Neues Album Alex Christensen Eurodance mit Orchester

Neues Album von Alex Christensen : Ein neuer Blick auf die Hits der 90er

Alex Christensens neues Album „Classical 90s Dance 2“ gibt schon im Titel vor, was es ist. Nämlich die Fortsetzung der von ihm im vorigen Jahr veröffentlichten Symbiose aus Orchestermusik und allseits bekannten Hit-Schlachtrössern der Eurodance-Phase der 90er Jahre.

Das liest sich erschreckend, mag vielleicht mancher denken, der gehofft hatte, dass Stücke wie „Rhythm Is A Dancer“ für immer im Giftschrank jener Dekade weggesperrt blieben. Es war ja auch tatsächlich vieles, sagen wir mal, bedenklich, was einem damals buchstäblich um die Ohren gehauen worden war.

Von den vielen Nonsens-Texten der Eurodance- und Eurotrash-Machern ganz abgesehen, bekamen die Single-Charts plötzlich Comic-Charakter. Das Melodische fiel hinten runter, im Fokus standen sogenannte Beats. Getanzt wurde im Stakato, und der mit Karacho angezogene künstliche Marschtrommel-Wirbel geriet zur klanglichen Insignie der Party-Meute.

Für ihn war das damals „Anarchie“

Einer, der die Eurodance-Szene mitbegründete, war Alex Christensen. „Für uns war diese Musik damals, Anfang der 90er, Anarchie“, erinnert sich der Hanseat. „In den 80er Jahren konntest du nur etwas reißen, wenn du über die Mittel eines Quincy Jones oder Trevor Horn verfügtest. Die besaßen das Synclavier, jenes Sampling-Keyboard, das eine halbe Million Dollar kostete. Als die ersten erschwinglichen Sampler auftauchten, war klar, dass sich die Popmusik ändern würde.“

Das tat sie dann auch. Wegen der Produktionsmittel, über die augenblicklich fast jeder verfügen konnte. Plötzlich ließ sich für vergleichsweise wenig Geld tanzbarer Pop aus den Bit-Raten eines einfachen Samplers stampfen.

Christensen war DJ erster Stunde in einem Hamburger Schuppen, als er die damals noch vollkommen unbekannte Verona Feldbusch kennenlernte, die sich ihm als Sängerin anbot. Er hatte mit „Ritmo de la Noche“ einen frisch geschriebenen Song in petto, der prompt mit Gold ausgezeichnet wurde.

Ein Jahr später war Christensen endgültig in aller Munde. Als maßgebliches Teil des Produzententeams U96 brachte er „Das Boot“ ins Rennen. Klaus Doldingers Thema für den gleichnamigen Film wurde unter Christensen Ägide zu einer Dance-Nummer und zur Blaupause des Eurodance umgedeutet. Und der damalige Mittzwanziger wurde wegen seines Riechers für Hits von allen und jedem als Komponist und Produzent gebucht. Von Marky Mark, Udo Lindenberg, Tom Jones, Right Said Fred, über ATC, Peter Maffay bis hin zu Helene Fischer reicht das klingende Portfolio Christensens.

Nie ganz in Vergessenheit gerieten bei ihm, die, wie er sie nennt, „Perlen“ der 90er Jahre. Stücke, die wegen ihrer Original-Produktionsweisen heute angestaubt klingen, die es in seiner Auffassung aber verdient haben, auch immer noch gehört zu werden. Mit anderen Mitteln.

Und weil Orchesterinstrumente immer noch die am wenigsten datierbaren Klänge liefern, hat Christensen eine neue Eurodance-Auffassung gefunden. Nummern, die ihm seit 20 Jahren am Herzen liegen, analysierte er genau. Bis auf deren Kerne sezierte er Songs wie Scooters „Nessaja“, „United“ von Prince Ital Joe oder RMBs „Redemption“. Anschließend arrangierte er neue Orchester-Fassungen um die Kerne herum. Die ließ er von ausgewählten Berliner Orchestermusikern, die er unter dem Namen The Berlin Orchestra bündelte, einspielen.

Der Erfolg des im vorigen Jahr erschienenen Albums „Classical 90s Dance“ ließ nicht lange auf sich warten. Zielsicher erklomm die Platte die hiesigen Top 10 und wurde prompt zum Jahresbestseller von Christensens Plattenlabel. „Ich war vom Erfolg überrascht“, resümiert Christensen. „Niemand hatte so etwas je vorher gewagt. Umso glücklicher war ich darüber, dass das erste Album so schnell und gut angenommen wurde.“

Genügend Song-Arrangements für gleich zwei Alben hatte er schon 2017 geschrieben. Aber er wollte niemanden mit einer großen Menge an Musik überfordern, meint er. Dass sich jetzt auf „Classical 90s Dance 2“ ausschließlich brandneue Arrangements von 90s-Stücken befinden, die Christensen lieb gewann, ist mit seinem Heißhunger auf Musik zu erklären.

Ein Musikfan geblieben

Der 51-Jährige ist trotz der vielen Millionen verkauften Platten, an denen er beteiligt war, ein Musikfan geblieben. Einer, der lieber von Neuem beginnt, statt gefundene Erfolgsformeln zu wiederholen. So finden sich auf „Classical 90s Dance 2“ nicht mehr nur noch Songs, deren Ursprünge in Deutschland zu finden sind.

Vor allem aber waren sämtliche der 14 Klassiker der 90er Jahre vor allem in England und Amerika erfolgreich. Für deren gesangliche Neuinterpretationen verpflichtete Christensen entsprechend Muttersprachlerinnen. Das englische Pop-Duo Bars And Melody schiebt „Blue“ von Eiffel 65 im Orchestergewand neu an. Anastacia befreit „Mr. Vain“ von Culture Beat und Real McCoys „Another Night“ aus der Mottenkiste. Ex-Spice Girl Melanie C verjüngt derweil ATCs „Around The World“ und lässt aus „Don‘t Talk Just Kiss“ von Right Said Fred eine Ballade werden.

Ob es einen dritten Teil von „Classical 90s Dance“ geben wird, lässt Christensen offen. Möglich scheint es aber, wenn er seine Arbeitsmaxime schildert. „Songs und Tracks neu zu gestalten, hat mich damals, als ich mit ‚Das Boot‘ aufschlug, wie heute fasziniert“, erklärt er. „Es spornt mich an, aus etwas Bestehendem etwas ganz Neues zu gestalten.“