Chansonnier Tim Fischer: Lieder als Lebenshilfe

Chansonnier Tim Fischer : Lieder als Lebenshilfe

„Musik befreit uns aus der Einsamkeit“, meint Tim Fischer. Seit 30 Jahren teilt der Chansonnier und Schauspieler diese Erfahrung mit seinem Publikum – voller Liebe und Humor.

Der Chansonnier und Schauspieler Tim Fischer feiert sein 30. Bühnenjubiläum mit „Zeitlos“, einer Werkschau – zu hören auf einem Doppelalbum und zu erleben auf der Bühne. Wo er heute steht und wie wichtig ihm das Liebevolle geblieben ist, erzählt der 46-Jährige im Gespräch mit Michael Loesl.

Herr Fischer, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit den Feinheiten des sprachlichen und gesanglichen Ausdrucks. Wie zeitlos ist die Sprache moderner Menschen?

Tim Fischer: Ich habe oft das Gefühl, dass wir mit Hinblick auf Sprache, Bildung und Humor in eine Art Steinzeit-Koma zurückgefallen sind. Symbole ersetzen Sprache, wie zu Zeiten der Höhlenmalerei. Meine liebe Freundin, die Brecht-Interpretin Gisela May, betrachtete kurz vor ihrem Tod junge Menschen als gewissenhafte, aber wenig lebendige Wesen. Ich finde auch, dass uns die Lockerheit, das Spielerische im Umgang miteinander und in der Sprache immer mehr abhandenkommt.

Weil die Kriegsgeneration wegstirbt?

Fischer: Ja, diese Generation, zu der vielfach breit humanistisch gebildete Menschen zählten, von deren Duktus wir enorm profitierten, und deren Humor sehr lebendig war, raubt uns in der Tat zunehmend der Tod. Viele Menschen aus dieser Generation hatten eine kultivierte und bescheiden-leise, aber dafür umso größere Präsenz. Heute sind wir von Marktschreiern umgeben, die so zornig und verhärmt klingen, dass man ihnen nicht zuhören mag. Und je weniger man ihnen lauscht, desto lauter werden sie.

Wann begann Ihre Faszination für Sprache?

Fischer: Relativ früh, im Kindesalter. Ich hatte eine Großtante aus Norwegen, die immer Weihnachten zu Besuch kam und mir das Lied „Lili Marleen“ in fünf Sprachen vorsang. Das war die Initialzündung. Mich hat das so gepackt, dass ich die Lieder von Zarah Leander und Marlene Dietrich lernte und meinen Mitschülern vorsang. Die waren irritiert, weil ihnen die Lieder von Nena geläufig waren, aber nicht die Chansons aus der Vergangenheit. Und doch waren sie fasziniert. Das ermutigte mich, tiefer in die Materie einzusteigen. Ich entdeckte Brel und Piaf, moderne Liedschreiber und Komponisten. Damit schuf ich mir einen Reichtum an Geschichten und Stimmungen. Die Sprache ist dabei immer ganz wichtig gewesen für mich.

Tim Fischer „Zeitlos“. Foto: Sebastian Busse

Der Reichtum, von dem Sie sprechen, behandelt thematisch nicht nur die Sonnenseite der Liebe, sondern auch Depression und Tod. Hat das den heranwachsenden Tim Fischer nicht irritiert?

Fischer: Sicher, aber das war ja das Interessante an den inhaltlich weit gesteckten Geschichten, die diese Chansons erzählen. Die Liebeslieder, die auch heute noch mehrheitlich im Pop-Radio gespielt werden, bedienen scheinbar eine Sehnsucht der Menschen. Vielleicht auch eine Illusion, der selbstverständlich auch ich auf den Leim gehe. Die weniger herausgeputzten, aber umso wahrhaftigeren Seiten unserer Existenzen haben mich immer mehr fasziniert.

Weil Sie sich damit identifizieren können?

Fischer: Natürlich, ich war ja schon als Kind ein Sonderling und brauchte nicht mal das klassische Coming-out, weil ich meine weiche, liebevolle und, wenn man so will, feminine Seite auslebte. Ich saß zwischen den Stühlen und suchte nach Ausdrucksmöglichkeiten, um mich vermitteln zu können. Gleichzeitig wollte ich, wie jeder Mensch, dazugehören, was schwierig war, denn etlichen meiner Mitschüler galt ich als verdächtig, gelinde gesagt. Das Identifizieren mit dem Andersartigen und das Empfinden von Ausgrenzung gehörten zu meiner Jugend wie das Erleben von Extremen. Entweder wurde ich hochgeschätzt, oder ich war völlig draußen. Auf der einen Seite war das sehr kränkend, andererseits kann es aber auch, wenn man es überlebt, das Einstehen für sich selbst und andere Außenseiter stärken.

Zählte Georg Kreisler deswegen zu Ihren frühen Idolen?

Fischer: Der war mein Haltegriff, weil er in seinen Liedern immer Position für die Vielfalt und den Humor bezog. Aber nicht nur Kreisler war wichtig für mich. Auch Herman van Veen, der bereits 1973 vom „zärtlichen Gefühl“ sang, das er für jeden wehrlos liebenden Mann hatte, ermutigte mich zum liebevollen, facettenreichen Blick auf das Leben. Hildegard Knef, deren beste Texte von ihr selbst stammten, weil sie es darin schaffte, zielgerichtet Finger in Wunden zu legen, war mir ebenfalls eine Stütze.

Lieder als Lebenshilfe?

Fischer: Immer. Lieder sind wie Gebete, wie Zaubersprüche. Deswegen reicht ihr Radius ja noch viel weiter. Was wäre unsere Zivilgesellschaft ohne Lieder? Musik befreit uns aus der Einsamkeit, sie verbindet auf einer Ebene, die Grenzen schaffende Eitelkeiten vergessen lässt.

Heißt Ihr Jubiläumsprogramm „Zeitlos“, weil es inhaltlich ein Gegenentwurf zum Zeitgeist ist?

Fischer: So ist es, wobei es sehr alte Stücke enthält, die der politische Zeitgeist inhaltlich wieder schrecklich aktuell wirken lässt. Friedrich Holländers „Spötterdämmerung“ ist heute relevanter als vor 60 Jahren.

Holländer nannte sich „Pessimist mit optimistischen Wurzeln“. Können Sie sich in dieser Selbstauffassung wiederfinden?

Fischer: Die Frage ist ja immer, wann etwas ist. Blicke ich jetzt nach England, nach Amerika, nach Brasilien oder nach Thüringen, spüre ich fraglos eine Form von Verdruss. Dem kann sich der Optimist in mir nicht entziehen. Aufgeben oder Wut sind deswegen aber keine Alternativen. Weder im Privaten noch im Beruflichen. Ich finde alles Liebevolle sogar wichtiger denn je.

All you need is love?

Fischer: Der Pessimist in mir sagt: totale Fehleinschätzung. Der Realist weiß, dass an Lennons Botschaft etwas dran ist. Wütende Menschen schaffen Wut. Und sie erklären auch immer die gleichen Menschen zu Opfern: Juden, Ausländer, Flüchtlinge, Schwule, Frauenrechtlerinnen, Umweltschützer, Kranke, Alte. Dabei ist doch bei genauer Betrachtung klar, dass sich ihre Wut vor allem gegen sie selbst richtet. Denen fehlt der liebevolle Zugang zu sich selbst. Deswegen vermute ich, dass Lennon immer noch ziemlich richtigliegt. Wer am lautesten brüllt, ist meist das ärmste Würstchen von allen.

Vor zwei Jahren standen Sie für die Fernsehserie „Babylon Berlin“ vor der Kamera. Im kommenden Jahr geben Sie den Conférencier in Ulrich Wallers „Cabaret“-Inszenierung im Hamburger Hansa-Theater. Wie viel Schauspiel verträgt der Chansonnier Tim Fischer?

Fischer: Es gibt bei mir keine klare Trennung zwischen dem Liedinterpreten und dem Schauspieler. Allerdings braucht der Chansonnier deutlich mehr Futter aus meinem Privatleben als der Schauspieler.

Feierabende gibt es in Ihrer Kunst nicht?

Fischer: Niemals. Was ich zwischenmenschlich erlebe, ist der Stoff, den ich in die Lieder hineinpacke, die ich singe. Ein oft gesungenes Lied wie die „Rinnsteinprinzessin“ kann ich nur mit privat Erlebtem immer wieder neu beleuchten. Ich spiele meinen Zuhörern und Zuschauern nicht nur etwas vor, sondern beziehe auch Stellung, bekenne Farbe. Dies ist einem stetigen Wandel unterworfen. Insofern hört die Kunst bei mir tatsächlich nie auf.

Die Seifenblase der ewigen Jugend zerplatzt aber irgendwann. Beängstigt das einen Schönling wie Sie?

Fischer: Sehr schmeichelhaft! Mir ist die Qualität der persönlichen Weiterentwicklung wichtig. Die spielt sich naturgemäß jenseits des allseits grassierenden Jugendwahns ab. Ich finde den Prozess des Reifens viel interessanter als das krampfhafte Beibehalten jedweder Potenz. Komischerweise fällt es vielen Leuten leichter, eine schwere Hantel zu stemmen als die Mundwinkel nach oben zu ziehen.

Wie viel des Bühnenakteurs Tim Fischer, der vor 30 Jahren debütierte, ist heute noch intakt?

Fischer: Ich werde immer der sein, der ich damals schon war. Hoffentlich bin ich großzügiger geworden, gerade im Zwischenmenschlichen, was auch meinem Verschenken auf der Bühne zugutekommt. Früher habe ich oft beleidigt reagiert, wenn mein Kommunikationswille auf der Bühne nicht so funktionierte, wie ich wollte.

Und wie gut kann Tim Fischer mit sich selbst kommunizieren?

Fischer: Eine entscheidende Frage! Ich habe sicher dazugelernt, habe weniger Angst vor mir und meinen dunklen Seiten. Aber im Grunde genommen bin ich jeden Tag, auch in der Vorbereitung neuer Programme, wieder ein Säugling, der ständig aufs Neue sprechen und laufen lernen muss. Das ist mühsam, hält aber auch so fit, als ob die ersten 30 Jahre gar nichts gewesen wären.