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Gassenhauer mit Pomp: Neue Musikveröffentlichungen der Woche

Gassenhauer mit Pomp : Neue Musikveröffentlichungen der Woche

Man muss sich nicht alles anhören, was an Popmusik erscheint. Es gibt aber Alben, die sollte man nicht verpassen. Unsere Auswahl der Woche mit Robbie Williams, Redman/Mehldau/McBride/Blade, Santigold, Built To Spill und Creedence Clearwater Revival. Außerdem neue Klassik mit den Wiener Philharmonikern und Christian Thielemann sowie Bettina Pahn und Christine Schornsheim.

Robbie Williams: „XXV“ (Columbia/Sony Music):

Inzwischen 48 Jahre alt und ein Vierteljahrhundert nach seiner Zeit als Boyband-Rauf- und Tanzbeauftragter bei Take That, geht Robbie Williams zur Selbst-Musealisierung über. Recht so, denn seinen Ruf als selbstironische, omnipotente Stilikone für Männer über 40 hatte er spätestens mit seinem süßlich matschigen Weihnachtsalbum vor drei Jahren verspielt. Selbst das entrückte Verhalten weiblicher Fans vor seinen Bühnen hat erheblich nachgelassen. Statt Hysterie herrscht heute Nostalgie bei seinen Konzerten. Da passt es ganz gut, dass er seine Evergreens in Amsterdam mit dem dort ansässigen Metropol Orkest, das aus einer Big Band und einer Streicherformation besteht, noch einmal eingespielt hat. Wirklich neu ist an „Millenium“ und „Let Me Entertain You“ und all den anderen Gassenhauern aus seinem Munde freilich nichts, abgesehen vom zusätzlich eingepflegten Pomp. Es gibt eigentlich nur einen Ort, an dem so was noch für gepflegtes Wippen mit den Füßen sorgt: Las Vegas. (ML)

Redman/Mehldau/McBride/Blade: „LongGone“ (Nonesuch/Warner Music):

Nur zwei Jahre nach den Aufnahmen von „Round Again“ hat Joshua Redman seine Freunde Brad Mehldau, Christian McBride und Brian Blade für das dritte Album „Long Gone“ erneut zusammengebracht. Dass dabei kein Solisten-Kräftemessen, sondern die Erweiterung und Vertiefung der Dialogfähigkeit als Einheit auf dem Programm stand, ist den dazugewonnen Lebenserfahrungen jedes einzelnen Teils dieser Viererbande geschuldet. Konzeptionell scheinen die beiden Disziplinen im Moment zu agieren, und dabei strukturell Erzählbögen zu wahren, in Opposition zueinander zu stehen. Aber genau dieser vermeintliche Widerspruch schafft die Magie der Jazz-Dialektik, sofern sie mit Wissen und Mut zur Freiheit ausgeführt wird. Redman und seine Freunde teilen die Auffassung, nach der die Verbindung aus Improvisation und Storytelling endlos viele Möglichkeiten birgt. Deswegen können sie auf „Long Gone“ offensichtlich ohne Mühen dem Erzählerischen zuspielen. (ML)

Santigold: „Spirituals“ (Little Jerk Records/Secretly/Cargo):

Spirituals waren in der Zeit der Sklaverei für Schwarze in Amerika etwas, das ihnen half, das Unaushaltbare auszuhalten. „Die traditionellen Spirituals waren eine Musik, die klanglich wie auch beim Singen selbst den Menschen die Möglichkeit gab, sich frei zu fühlen, auch wenn sie es faktisch nicht waren“, erläutert Santigold die Inspiration für den Titel ihres vierten Albums. Sie selbst hatte während des Corona-Lockdowns mit drei kleinen Kindern zu Hause den Bezug zu ihrem Künstler-Ich verloren. Die Aufnahme der zehn neuen Stücke sei ein Weg gewesen, sich selbst wiederzufinden.

Auch auf „Spirituals“ mixt die 46-Jährige zeitgenössische Clubsounds zwischen Dancehall und Dubstep mit afro-kubanischen Einflüssen. Sie hat sich mit einer ganzen Schar namhafter Kollaborateure und Produzenten umgeben, darunter Rostam, SBTRKT oder Boys Noize. Das Ergebnis zeigt eine Künstlerin, die nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern auch ganz mit sich im Reinen ist – befreit, selbst wenn es nur gefühlt sein mag. (chr)

Built To Spill: „When The Wind Forgets Your Name“ (Sub Pop/Cargo):

Doug Martsch dreht für Built To Spill die Zeit zurück. Er erfüllt sich einen Jugendtraum und veröffentlicht seine Musik nach dem Abschied vom Großlabel Warner nun beim Indie-Flaggschiff Sub Pop. Damit einher geht die Rückkehr zu einer Idee aus den Anfangstagen der Band: Martsch wollte sich für jedes Album mit neuen Musikern umgeben, er selbst sollte die einzige Konstante sein. Das hat über weite Strecken der Bandgeschichte nicht geklappt, er hat lange mit den gleichen Leuten gespielt. Für das neunte Album „When The Wind Forgets Your Name“ hat er sich allerdings mit den brasilianischen Musikern Lê Almeida und João Casaes von der Psychedelic-Rockband Oruã zusammengetan. Das passt wunderbar und klingt nach einem frischen Neustart, auch wenn sich der Sound von Built To Spill dadurch nicht grundlegend verändert, der von Martschs Gesang und den flächigen Gitarren dominiert wird. Die Konstellation ist aber längst wieder Geschichte. Für die Tour zum Album hat Martsch schon wieder neue Mitstreiter gefunden. (chr)

Creedence Clearwater Revival: „At The Royal Albert Hall 1970“ (Craft Recordings/Universal):

Ein Konzert in der Londoner Royal Albert Hall hat immer etwas Magisches an sich. Für die Künstler wie für das Publikum. Das ist 2022 so, das war vor mehr als 50 Jahren nicht anders. Kein Wunder also, dass die beiden Gigs der damals bereits populären US-Band Creedence Clearwater Revival im April 1970 als ein Höhepunkt ihrer Tourgeschichte gelten. Nur: Ton- und Bildaufnahmen gab es (offiziell) nicht. Aber irgendwo mussten die Bänder doch schlummern!

Craft Recordings hat den Schatz gehoben, aufpoliert und bringt ihn in mehreren Formaten heraus. Ein absolutes Sahnestück für Sammler, keine Frage. Das fehlte im Regal! Musikalisch ist die Band in Topform, spielt sich durch ein Set aus (heutigen) Klassikern wie „Proud Mary“, „Born On The Bayoo“, „Green River“ und „Bad Moon Rising“. Sicher, das kennt man alles in- und auswendig – aber es ist zeitlos schön und spannend zugleich. Diese Musik verliert nicht an Faszination. Und man darf sagen: Bitte weiter die Archive durchforsten! (alp)

Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann (Ltg.): „Bruckner 5“ (Sony Classical):

Es ist kein Zufall, dass sich selbst Bruckner-affine Dirigenten, sogar Günter Wand, der Bruckner-Apologet seiner Generation, viel Zeit ließen, bis sie sich an die Fünfte heranwagten. Mancher, wie Giulini, ließ sie ganz aus. Die generell mit Bruckner verbundenen Probleme, die riesigen Dimensionen der Sätze formal unter Kontrolle zu bringen, spitzen sich in der Fünften, vor allem im Finale der Sinfonie extrem zu.

Auch Christian Thielemann nahm das Werk erst im fortgeschrittenen Verlauf seiner Gesamteinspielung der Bruckner-Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern in Angriff – allerdings mit großem Erfolg. Thielemann, immer noch einer der besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit, lässt sich von großen Formen nicht abschrecken. Er musiziert jede noch so ausgedehnte Phrase mit langem Atem aus, setzt dabei auf feine dynamische Kontraste, filigrane klangliche Nuancen, entwickelt die Steigerungen mit maßvoll pathetischem Druck und sorgt für eine transparente Entflechtung der heiklen kontrapunktischen Fugenabschnitte.

Die Wiener Philharmoniker lassen Bruckner in Samt und Seide erklingen, sowohl im orchestralen Gesamtaufriss als auch in delikaten Solo-Passagen oder den Chorälen im Blech. Hier knüpft Thielemann an die Klangkultur der Einspielungen Carlo Maria Giulinis mit dem Orchester an. Dass Thielemann historische Aufführungspraktiken nicht interessieren, bleibt angesichts der klanglichen und gestalterischen Qualität dieser Interpretation bedeutungslos. (P. Ob.)

Bettina Pahn (Sopran), Christine Schornsheim (Klavier): „O, wie beseligend“ (Hänssler Classic):

„O, wie beseligend“: Der Titel des neuen Albums der Sopranistin Bettina Pahn mit Liedern von Clara Schumann und Fanny Hensel scheint jedes Klischee vom Frauenbild des 19. Jahrhunderts zu bekräftigen. Die Tatsache, dass sowohl die Gattin Robert Schumanns als auch die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys ungeachtet ihrer Begabung in ihrer kompositorischen Ausübung stark von ihren männlichen Gefährten geprägt, mitunter auch bestimmt wurden, gehört zum realen Alltag des 19. Jahrhunderts. Der Einfluss betrifft sowohl die stilistische Gestaltung der Kompositionen als auch die Möglichkeiten der öffentlichen Verbreitung.

Es verwundert so nicht, dass das Album 26 schöne Gesänge der beiden Frauen bereithält, die vergleichbaren Kompositionen der Männer äußerst ähnlich sind – aber auch nicht schlechter. Poetisch sanfte Lieder dominieren, aber auch aufgewühlte Gesänge wie Clara Schumanns Vertonung der „Loreley“ von Heinrich Heine.

Bettina Pahn und Christine Schornsheim am Hammerklavier, beide bisher vor allem als Interpretinnen barocker Musik hervorgetreten, bieten unprätentiöse, gesanglich makellose, einfühlsam begleitete und den Textgehalt klug erfassende Interpretationen. Ohne dramatische Übertreibungen, ohne sentimentale Entgleisungen. Ein Album, das die Qualitäten der beiden Komponistinnen eindrucksvoll erkennen lässt, allerdings auch deren Grenzen. (P. Ob.)