Stargeiger David Garrett bietet in Köln grandiose Show

Klassik meets Pop : Mini-Lichtgestalt im Starkstrommodus

David Garrett ist wieder auf Tour. Beim „Unlimited“-Konzert bietet der Stargeiger in Köln eine grandiose Show. Nur das Lächeln gerät nicht so selbstverständlich wie früher.

Die gute Nachricht: David Garrett geigt wieder. Aber: Hat er eigentlich noch Lust dazu?

Der Stau vor der Kölner Lanxess-Arena hält sich am Sonntagabend in Grenzen. Von der A4 bis ins Parkhaus keine zehn Minuten. Und drinnen, wo vor Zeiten schon mal die Luft vibrierte, weil die Fans des selbsternannten Teufelsgeigers ihr Glück, eine Karte ergattert zu haben, kaum fassen konnten, tragen Paare jeden Alters gemütlich ihre Fritten zur Tribüne. Frauenclübchen, Kleinfamilien. Nachos, Popcorn. Alles wie im Kino. Immerhin ist das Parkett voll, die erste Etage im riesigen Rund so ziemlich, unterm Dach sehr viele freie Plätze. Die Damen am Devotionalienstand haben Muße, zwischen zwei T-Shirt-Verkäufen gemütlich draußen eine zu rauchen.

Gleichwohl ist die Stimmung voll da, als Punkt acht die Scheinwerfer verlöschen, die riesige Breitwand mit dem blutroten „unlimited“-Schriftzug gen Decke schwebt und das große Tatatataa aus den Boxen wummert. David Garrett ist wieder da: Burnout, Bandscheibenvorfall oder was auch immer – Schnee von gestern. Im Mai ist Tour. Zum zehnjährigen Crossover-Jubiläum. Da muss der Star durch. Und Beethoven auch. Dass es kracht.

Gigantische Feuer lodern in rasantem Tempo über die Leinwände, vor denen sich das fein aufgereihte Orchester und die Band geradezu winzig ausnehmen. Ebenso unser Held: eine Mini-Lichtgestalt im Starkstrommodus. Die Stradivari ächzt unter der Bogenattacke, immergleiche Pattern rocken auf die Harmonien der „Fünften“. So war’s, so soll’s sein. Schließlich ist das „unlimited“-Konzept ein Best-of einer beispiellosen Karriere, in der der kleine Junge aus Aachen zuerst in der weiten Welt das Geigen lernte und dann eine eigene Marke kreierte, die ihm Ruhm und viel Geld einbrachte: den Rock-Geiger, den Vermittler zwischen den Welten Klassik und Pop, eine Mischung aus Schwiegermuttertraum und klasse Typ zum Klauen.

Für Köln hat Garrett sich einen lässigen Zopf geknotet, neuerdings trägt er schwarze, fingerlose Fahrradhandschuhe bei der Arbeit. Nur das Lächeln, dieser vermeintliche Spiegel seiner Seele, gerät ihm diesmal nicht so selbstverständlich. Wenn die Live-Cam sein Gesicht auf die Leinwand beamt, umspielt ein strenger Zug die Lippen. Die kurzen Zwischen-Moderationen, in denen es früher herzlich menschelte, klingen wie auswendig gelernt, sehr sachlich auf die Musik bezogen. Und wenn die Kamera den Star beim Geigen zeigt, sieht das gar nicht fröhlich aus.

Dafür ist die Show grandios. Während sich Garrett und seine teils fantastischen Mit-Musiker in den Niederungen der Bühne abrackern, schwappt oben eine wahre Bilderflut über die Mega-Leinwand. ACDC in Hammer-Optik, die Air von Bach als Kerzenscheinpoesie vor nächtlicher NY-Skyline, Stevie Wonder in Purpur, immer wieder Metallica. Clip an Clip. Da wirkt die Live-Musik wie Playback. Immerhin schwebt David Garrett einmal vom Bühnenhimmel ein, eine Runde durchs Parkett ist ebenso im Programm wie die unvermeidliche Sache mit dem Sofa, zu der diesmal Annette aus Saarbrücken vom Star eigenhändig aus dem Publikum gefischt und zu sich auf die Bühne geholt wird. Sie muss sich wirklich ein Tränchen der Rührung verkneifen, als sie von David mit seiner Geige angehimmelt wird. Die Fans sind zufrieden, man bekommt viel Garrett und eine perfekte Show fürs Geld, hat Spaß. Da darf der Star zur Belohnung auch im Applaus baden.

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