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Musiker Klaus Hoffmann singt Jacques Brel im Eurogress

Klaus Hoffmann singt Jacques Brel im Eurogress : Als wäre es ein Stück von ihm

Zwei Brüder im Geiste: Klaus Hoffmann singt Jacques Brel. Ein Gespräch über Meinungen und persönliche Sehnsüchte. Das Konzert im Aachener Eurogress wird auf den 26. November verlegt.

Das umfassende Werk des großen Chansonniers Jacques Brel hat Klaus Hoffmann schon immer beeinflusst. Nun geht er erneut mit einem Programm mit Stücken des Belgiers auf Tournee. In dessen Liedern darf man aber auch ganz viel Hoffmann entdecken, wie der 68-Jährige im Interview offenbart.

Herr Hoffmann, Ihre Lieder haben sich manchmal erst in Gänze erschlossen, nachdem man sie zwei oder drei Jahre lang gehört hat. Geht Ihnen das manchmal auch so?

Klaus Hoffmann: Meine Lieder laufen mir immer vorneweg. Wenn ich betrachte, wie viele Lieder ich erst jetzt, im betagten Alter, richtig umsetze, dann stelle ich fest, dass ich sie immer vorausgeschickt hatte. Das geht mir auch so. Es ist eigentümlich.

Sollten wir besser ein Gespräch führen, in dem wir nur Rückblick auf Ihre Lieder halten?

Hoffmann: Das wäre vielleicht spannend, aber ich möchte Sie höflich bitten, damit noch zehn Jahre zu warten.

Sie richten ja auf Ihrem aktuellen Live-Album „Aquamarin – In der Philharmonie Berlin“ den Blick bereits ein wenig zurück auf Ihr Werk. Warum entstehen Ihre Live-Mitschnitte eigentlich vornehmlich in Berlin? Sind Ihre Konzerte im Rest der Republik öffentliche Proben, bevor die Kür in Ihrer Heimatstadt folgt?

Hoffmann: Ich habe auch schon in Köln und Düsseldorf aufgenommen. Aber meistens starten und enden meine Tourneen in Berlin. Live-Aufnahmen, die ich hier am Ende einer Tournee mitschneiden lasse, sind dann oft wie ein Spiegel der eigenen Entwicklung. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Atmosphären, die Berliner Spielstätten in sich tragen. Der Friedrichstadtpalast liegt im Osten, das merkt man immer noch. In der Philharmonie schwingt hingegen eher eine Art West-Melancholie mit.

Und was schwingt im Aachener Eurogress mit?

Hoffmann: Das Eurogress ist wieder so ein Ding für sich, mit eigener Gesetzmäßigkeit, die bisweilen ein bisschen blümerant wirken kann. Ich habe ja vor vielen Jahren auch im Aachener Audimax gespielt. Das ist so lange her, es kommt mir fast so vor. als ob es vor dem Krieg gewesen wäre. Dort fing die erste Reihe direkt vor meinen Knien an, was eine Mensa-Seligkeit schuf, die auch schön war.

Hannes Wader hat sich von der Bühne verabschiedet, Paul Simon will nicht mehr auf Tour gehen, Phil Collins hingegen lässt sich vermutlich noch im Rollstuhl auf die Bühne schieben. Welche Optionen haben Sie?

Hoffmann: Am Ende kann man immer noch den Narzissmus als Motor nutzen. Meine Bühnenfigur ist viel mehr Vaudeville oder der Anzugträger vom San-Remo-Festival als Liedermacher, Singer-Songwriter und Popstar. Wenn man dicker, kleiner und zunehmend haarloser wird, muss man sich entscheiden, ob es mit einer solchen Figur überhaupt weitergehen kann. An dieser Weggabelung stehe ich gerade mal wieder. Und gleichzeitig befinde ich mich in der Produktion für das Brel-Programm. Solche Reibungen braucht man als Bühnenmensch.

Sie bezeichnen Jacques Brel als Zustand. Können Sie diesen Zustand beschreiben?

Hoffmann: Das ist wie eine Grippeschutzimpfung. Du weißt, was da abgeht, nimmst aber in Kauf, dass es dich danach erst richtig umhaut. Oder du bist froh, wenn du dich darauf eingelassen hast. Der Zustand Brel – das habe ich früher mal gesagt, um dieses Feuer zu beschreiben, was Brel bei mir erzeugt, um auf der Bühne brennen zu können. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es nicht normal, dass einer einen anderen nachsingt.

Trotzdem holen Sie Brel jetzt nochmal aus der Kiste raus?

Hoffmann: Der hat mir einfach viel Erde gegeben. Ich glaube, er ist für mich alle sechs oder sieben Jahre ein Geländer, an dessen Meisterhaftigkeit ich mich zwischendurch mal festhalten möchte. Aber Brel hat auch etwas Brüderliches, denn auch er hat ja nur gesungen und geschrieben, bis er gestorben ist. Zweimal eine Stunde lang auf der Bühne zu sein, das ist das Phänomen Brel für mich. Diesen Satz habe ich jetzt nur formuliert, um noch etwas Gutes, etwas Nützliches daran zu setzen. Jungen Leuten mag es sus­pekt sein, wenn ein Alter einen noch Älteren singt.

Das Konzert des Musikers im Aachener Eurogress wird auf den 26. November verlegt. Foto: Malene

Hat Altmodisches nicht ohnehin wieder Konjunktur?

Hoffmann: Ich befinde mich mit meinem aktuellen Bühnenprogramm natürlich schon im Museum, aber man kann auch heute noch eine Menge anfangen mit Brel. Scheu, wie er war und wie er gelitten, geliebt und gelebt hat, legte er einen beeindruckenden Weg zurück. Eine ähnliche Spur habe ich jetzt bei Van Morrison entdeckt, von dem ich mir ein Doppelalbum gekauft habe: „The Healing Game“. Der erzählt auch gerne von der Möglichkeit, Liebe, Lust, Leidenschaft und den Tod als Mittel zum Singen zu begreifen.

Haben Sie den Brüsseler Stadtteil Schaerbeek besucht, in dem Brel geboren wurde?

Hoffmann: Ja, ich war mit seiner Witwe Thérèse unterwegs und habe all die Orte in Brüssel gefunden, wo er immer gewesen war. Wir haben Muscheln und Fritten in der Kneipe gegessen, die er regelmäßig frequentierte. Ich kenne auch seine Tochter France, die mir den Kontakt zu seinem Arrangeur François Rauber vermittelte.

Ist die eigentliche Verbindung zwischen Ihnen und Brel nicht die Sehnsucht nach Ausbruch aus dem Bürgerlichen?

Hoffmann: Brel war Großbürgersohn, der seine Verwundbarkeit, von der er sang, erst fand, als er sein Nest verlassen hatte. Sonst wäre er daheim zu Tode parfümiert worden. Das kenne ich auch, aber ich war nicht so behütet wie er. Das Phänomen der Sehnsucht, rausgehen zu wollen, ist mir hingegen wohl bekannt, das stimmt.

Sie waren ja nicht nur auf Brels, sondern auch auf Charles Aznavours und Georges Moustakis Fährten unterwegs. Haben Sie mit der Spurensuche in Frankreich Ihre Sehnsucht, aus dem hiesigen Liedermacher-Zirkel wegzukommen, gefüttert?

Hoffmann: Vielleicht kommst du dir als Sänger selbst näher, wenn du dein Jackett besser ausfüllen kannst, nachdem du einen ganz Großen wie Aznavour kennenlernen durftest. In Deutschland gab es, im Vergleich zu Frankreich, kaum diese väterlich alten Sänger für mich, die mich groß werden ließen. Mit Schrecken stelle ich gerade fest, dass die inzwischen alle tot sind. Wahrscheinlich dienten die mir in erster Linie als Vor- oder Nachbilder, damit ich sehen konnte, wie sie es in der Blüte ihrer jeweiligen Arterienverkalkungen machten.

Hand aufs Herz, Herr Hoffmann: Ist nicht vor allem die Selbstsuche Ihre kreative Triebfeder, bei der Ihnen der idealistische, große Bruder Brel behilflich ist?

Hoffmann: Ja, sicher. Mein Freund Reinhard Mey und auch Hannes Wader zeichneten andere Wege vor. Die bewegten sich, aus der Tradition von François Villon kommend, über die rebellischen 68er mit Gesellschaftskritik hin zu älteren Sängern wie Brassens. Der Brel führt dich zu dir selbst, weil er so widersprüchlich ist. Er ist Text, er ist eine Figur, aber seine Lieder sind meine.

Hat Sie der Weg nach Hause, zu Ihnen selbst, einen weiten Bogen um konkrete politische Äußerungen ziehen lassen, die in Ihrem Werk praktisch nicht auftauchen?

Hoffmann: Ich finde, dass ich immer sehr nahe am Zeitgeist dran war. Aber ich komme dabei aus einer anderen Ecke. Meine Zeile, so abgegriffen die auch war, lautete immer: werde, was du bist. Den vielen ideologisch geprägten Büchern und Dogmen begegne ich seit der Lektüre von Mao Zedong mit Misstrauen. So habe ich‘s eigentlich mein ganzes Leben lang gemacht. Aber jeder Mensch, auch der Künstler, soll immer selbst darüber verfügen dürfen, wo­rüber er spricht, malt oder singt. Sonst gerät man nämlich in doktrinäre Strukturen, die allesamt Pleiten waren. Die Geschichtsbücher sind voll davon.

Geht es angesichts der Allmacht  des Internets überhaupt noch, keine Meinung zu haben?

Hoffmann: Mein geliebter Kollege Konstantin Wecker sang oder sagte kürzlich: „Greta, mach weiter, die Welt muss weiblicher werden.“ Toll! Das bedeutet in der Fernsehwerbung, dass nicht mehr das Auto, sondern der Katalysator beworben wird. Vielleicht ist es dem Konstantin entgangen, dass es unter den Frauen genauso viel Bedauerliches gibt wie unter den Männern. Ich sage Ihnen jetzt zum Schluss etwas: Nach der Brel-Tour setze ich mich zu Hause hin, bestelle mir einen fahrbaren Mittagstisch und enthalte mich jeglicher Meinung.

Dafür sind Sie meiner Meinung nach noch viel zu sehr auf der Suche.

Hoffmann: Ich bin der Meinung, dass Sie recht haben.