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Jazz-Gitarrist Bill Frisell: Magische Zeit im Aachener Malterserkeller

Jazz-Gitarrist Bill Frisell : Magische Zeit im Aachener Malterserkeller

Jazz-Gitarrist Bill Frisell kann zwar aufgrund der Pandemie nicht so viel unterwegs sein, wie es seinem Naturell entspricht, aber jetzt ist sein neues Album „Valentine“ erschienen. In seinem Leben war er schon überall auf der Welt unterwegs, ein Jahr als junger Musiker in unserer Region hat ihn aber maßgeblich geprägt.

Ein Mittwochvormittag im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn, Anfang Juli. Bill Frisell ist daheim, vis-à-vis der Freiheitsstatue, deren Anblick ihn kontinuierlich daran erinnert, dass er festsitzt, wie er am anderen Ende der Telefonleitung erzählt. Die außergewöhnlich lange, pandemiebedingte Auszeit von seiner bald fünf Dekaden andauernden Musikreise setzt ihm spürbar zu. Zum einen fehle ihm der direkte Austausch mit anderen Musikern, sagt er, zum anderen ist er das Verweilen an einem Ort nicht gewohnt. 2017 zog er zurück an den Hudson River, nachdem er bald 30 Jahre lang in der Pazifikmetropole Seattle beheimatet war. Wirklich sesshaft war er aber auch dort nie geworden.

„Anfang der 80er Jahre lebte ich bereits mal eine Weile lang in New York, doch auch damals war ich eigentlich schon konstant überall auf der Welt unterwegs. Für mich ist es normal, Kollegen und Freunde nicht daheim, sondern auf Flughäfen oder hinter den Bühnen von Jazz-Festivals zu treffen. Jetzt aber kann ich nicht mal mehr das Metropolitan Museum drüben in Manhattan besuchen“, seufzt der Jazz-Gitarrist, Grammy-Award-Gewinner und Komponist.

Für ihn ist das Unterwegssein so wichtig wie Essen und Trinken, meint er. Nicht nur wegen des spontanen musikalischen Austauschs auf der Bühne, sondern vor allem zum Erhalt der geistigen und kreativen Leistungsfähigkeit, findet der 69-Jährige. „Wenn ich von einer langen Konzertreise für zwei Wochen nach Seattle zurückkam, machte ich mich immer schon einen Tag später auf die Beine und wanderte Stunden über Stunden durch die umliegenden Parks und Wälder.

Hier in New York setzte ich mich in entsprechenden Situationen oft in die U-Bahn und fuhr manchmal ziellos durch das Stadtgebiet, um meinen Kopf frei zu kriegen. Dieselbe Methode wendete ich auch hin und wieder an, wenn ich nach Inspiration in mir selber suchte. Ich habe festgestellt, dass ich effizienter denken kann, wenn ich in Bewegung bin. Dazu muss man sich freilich nicht zwangsläufig physisch bewegen, die Bewegung im Kopf kann auch ausreichen. Aber ich kann es kaum abwarten, wieder angstfrei und ungehindert unterwegs sein zu können.“

Vielgefragter Mann

Man glaubt es ihm aufs Wort, weil hinter allem was er sagt, seine Entdeckerlust hervorlugt, die ihn weit gebracht hat. Mehr als drei Dutzend Studio-Einspielungen in unterschiedlichen Konstellationen hat er bislang veröffentlicht. Seine musikalischen Dauerverbindungen zum Schlagzeuger Paul Motian und zum New Yorker Avantgarde-Komponisten John Zorn warfen nochmal mindestens ebenso viele Alben ab. Kaum noch zählen lässt sich sein Zutun zu Platten prominenter Jazz- und Pop-Musiker. Vom Cream-Schlagzeuger Ginger Baker über Joe Jackson, Paul Simon, Lucinda Williams und Elvis Costello bis hin zur Sopranistin Renée Fleming reicht Frisells Renommee als vielgefragter Gitarrist. Obendrein komponierte er noch Filmmusiken und tourt seit 40 Jahren ohne große Unterbrechungen rund um den Globus.

Bei Jazz-, Pop- und Klassik-Liebhabern und seinem weitreichenden Musiker-Freundeskreis ist Frisell nicht gefragt, weil er etwa ein Alleskönner wäre, der sich jeder Begebenheit anzupassen wüsste. Nein, man schätzt ihn, ganz im Gegenteil, wegen seiner Selbsttreue und seines speziellen Gitarren-Tons. Der klingt bereits seit seiner Schulzeit erdig, gleichsam außerweltlich, freundlich-einnehmend und ätherisch. Es gibt aber noch einen weiteren Grund dafür, warum er vermutlich der meistaufgenommene Jazz-Gitarrist der Moderne ist: Seine charakteristische Diktion.

Frisell spielt Gitarre, wie er spricht. Er ist keiner der Sorte geschwätziger Solisten-Superstars, sondern redet bedächtig, wohldosiert, immer musikalisch. Ihm kommen auch keine der überzogen-artikulierten Amerikanismen wie „Wow!“ oder „Amazing!“ über die Lippen. Alles was er sagt hat Klasse, es klingt vornehm und gleichzeitig fortschrittlich. Vielleicht, weil er, so wie in seinem Gitarrenspielen, intuitiv weiß, wann er Pausen setzen muss, um der Musik und der Sprache Raum zur Entfaltung bieten zu können. Bescheidenheit und Demut klingen ebenfalls in jedem dritten seiner Sätze an. Dass er mit der Jazz- und Pop-Prominenz spielen konnte und hoffentlich irgendwann bald wieder kann, „fühlt sich wie ein Lottogewinn an“, sagt er. „Ich kann von jedem einzelnen Zusammenspiel lernen.“

Das neue Album „Valentine“ vom Bill-Frisell-Trio.
Das neue Album „Valentine“ vom Bill-Frisell-Trio. Foto: Bill-Frisell-Valentine_cover-scaled

Musiktheoretischen Grundlagen, Harmonie- und Kontrapunktlehre, Kompositionslehre und die Kunst der Improvisation lernte er am renommierten Berklee College of Music in Boston. Nicht minder lehr- und folgenreich war für ihn ein Jahr, das er direkt nach seiner Zeit an der US-Ostküste in unserer direkten Nachbarschaft verbrachte. Einer seiner Berklee-Kommilitonen, der aus Lüttich stammende Saxofonist Steve Houben, hatte ihn und ein paar andere Studienkollegen nach Spa eingeladen. Irgendwann 1978, mitten in der Nacht, um drei Uhr morgens, tauchten Frisell und Freunde, über London kommend, in der Ardennen-Stadt auf und blieben ein gutes Jahr lang. „Ich erinnere mich genau daran, wie ich England vom landenden Flieger aus wahrnahm“, reminisziert Frisell. „Die Farben der Landschaft, die Autos, die alle in die verkehrte Richtung fuhren – es war wie in einer anderen Welt.

Ich hatte Amerika damals zum ersten Mal verlassen. Am nächsten Tag wurden wir an die Küste gefahren, gingen auf eine Fähre und landeten schließlich in Belgien. Als es in Spa hell wurde, erkundete ich erstmal den Ort. All die schönen, wirklich historischen Gebäude, die es in meiner Heimat nicht gab, die lockere Art der Belgier, die Nähe zu Deutschland und den Niederlanden beeindruckten mich nachhaltig.“

Magische Zeit im Aachener Malteserkeller

Gelebt hat die Jazzer-Kommune, die sich schnell auch zur Jazz-Band formte, praktischerweise über dem damals noch intakten und beliebten Jazz-Club „Chapati“. „Es gab nicht viele Auftritte, wir hatten praktisch kein Geld, aber die Club-Betreiber verköstigten uns, sie ließen uns bei ihnen wohnen und spielen. Immer wieder durften wir auch mit angesagten Musikern jammen, die im ‚Chapati‘ einen Stopp einlegten. Chet Baker, Art Blakey, Benny Carter oder das komplette Art Ensemble Of Chicago mit Lester Bowie spielten in dem Club.

Wir fuhren mit dem Zug auch immer wieder nach Aachen, um dort einen Jazz-Club zu besuchen, dessen Name mir allerdings entfallen ist“, grübelt Frisell. Der Malteserkeller? „Oh ja, diesen Namen habe ich gesucht! Es war eine magische Zeit für mich, denn ich begann dort, bei Euch, meine ersten eigenen Kompositionen zu schreiben. Rückblickend glaube ich, dass die Zeit in und um Spa herum zu den prägendsten meines Lebens zählt. Ich hatte genügend amerikanische Kultur in mir gespeichert, die ich in Spa dem kulturellen Geist Europas öffnete. Durch das Pendeln zwischen Belgien, Deutschland und Holland, konnte ich reichlich Europa inhalieren.“

Das Bill-Frisell-Trio mit Bassist Thomas Morgan (l.) und Schlagzeuger Rudy Royston.
Das Bill-Frisell-Trio mit Bassist Thomas Morgan (l.) und Schlagzeuger Rudy Royston. Foto: Monica-Jane-Frisell-3

Magisch war Frisells Zeit in Spa aber auch wegen der ersten Begegnung mit seiner späteren Frau Carole, einer bildenden Künstlerin aus Belgien, die mit ihm zurück nach Amerika ging. Ob sein am Freitag erschienenes, neues Trio-Album „Valentine“ ein verfrühtes oder verspätetes Valentins-Geschenk an seine Frau ist? „Das ist eine hübsche Idee“, lacht Frisell. „In Wahrheit basiert der Titel des Albums aber auf der profanen Tatsache, dass ich eigentlich immer noch nicht weiß, welche Titel man Instrumental-Stücken geben soll. Ich bin zwar bemüht, mit meiner Musik Geschichten zu erzählen, aber eben ohne Worte. Man kann das Album dennoch gerne als Liebesbrief verstehen, an die Musik, an die Menschen. Für mich ist er auch eine Freundschaftsdeklaration an meine beiden Mitmusiker. Die Platte ist nämlich vor allem Zeugnis der Kommunikation zwischen uns Dreien.“

Der Kontrabassist Thomas Morgan und der Schlagzeuger Rudy Royston, beide vergleichsweise junge Musiker aus der New Yorker Jazz-Szene, beleben Frisells jüngstes Trio mit druckvoll-rhythmischer Eleganz. Die zwölf Stücke, von denen sieben aus Frisells Feder stammen, mäandern nonchalant zwischen Blues-Shuffle, amerikanischer Roots-Music, lyrischem Gitarrenspielen und freier Improvisation. Nur der letzten Nummer des Albums, „We Shall Overcome“, der Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung, schreibt Frisell eine definierte Bedeutung zu. „Ich spiele das Stück seit etlichen Jahren, weil es voller Hoffnung steckt, die vielen von uns angesichts eines notorisch rechts außen stehenden US-Präsidenten zunehmend verloren gegangen ist“, wird Frisell konkret. „Jazz ist die Sprache der Freiheit, und ich finde es ist an der Zeit, dass jeder das Stück für sich neu interpretiert und in die Welt trägt. Dieses ständige Gegeneinander tut keinem gut. Den USA nicht, Europa nicht, der Musik nicht, keinem.“