Ungewöhnlicher Mix an der RWTH: Politik, Musik und Wissenschaft

Musikalische Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen von 1949 bis heute : Oper und Revue von Marshall bis Trump

Es wird musikalisch, politisch und heiter-ironisch: Die RWTH Aachen präsentiert am 6. Juli mit ihrer Big Band und Wissenschaftlern, mit großen und kleinen Sängern das Werk „La Sterlina Dollarosa“

Dieses Lied würde Angela Merkel wahrscheinlich mitsingen, wenn die Streiterin für Multilateralismus am Samstagabend,
6. Juli, in der Aula der RWTH Aachen wäre. „Multilateralization“ heißt der Song – Musik von Harry Carlton, Text von Alfred Friendly. Und der Bundeskanzlerin würde wohl nicht nur dieses Gesangsstück gefallen, sondern die gesamte Oper – die „Marshallplan-Oper“.

Die gibt es tatsächlich, und sie hat den schönen Titel „La Sterlina Dollarosa“: eine 30-minütige Kurz-Oper über jenes viele Milliarden Dollar schwere Programm des damaligen US-Außenministers George C. Marshall, das den vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Europäern Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre half, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Sogar die Westdeutschen profitierten in Höhe von rund 1,5 Milliarden Dollar davon. Marshall erhielt für seine Verdienste 1953 den Friedensnobelpreis und 1959 den Aachener Karlspreis.


1949 – 1997 – 2018 – 2019


Jener Alfred Friendly, der Librettist der Oper, war Redakteur und Herausgeber der Washington Post. Während des Zweiten Weltkriegs hielt er sich lange Zeit in England auf und hernach in der Pariser Zentrale zur Umsetzung des Marshallplans. Seine Oper wurde 1949 in Paris uraufgeführt, 1997 noch einmal in Washington gespielt, schließlich im November vorigen Jahres an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve – und nun in Aachen. Eine also wenig spektakuläre, aber höchst ungewöhnliche Aufführungsgeschichte.

Wie kommt diese Oper ins Rheinland? Dafür waren zwei Professoren nötig: der Kulturwissenschaftler Frank Mehring, der in Kleve lebt und an der Universität Nijmegen lehrt und forscht, sowie der Politikwissenschaftler Emanuel Richter von der RWTH Aachen. Als Amerikanist und Experte für Musik- und Mediengeschichte der USA hat Mehring gute Kontakte in die Vereinigten Staaten. Ein Bekannter dort machte ihn auf den Marshall-Nachlass an der University of Massachusetts Amherst aufmerksam und vor allem auf den dort vorhandenen Text jener Oper. Mehring ließ sich das gute Stück schicken und erzählte davon Jens Barnieck, einem befreundeten Pianisten. Mit dem hatte Mehring, der selbst Gitarre und Bass spielt, schon musikalisch zusammengearbeitet.

„Mein erster Eindruck war, dass es spannend und aktuell ist“, sagt Barnieck unserer Zeitung. „Zumal wenn man daran erinnert wird, wie die Amerikaner uns damals Multilateralismus beigebracht haben. Und heute . . .?“ Barnieck sprach über das Werk mit der Sopranistin Deborah Cole, mit der er schon mehrmals aufgetreten war. Beide erwogen eine Aufführung, Mehring dachte an die Hochschule seiner Heimatstadt, und Cole fragte ihren Freund Emanuel Richter, den Politikwissenschaftler, ob er nicht einen Vortrag zu den historischen Hintergründen des Marshallplans beisteuern wolle.


Schülerinnen als Banker


Richter war direkt elektrisiert, hielt aber gar nichts von einem spröden Vortrag und wollte auch keine trockene Diskussion. Schließlich ist er nicht nur Geisteswissenschaftler, sondern auch ein versierter Musiker, der Saxophon und Klarinette spielt und für die RWTH Big Band Arrangements geschrieben hat. „Mir kam die Idee einer Revue, die das Thema der Oper bis in unsere Gegenwart fortführt mit Musikstücken von damals bis heute.“

So wird am 6. Juli Musik von Glenn Miller und Cole Porter, von Benjamin Britten und Gilbert O’Sullivan in der RWTH-Aula erklingen. Die RWTH Big Band und ein Chor des Aachener Kaiser-Karls-Gymnasiums machen mit. „Die Schülerinnen und Schüler spielen europäische Banker, die mit Sparschweinen durch die Gegend laufen und sich über Uncle Sam freuen“, sagt Cole. Neben ihr und Barnieck wirken der Tenor Geralt van Gemert und der Bariton Ivan Williams mit.

Mehring führt als Erzähler durch die Oper und wird sich zusammen mit Richter interviewen lassen über die Ziele des Marshallplans und die europäisch-amerikanischen Beziehungen in der Gegenwart. Richters Konzept: „Wissenschaft und Musik – das ist eine schöne Mischung.“ Für Mehring ist das gar nicht neu. Er hat schon in anderen Fällen die Themen seiner Arbeit an der Universität jungen Leuten musikalisch vermittelt. Im Zentrum der Revue steht die Oper von 1949: „eine Persiflage auf die Auswirkungen des Marshallplans in Europa. Da erlebt man zum Beispiel Franzosen, die mit dem Geld eigentlich nur Gärten bauen wollen“, sagt Richter.

Aus dem Multilateralismus vor 70 Jahren und der Jahrzehnte seitdem ist Unilateralismus geworden. Das wollen Mehring und Richter aufspießen. „Nur drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA den vorherigen Kriegsgegner Deutschland schon wieder unterstützt“, sagt Richter. „Man kann kaum verstehen, wie das möglich war.“ Die deutsch-amerikanischen Beziehungen seien seitdem über die Jahrzehnte stabil und freundschaftlich gewesen. „Erst heute ist es so ganz anders. Das liegt nicht nur an Donald Trump; er steht im Grunde für das System des Protektionismus.“

Das alles zeichnet die Revue nach – musikalisch, politisch, wissenschaftlich und heiter-ironisch.

Die Aufführung am 6. Juli in der Aula des Hauptgebäudes der RWTH Aachen (Templergraben 55) beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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