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Neues Album von Schiller: "Morgenstund"

Das neue Schiller-Album: „Morgenstund“ : Mit einem frischen Geist neu beginnen

„Morgenstund“, der Titel des neuen Schiller-Albums, lässt unmittelbar aufhorchen, wenn man ihn ausspricht. Fehlt da nicht ein „e“ am Ende? Oder möchte Christopher von Deylen, der Mann, der das Elektronik-Projekt als Ein-Mann-Band seit 20 Jahren navigiert, an das Sprichwort mit dem Gold im Mund erinnern? Weder noch.

Der Wortklang von „Morgenstund“, so der Titel des neuen Albums von Schiller, weckt auch Erinnerungen. An den Maler Caspar David Friedrich beispielsweise. Und an den Lyriker Joseph von Eichendorff. Kurzum: an die großen deutschen Romantiker. Christopher von Deylen ist ein Romantiker. Ein moderner. Er ist seit jeher der Poesie des Klangs auf der Spur. Und er versteht es wie kein zweiter deutscher Elektronik-Musiker, mit Platten aufzuwarten, die zwischen Songstruktur und epischen Instrumental-Kompositionen changieren.

Sein Augenmerk richtet er dabei immer auf den erzählerischen Wert der jeweiligen Form. Gerade deshalb kann man leicht auf die Idee kommen, dass Schiller-Platten immer Konzept-Alben waren. Sie trugen Namen wie „Weltreise“, „Leben“ oder „Sehnsucht“. Und jetzt eben „Morgenstund“. Aber weit gefehlt, wer dabei an komplex verästelte Konzepte denkt.

Er ist viel gereist

Themen-Alben, auf diesen Begriff lässt sich von Deylen ein. Platten, die von einem Gefühl für den jeweiligen Titel textlich-inhaltlich und musikalisch geprägt sind, zählen sogar zu seinem Spezialgebiet. Und „Morgenstund“ ist der vorläufige Höhepunkt seiner Suche nach der idealen Musikwerdung des Empfindens.

Er ist viel gereist für die Platte. Eine leichte Übung für einen, der keinen festen Wohnsitz mehr hat, sondern seinem inneren Kompass dahin folgt, wo er größtmögliche Stimulation für seine Sinne findet. Das ist meistens ein Ort, der ihm größtmögliche Ruhe zum Lauschen seiner inneren Stimme bietet. Oder es sind Städte, deren Architekturen seine Synapsen schwingen lassen. Kürzlich war er in Astana, der Hauptstadt von Kasachstan. Der außergewöhnlichen Bauten wegen.

Inwiefern deren spezieller Futurismus Einfluss auf „Morgenstund“ nahmen, lässt sich nicht bestimmen. Es ist wahrscheinlich eher ein unbewusst ästhetischer Impuls, den derlei Städtetouren bei Christopher von Deylen auslösen.

Eindeutiger waren die Außeneinwirkungen der vielen Künstler, die „den Schiller“ auf seinem Weg hin zu „Morgenstund“ begleiteten. Nena sang das Titelstück in Hamburg ein. Um mit Giorgio Moroder, dem Disco-Beschallungsmeister der späten 70er Jahre, das instrumentale Dance-Stück „Lichtjahre“ eingespielt zu haben, fuhr von Deylen nach Südtirol.

In der iranischen Hauptstadt Teheran traf er sich mit Pouya Saraei, einem der führenden Satur-Spieler der Gegenwart. Saraeis Instrument, eine Art Zither, die in der klassischen persischen Musik ihren Platz hat und deren Namen in etwa „100 Saiten“ bedeutet, veredelt „Berlin Teheran“ mit ihrem charakteristischen Klang. Das vergleichsweise epische Stück „Love“ entstand partiell in der englischen Grafschaft Surrey. Im bandeigenen Studio von Genesis spielte der langjährige Schiller-Weggefährte Gary Wallis, der unter anderem auch für Pink Floyd trommelte, in beispielloser Raumakustik das Pulsmuster des Stücks ein. Übrigens unter der geteilten Regie des preisgekrönten XTC- und Genesis-Produzenten Nick Davis und Christopher von Deylens.

Etwas weiter nördlich, in den Londoner RAK-Studios, in denen Ultravox ihren Hit „Vienna“ aufgenommen hatten, traf er auf den englischen Gitarristen Scott McKeon. Der spielt in „Universe“, einem sich beeindruckend nuancenreich steigernden Herzstück von „Morgenstund“, das erste als solches definierte Gitarrensolo auf einem Schiller-Album.

Interaktion mit anderen Musikern

Natürlich bleibt Christopher von Deylen auch auf „Morgenstund“ der erklärte Zeremonienmeister – schließlich ist Schiller sein Projekt. Aber „Morgenstund“ bezieht seine Energie mehr als jedes andere bisherige Studioalbum von Schiller aus der Interaktion mit anderen Musikern.

Eine weitere Neuerung ist keiner nostalgischen Verklärung, sondern von Deylens kontinuierlicher Suche nach dem idealen Klang geschuldet. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten hat er seine Hände wieder auf analoge Mischpulte und an Vintage-Maschinen zur Klangbearbeitung gelegt.

Das Resultat „Morgenstund“ ist Kontinuum und Fortschritt zugleich. Schiller klingt wie Schiller. Aber anders eindringlich. Passend dazu ist auch der Albumtitel gewählt. „Der Morgen eines jeden Tages steht in meiner Auffassung für Erneuerung. Das Gefühl, morgens aufzustehen, den Tag davor hinter sich gelassen zu haben, und mit einem frischen, wachen, unverbrauchten Geist neu zu beginnen, steckt für mich im Album.“

Zwei Hände und Arme

Auf ein Alpenpanorama, vor dem die Sonne aufgeht, hat er deshalb dankend verzichtet, als es um die Wahl für das Cover-Motiv ging. Die beiden Hände und Arme, die ganz unabhängig von üblichen Morgenklischees, von Sonne und Frühnebeln, Offenheit symbolisieren, treffen die Grundstimmung des Albums perfekt. „Es ist keine Offenbarung, wenn ich feststelle, dass wir als Menschheit gerade eine überaus lethargische Phase durchleben“, sagt von Deylen. „Man kann daran verzweifeln. Es ist aber auch möglich, sich daran zu erinnern, dass wir jeden Tag die Wahl haben, voranzukommen. Der Morgen bietet dazu die perfekte Gelegenheit.“