Neues Album von Joe Jackson: „Fool“

Das neue Album von Joe Jackson: „Fool“ : Die „individuelle Handschrift“ zählt

1979, also vor 40 Jahren, erschien sein erstes Album und bescherte ihm direkt Hits, die bis heute präsent sind. Joe Jackson hat ja ein sehr vielseitiges Werk vorzuweisen. Jetzt präsentiert er ein neues Album: „Fool“ heißt es. Er findet es gut, wenn man ihn in seinen Songs sofort erkennt.

Joe Jacksons neues Album „Fool“ markiert zwei Jubiläen des groß gewachsenen Weltbürgers aus Portsmouth: seit 40 Jahren auf der Bühne und vor 40 Jahren das erste Album. 1979 erschien sein Album-Einstand „Look Sharp“, und noch im selben Jahr beehrte er Amerika und seine englische Heimat mehrfach mit Konzertreisen.

Sein damaliger Bassist Graham Maby, der Jacksons Gesang immer perfekt zu polstern wusste, ist heute immer noch dabei. Und auch die alte Rotzigkeit des damaligen New-Wave-Helden blitzt auf „Fool“ hier und da noch auf. Im schnell getakteten, kantigen „Fabulously Absolute“ zetert und mault er wie damals, als ein Paar spitz zulaufender Stiefeletten seine Platte zierte.

Wirklich wütend auf die Welt ist Jackson heute freilich nicht mehr. Der Hormonüberschuss, der ihn Ende der 70er Jahre unter Strom stehen ließ, ist längst einer kunstvollen musikalischen Auslegung des Pub-Rock gewichen. Aber es bereitet dem 64-Jährigen immer noch hörbar Spaß, Charaktere gesanglich zu karikieren. In besagter Nummer sind es die Streithähne, die sich vom amtierenden US-Präsidenten wie auf Knopfdruck polarisieren lassen.

Jackson war in seinen Texten nie ausgesprochen politisch unterwegs. So ist es auch auf „Fool“ geblieben. Die Lage, in der sich die politische Kultur der Vereinigten Staaten momentan befindet, befremdet ihn jedoch zunehmend. Mit Wohnsitzen in New York und Berlin erlebe er den gesellschaftspolitischen Zeitgeist aus mindestens drei Blickwinkeln, sagt er.

„Die Haltung der Linken und Intellektuellen, die alle Trump-Wähler per se für Idioten halten, finde ich genauso bedenklich wie den fürchterlichen Rassismus, den die Rechten mit ihrem erbärmlichen Angstschüren wieder salonfähig machen wollen“, führt Jackson aus. Dass er kein Anhänger der Weltsicht Trumps ist, wundert nicht. Er war immer ein Freund der Vielfalt.

Beachtliches Zickzack-Muster

Sein Album „Big World“ zelebrierte 1986 die unterschiedlichen Aromen von Schanghai, Istanbul, Paris und Casablanca. Pluralismus war auch musikalisch sein Gebot. Als studierter Musiker, Beethoven- und Punk-Fan, Jazz-Liebhaber, Salsa-Experte, Pop-Individualist und Folk-Freund überzog er seine Karriere mit einem beachtlichen Zickzack-Muster. Nicht jeder geneigte Hörer wollte ihm dabei durchweg folgen. Aber viele respektierten seinen Mut zu stetigem kompositorischen Expansionsdrang.

„Fool“ heißt besonders all jene seiner Zuhörer willkommen, denen der Jackson ohne Latin-Percussion, Sinfonien, Violas und Brass immer am liebsten war. Metrisch vielfältiger orientiert als die ursprüngliche Joe Jackson Band und verspielter als sein „Big World“-Quartett, langt seine aktuelle Vier-Mann-Truppe auf „Fool“ zu. Vor allem im Titelstück.

Nie vorher wurden in einem Joe-Jackson-Song derart viele Klischees gebündelt. „Sogar bei vollem Bewusstsein“, meint Jackson lachend. „Ich betrachte die Platte im klassischen Albumformat. Acht Stücke, auf jeder Seite vier. Die Stücke auf der ersten Seite sind Betrachtungen des Zustands der Welt momentan. Die zweite Seite verhält sich dagegen ausgelassen, verliebt, humorvoll. Und nichts darin besitzt mehr Humor als der Titelsong.“ Allerdings.

Da treffen arabische Skalen auf Latin-Jazz-Piano, Folk-Gesangsweisen werden von metallischen Trommeln abgelöst, und Jackson ruft übers Megafon einen imaginären Karneval aus. Zwischen all dem Tohuwabohu tritt aber auch die bekannte Songwriter-Handschrift Jacksons immer wieder auf den Plan.

„Alchemy“, das längste Stück des Albums, zeigt Jackson in seiner eleganten Essenz. Jeder Ton besitzt Raum zur Entfaltung, ein Pizzicato gibt die Taktung vor, alles klingt geschmackvoll reduziert in dem Soul-Lamento. „Big Black Cloud“ skizziert auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die selbst den Wettermann zur lebensgestaltenden Autorität erklärt.

„Ich mache mir manchmal Gedanken darüber, ob der Individualismus wohl ein aussterbendes Lebenskonzept ist“, sagt Jackson. „Aber vielleicht bin ich einfach zu alt dafür, den Individualismus begreifen zu können, mit dem sich junge Menschen so plakativ brüsten. Oder tun die nur so als ob?“

Einsame Weltbetrachtung

„Strange Land“, ein weiterer Höhepunkt der Platte, beschäftigt sich inhaltlich mit dieser Frage. Der aus New York stammende Gitarrist Teddy Kumpel setzt seine Saitenkunst dabei lautmalerisch in den Dienst der einsamen Weltbetrachtung. Drummer Doug Yowell, den Jackson seiner alten Freundin Suzanne Vega ausspannte, spielt derweil druckvoll, legt sein Augenmerk aber gleichzeitig immer darauf, nach welchem Tempo der jeweilige Song verlangt. Im Liebeslied „32 Kisses“, das eine Beziehung wie ein Theaterstück darstellt, unterstreicht er seine Klasse mit Reduktion aufs Wesentliche.

Vieles auf „Fool“ wird dem geneigten Joe-Jackson-Fan irgendwie bekannt vorkommen, obwohl es sich um neues Songmaterial handelt. „Das kann schon sein“, wirft der Mann ein, der gerade mal wieder an der Spree weilt. „Ich bin das Bindeglied zwischen meinem ersten Album vor 40 Jahren und dem neuen. Ich habe meine Musik über die Jahre verfeinert. Etliche der neuen Songs hätte ich beispielsweise zu ‚I’m The Man‘-Zeiten nicht schreiben können. Auf der anderen Seite ist es doch gut, wenn man mich in den Songs sofort erkennt. Das nennt man individuelle Handschrift. In meinen Augen kann es davon gar nicht genug geben.“

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