Neues Album von Manu Katché: "The Scope"

Star-Schlagzeuger Manu Katché bietet ein neues Album: „The Scope“ : Der Meister lässt tanzen

Er ist einer der meistgefragten Schlagzeuger der Welt: Manu Katché spielte für Stars wie Peter Gabriel und Sting und wurde selbst zu einem ganz Großen der Szene. Jetzt hat er ein neues Album fertig und setzt einmal mehr auf quirlige Vielfalt. Mit „The Scope“ möchte er bei aller technischer Finesse aber vor allem eines: zum Tanzen auffordern.

Manu Katchés neues Album „The Scope“ fasst schon im ersten Stück zusammen, womit der weltberühmte Schlagzeuger im weiteren Verlauf aufwartet. In „Keep Connexion“ fließen sämtliche der vielfältigen Koordinaten, die sein musikalisches Universum seit jeher ausmachen, ineinander.

Die gezupfte Stegharfe Kora führt zur westafrikanischen Elfenbeinküste, der Heimat von Katchés Vater. Der Groove erinnert mitsamt hochgestimmter Snare-Drum an die Jahre, in denen Katché seinem Freund Sting als metrische Allzweckwaffe diente.

Das Thema des Stücks greift das freiheitliche Musikverständnis des Jazz-Studierten auf. Die Fills, mit denen er die Metrik interessant gestaltet, besitzen das gleiche charmant-dekorative Moment, dem auch Peter Gabriel verfiel. Dessen Bestseller „So“ und vor allem sein Signet-Song „Sledgehammer“ lebten vom lockeren Shuffle, den Katché Mitte der 80er Jahre mit großer Frische aus dem Ärmel schüttelte.

Danach war für den in der französischen Hauptstadt beheimateten Drummer nichts mehr wie zuvor. Alles, was bis in die späten 90er Jahre Rang und Namen hatte, bat den „schicken Pariser“, wie Gabriel ihn nannte, zur rhythmischen Veredelung um Zusammenarbeit. Dire Straits, Tracy Chapman, Stephan Eicher, Tori Amos, Simple Minds, Pink Floyds Rick Wright – die Liste der Katché-Verehrer ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Auf dem Zenit seiner Popularität in der Rockwelt entschied sich der Groove-Meister allerdings zum ­Rückzug aus der gold- und platinbesetzten Welt. Die ewig langen Tourneen, die ihn bis dahin mit Sting und Gabriel immer wieder rund um den Globus führten, waren ein Grund. Die Ängstlichkeit mancher seiner Bosse war der andere.

„Rockmusiker haben oft Bammel davor, dass sich ein Rhythmus so frei entfaltet, wie er sich eigentlich entfalten muss“, sagt Katché von seinem Domizil im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés aus. „Ich habe kein Problem damit, hin und wieder zu einem elektronischen Metronom zu spielen. Aber wenn alles darauf ausgerichtet ist, einer Bühnen-Choreografie zuzuspielen, geht das auf Kosten der Musikalität.“

Der spontane Ausdruck

Bei Peter Gabriels letzter Tour sei das der Fall gewesen, führt er weiter aus. Zum 25. Jubiläum von dessen „So“-Album wurde die alte Band wieder zusammengebracht, um den Album-Klassiker in voller Länge noch einmal live zu präsentieren. Und ausgerechnet der Vorschlaghammer-Hit durfte nicht frei gespielt werden, weil Gabriel die Bläser digital einfügen ließ.

Ganz anders ging es auf Katchés sieben bislang erschienenen Soloalben zu. Als Kapellmeister hielt er seine Kollegen, zu denen unter anderen der Saxofonist Jan Garbarek und die begnadete Kontrabassistin Ellen-Andrea Wang zählten, zum freien Spielen an. Mit beachtlichem Erfolg. Seine 2005 und 2007 erschienenen Alben „Neighbourhood“ und „Playground“, wurden mit Edelmetall-Jazz-Awards ausgezeichnet.

„The Scope“ setzt die Fährte des spontanen Ausdrucks fort und befindet sich trotzdem wieder mitten im Songformat. War sein voriges Album „Unstatic“ noch weitestgehend von ausschließlich instrumentalen Dialogen zwischen Schlagzeug und Bass geprägt, wird auf seinem neuen Album auch gesungen. Natürlich nicht im Dienst der Radiotauglichkeit seiner Musik. Dafür formatiert er sie viel zu wenig. Aber Stücke wie „Vice“, dem der senegalesische HipHop-Dandy Faada Freddy seine Stimme leiht, sind klar im Soul beheimatet. Allerdings nicht so gradlinig wie im Soul von Stevie Wonder, den Katché immer wieder gerne als Blaupause für sein neues Album benennt.

Meint man beim Hören der zehn neuen Stücke des Albums, die jeweiligen Strukturen erkannt zu haben, bricht der Trommler regelmäßig auf höchst abenteuerliche Weise aus. Dann drückt er aufs Gaspedal, schlägt Trommeln halsbrecherisch schnell und bleibt trotzdem in Taktmustern, die jeder gut mitempfinden kann, ohne gleich mehrere Semester Musiktheorie studiert haben zu müssen. In der Disziplin, Menschen an die Jazz-Materie heranzuführen, die mit Jazz eigentlich nichts am Hut haben, ist „The Scoop“ ein Wegweiser.

„Ein afrikanisches Profil“

Das HipHop-Lamento „Paris Me Manque“, in dem der Pariser Rapper Jazzy Bazz dominiert, könnte auch vom deutschen Duo Tab Two stammen. Allerdings klopft Manu Katché die Beats hier höchstpersönlich präzise, statt sie von Maschinen abzurufen. „Let Love Rule“, von der amerikanischen Folksängerin Jonatha Brooke gesungen, bewegt sich dahingegen elegant im Blue Eyed Soul. Und beinahe vergisst man an dieser Stelle, dass das Stück zum Album eines Schlagzeugers gehört. Bis man sich die sanft geschlagene Percussion vergegenwärtigt, die den Song trägt.

Es geht auf „The Scoop“ nicht ums Zeigen von Katchés technischen Finessen als Instrumentalist. Die sind natürlich trotzdem überall hörbar. Aber in erster Linie ist „The Scoop“ eine Platte, die zum Tanzen auffordern soll, wie Katché anmerkt. „Die Musik hat ein afrikanisches Profil“, erzählt er.

„Ich möchte sie gerne als hochentflammbar für Menschen verstanden wissen, die tanzen, sich gerne bewegen. Ich habe als Kind von meinem Vater tanzen gelernt und besuche immer noch gerne Clubs. Ein Schlagzeuger ist nie nur Techniker, sondern immer auch Tänzer. Man braucht zum Schlagzeugspielen schließlich alle vier Gliedmaßen.“