Neues Album von Gary Clark Jr.: "This Land"

Gary Clark Jr. präsentiert ein neues Album: „This Land“ : Vom Bedürfnis nach Miteinander

„This Land“, das neue Studioalbum des amerikanischen Gitarristen Gary Clark Jr. ist alles andere als musikalische Standardware. Bereits das erste Stück, zugleich der Titelsong der Platte, unterstreicht, dass es Clark Jr. diesmal anscheinend mehr denn je unter Nägeln brannte, sein Bauchgefühl zu Gehör zu bringen. Er möchte mit seinem neuen Werk Mut machen, für die Freiheit einzustehen.

US-Gitarrist und Sänger Gary Clark Jr. lässt in „This Land“, dem Titelsong seines neuen Albums, seine Gibson SG reichlich verzerrt heulen, wie weiland die Stratocaster von Jimi Hendrix. Der HipHop-Beat modernisiert die Retro-Anmutung zwar unmittelbar. Aber er nimmt der Nummer nichts von ihrem Traditionsverständnis. Je intensiver Clark Jr. die Saiten anschlägt und zieht, desto eindringlicher erinnert er daran, was einen guten „Topic Song“, ein themenbasiertes Stück, ausmacht. Es steckt viel Ohnmacht und Wut in der Musik. Zumindest vordergründig betrachtet. Der Text unterstreicht den Eindruck. Von 50 Morgen Land, die er kürzlich erstand, ist die Rede, „mitten im Trump-Territorium“.

Der Refrain „Nigga run, nigga run, go back where you come from“ gibt den alltäglichen Rassismus wieder, mit dem sich Clark Jr. konfrontiert sieht. Tatsächlich erstand der Musiker kürzlich in einem Randgebiet seiner Heimatstadt Austin, Texas, ein Grundstück von genau der Größe, von der er in dem Song singt.

Eine bittere Überraschung

Als er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ins darauf stehende Haus zog, erlebte er eine bittere Überraschung. „Mein Nachbar, ein weißer Mann, kam zu mir und fragte, wem das Haus gehört“, erinnert sich Clark Jr. „Als ich ihm sagte, dass es mein Haus sei, entgegnete er, dass es unmöglich sein könnte, dass ich, ein farbiger Mann, dieses Haus besäße. Vielleicht war sein anmaßendes Geschnatter nicht rassistisch gemeint. Aber in meinem Kopf rumorte es augenblicklich. Und ich bin es leid, immer wieder an das Rassendenken in meinem Land erinnert zu werden.“

Früher hätten öfter tierische Exkremente im Briefkasten seiner Eltern gelegen, und deren Haus sei immer wieder mit rassistischen Sprüchen besprüht worden, führt er weiter aus. Seit der Wahl von Trump habe sich das alles wieder zugespitzt, sagt er und erinnert an die willkürlich gefallenen Schüsse aus Polizeipistolen auf farbige Menschen.

Aber er will weder den Titelsong seines neuen Albums noch die 14 weiteren Stücke als tatsächliche Wut-Bekenntnisse verstanden wissen, wie er sagt. „Unser US-Präsident versucht, die amerikanische Gesellschaft ins tiefste Mittelalter zurückzukatapultieren. Das dürfen wir nicht zulassen. Und deswegen ist mein neues Album vor allem ein Ausdruck von Liebe, von Verbindungswunsch, von dem Bedürfnis nach Miteinander.“

Vermutlich klingt die Platte im Verlauf überaus vielfältig, weil Clark Jr. nach wie vor an die Schmelztiegel-Idee der amerikanischen Gesellschaft glaubt. Er sei mit dem Grundgedanken aufgewachsen, dass jeder sein Stück Land, seine Würde besitzen und seine Eigenheiten einbringen soll, fügt er an. Bei ihm entzündete der Gedanke schon in Jugendjahren Verlangen nach sämtlichen musikalischen Stilen, die ihm funky, beseelt oder nonkonformistisch erschienen. Es ist deshalb kein Wunder, dass auf „This Land“ das Funkverständnis von Prince auf den rotzigen Rock’n’Roll der Ramones trifft. Oder dass HipHop der alten Schule mit dem Jazz auf gemeinsame Exkursion geht.

Das Resultat klingt ausgesprochen handgemacht

Obwohl Clark Jr. etliche Teile des Albums mit digitalen Hilfsmitteln vorprogrammierte, klingt das Resultat überaus handgemacht. Hier und da nutzen er und seine Band ein paar Effekte, die schon in den 60er Jahren Bestand hatten. Aber letztlich verströmt „This Land“ aus jeder Pore die Nonchalance einer spontanen Zusammenkunft von Musikbegeisterten. Mit allen klangtechnischen Begebenheiten, derer sich Musiker, die in einem Raum zusammenspielen, bedienen können.

Ohne großes technisches Make-up zu nutzen, hallt die Gitarre des Bandbosses aus einer Ecke des Raumes und lässt die Snare-Drum des Schlagzeugers vibrieren. Der Bassist grundiert das tonale Feuerwerk, während der zweite Gitarrist und der Pianist nur hier und da schemenhaft in den jeweiligen Sound-Grundfesten der Songs hörbar sind.

Je weiter das Programm des Albums voranschreitet, desto wärmer und liebevoller wird der Gesang von Clark Jr. Ist es am Anfang rapähnliches, zorniges Stakkato oder trotziges Schwadronieren im Punkrockstück „Gotta Get Into Something“, so bedient er sich in der Soulrock-Ballade „Pearl Cadillac“ seiner Falsettgesangsoptionen. Die stehen denen von Prince in nichts nach. In „Guitar Man“ öffnet er seine Stimmbänder dem R&B, während er in „The Governor“ mitsamt Dobro-Gitarre den Blues-Barden gibt. Interessanterweise wirkt seine Stimme in keiner der unterschiedlichen Gesangsdisziplinen wie Emotionsdarstellung.

Gary Clark Jr. findet sich zunehmend selbst und offenbart auf „This Land“ sein Verständnis von Vielfalt offensichtlicher denn je. Sowohl in künstlerischer als auch in politischer Hinsicht, wie er anmerkt. „Kein Mensch möchte sich seine Freiheit beschränken lassen, niemand will von politischen Obrigkeiten geführt werden. Die Songs meines neuen Albums dürfen gerne Mut machen, für die eigene Freiheit und die der anderen einzustehen. Mit Liebe.“

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