Nicht immer bequem: Musik und Künstliche Intelligenz bei „Classic Lounge“

Nicht immer bequem : Musik und Künstliche Intelligenz bei „Classic Lounge“

Während Generalmusikdirektor Christopher Ward in Berlin eine Uraufführung des „Composers in Residence“ Jörg Widmann vorbereitet und sich mit dem Komponisten mit einer Grußbotschaft an sein Aachener Publikum wandte, musste Kapellmeister Mathis Groß das mächtige Programm des zweiten Abends der neuen Konzertreihe „Classic Lounge – Radical Vibes“ bewältigen.

Das Programm war diesmal geradezu überfrachtet mit zeitgenössischen Klängen der härteren Gangart. Moderne „Klassiker“ blieben mit Charles Ives und John Cage in der Minderheit. Unter dem fantasievollen Arbeitsmotto „Extreme Evolution“ ging man zusammen mit Prof. Leif Kobbelt vom Visual Computing Institut der RWTH der Frage nach, welchen Beitrag Computer und Künstliche Intelligenz zum Komponistenhandwerk beitragen können.

Doch ausgerechnet die Uraufführungen der beiden diesen Aspekt berührenden Stücke, „Imaginative Perceptions“ des Komponisten und Ward-Schülers Lars Opfermann sowie eine aus Live-Klängen des Aachener Orchesters computergenerierte Arbeit, wurden nur vage und nebulös erklärt. Und die klingenden Ergebnisse erwiesen sich, was die kompositorische und strukturelle Substanz angeht, gelinde gesagt, als diskussionswürdig.

Auf festerem Boden bewegte man sich mit zwei Werken von Jörg Widmann. So mit dessen zehn „Freien Stücken“, Miniaturen denkbar unterschiedlicher klanglicher Machart, zu denen das Computing Institut bearbeitete Video-Einblendungen des Orchesters in verschiedenen Malstilen beisteuerte. Wobei es schon einiger Fantasie bedurfte, um in den Videosequenzen die Handschriften eines Gauguin oder Picasso erkennen zu können. Einen Höhepunkt bot zweifelsfrei der Aachener Solo-Klarinettist David Kindt mit Jörg Widmanns extrem schwieriger „Fantasie“ für Klarinette, die sich Widmann, selbst exzellenter Klarinettist, aufs eigene Rohrblatt geschrieben hat.

Der Abend startete mit der sanften „Unanswered Question“ von Charles Ives und erhielt durch John Cages berühmtes Unikum „4‘33‘‘“ einen wohltuenden Ruhepol. Viereinhalb Minuten Stille in drei Sätzen, deren Wirkung allerdings durch eine hier deplatzierte Moderation gemildert wurde. Der Überraschungseffekt des Werks stellt sich erst ein, wenn es unvermittelt zwischen zwei besonders vitale oder virtuose Stücke positioniert wird.

Unnötige Längen

Unnötig in die Länge gezogen wurde der Abend nach zwei Stunden durch Terry Rileys fast halbstündige Minimal-Litanei „In C“. 53 kleine Motive werden von den Musikern in freier Wahl unaufhörlich wiederholt. Die Freiheiten führen immerhin zu einem farbigen und virulenten Klangerlebnis, wodurch sich die öde Monotonie vieler minimalistischer Kompositionen etwas eindämmen ließ. Zumal die Musiker während des Vortrags auch ständig ihre Spielpositionen wechselten und fleißig die Empore des Depots nutzten. Was freilich mehr den Effekt als die Substanz nährte.

Das Publikum reagierte trotz des überladenen und nicht immer bequemen Programms mit lang anhaltendem, teils begeistertem Beifall.