wirklich. Wir konzentrieren uns auf die aktuelle Platte, weil wir Lust auf Neues haben. Natürlich geben wir auch ältere Stücke zum besten, die sehr gut zur aktuellen Besetzung passen.

Was tun Sie, um körperlich fit zu bleiben?

Mayall: Ich habe zu Hause einen Pool, in dem ich viel schwimme. Das hält mich fit. Ich schlafe viel, das ist das Beste, was man tun kann. Ich habe Glück, dass ich immer relativ gesund gewesen bin. Es liegt wahrscheinlich an meinen starken Genen. Früher habe ich regelmäßig Alkohol getrunken, aber inzwischen lebe ich abstinent.

In den 1960er Jahren konnten farbige US-Bluesmusiker wie John Lee Hooker oder Muddy Waters in ihrer Heimat kaum auftreten, aber in Europa waren sie Stars. Was faszinierte Sie am schwarzen Blues?

Mayall: Amerika war im Lauf seiner Geschichte nicht zu all seinen Bürgern gut. Aber als die schwarzen Blueser nach Europa kamen, trafen sie dort auf ein begeistertes, weitgehend weißes Publikum. Ich kann nicht erklären, was mich am Blues speziell faszinierte, er hat mich einfach tief berührt. Musik ist etwas für die Ohren. Sie lässt sich nicht intellektuell begreifen.

Wie gut ist Ihr Gehör mit 85?

Mayall: Es ist in Ordnung, soweit ich weiß. Ich habe auch nie so laut gespielt, dass ich meine Begleiter nicht mehr hören konnte.

Welches waren Ihre frühesten musikalischen Erfahrungen daheim in Manchester?

Mayall: Mein Vater war Amateurgitarrist und spielte Jazz. Wann ich der Musik verfiel, weiß ich nicht mehr. Manche Leute hören ihr Leben lang die Musik, die sie mögen – und andere fangen an, sie zu spielen. Bei mir war Letzteres der Fall.

Üben Sie noch täglich?

Mayall: Nein, das habe ich nie getan. Es sei denn, ich arbeite gerade an einem Album oder probe einen komplizierten Song ein. Normalerweise mache ich nur Musik, wenn ich mit meiner Band auf Tour bin.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Eric Clapton, mit dem Sie seinerzeit den Meilenstein „Blues Breakers With Eric Clapton“ aufnahmen? Die Platte hatte erheblichen Anteil am europäischen Blues-Boom der 1960er Jahre.

Mayall: Nein, ich habe zu ihm keinen Kontakt mehr. Ich wüsste gar nicht, wie und wo ich ihn erreichen könnte, er ist ja ein Superstar. Es kann allenfalls passieren, dass wir uns zufällig irgendwo über den Weg laufen.

Sie gelten neben Alexis Korner als Vater der weißen Bluesmusik.

Mayall: Ich weiß es sehr zu schätzen, dass meine Musik von so vielen Leuten gehört wird. Als Künstler genieße ich große Freiheiten, was andere Leute nicht von sich sagen können. Das ist mir sehr bewusst.

Haben Sie noch Träume?

Mayall: Jeder Mensch hat Träume. Ich für meinen Teil träume jede Nacht. Schön wäre zum Beispiel ein Hit. Dann würden noch mehr Leute zu den Shows kommen. Aber darauf hat man keinen Einfluss.

Hören Sie regelmäßig Radio?

Mayall: Nein, aber ich höre gern Musik. Weil sie mich glücklich macht.

Sie klingen nicht wie jemand, der sich bald zur Ruhe setzen möchte.

Mayall: Das habe ich auch noch nicht vor. Solange ich gesund und voller Energie bin, mache ich weiter wie immer.