Kammermusik: Spannend und entspannend, fremd und vertraut

Kammermusik : Spannend und entspannend, fremd und vertraut

Die tropischen Temperaturen, die die erste Hälfte der diesjährigen Ausgabe des Kammermusikfestivals „Spannungen“ im Jugendstilkraftwerk Heimbach begleiteten, trieben den Musikern und den Besuchern zwar trotz des angrenzenden Rursees mehr Schweißperlen auf die Stirn als gewohnt: Den hohen künstlerischen Anspruch und der Begeisterung des Publikums schaden die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels offenbar nicht.

Dicht gepackte Pakete bekannter und wenig bekannter Werke aller Epochen, Stile und Länder unseres Kontinents in denkbar vielfältigen Besetzungen sorgten wiederum für intensive Musikerlebnisse in locker-familiärer Umgebung.

Neben den traditionellen Einführungen im benachbarten Vortragszelt stellen die Musiker in diesem Jahr erstmals selbst an jedem Abend ein Werk in knappen Worten vor, wobei das Motto des Festivals „Von fremden Ländern und Menschen“ thematisiert werden sollte. Das gelang nicht immer, wohl aber der Pianistin Danae Dörken mit ihren griechischen Wurzeln und der gebürtigen Israelin Sharon Kam, die zusammen mit der Cellistin Quirine Viersen und dem Geiger Florian Donderer mit Volker David Kirchners „Exil“ für Klarinette und Klaviertrio einen besonders eindrucksvollen Beitrag zum Motto beisteuerten.

Ein Beitrag, der das Festival-Thema aus einem nachhaltigen Gefühl von Fremdheit und Verlorenheit reflektierte. Positiver und vitaler äußert sich der Italiener Luciano Berio in „Naturale“ für Viola, Percussion und Tonband, einem gewaltigen Monolog der Viola, durchsetzt mit authentischen Aufnahmen sizilianischer Volkslieder. Ein gut 25-minütiger Kraftakt, den die Bratschistin Elisabeth Kufferath grandios bewältigte.

Außergewöhnliche Besetzungen

Für Entspannung sorgten danach zwei romantische Werke, Max Bruchs charmantes Streichquintett in Es-Dur und als Krönung Robert Schumanns Klavierquintett, dem der künstlerische Leiter des Festivals, der Pianist Lars Vogt, wesentliche Impulse verlieh. Ein Konzert, das mit seiner Konfrontation von zeitgenössischen und romantischen Werken ein Spannungsfeld erzeugte, das am Folgetag mit Werken ganz anderer Couleur aufrechterhalten werden konnte. Wenn etwa mit Alban Bergs emotionsgeladenem Adagio für Violine, Klarinette und Klavier, ausgeführt von Isabelle Faust, Sharon Kam und Kiveli Dörken, trotz der zeitlichen Distanz eine innere Nähe zu Franz Schuberts aufwühlendem Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ hergestellt wird.

Im Mittelpunkt des Mittwoch-Konzerts standen Werke im Umfeld der Wiener Klassik, ergänzt durch das neoklassizistisch angehauchte Sextett für Klavier und fünf Bläser von Bohuslav Martinu. Außergewöhnliche Besetzungen bestimmten diesen Abend. Ein als Oktett getarntes „Klavierkonzert“ des engen Beethoven-Freundes Ferdinand Ries, Beethovens Streichquintett op. 104 als späte Umformung eines frühen Klaviertrios und, geschmacklich wie stilistisch anfechtbar, eine klanglich problematische Version von Mozarts grandioser „Prager Symphonie“ für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier durch Mozarts Schüler Johann Nepomuk Hummel.

Am Freitsgabend wird das Festival fortgesetzt mit Werken von Beethoven, Mátyás Seiber, Josef Suk und dem „Composer in Residence“ Éric Montalbetti.

 www.spannungen.de

Mehr von Aachener Zeitung