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Neues Album von Pale: Liebeserklärung an das Leben

Neues Album von Pale : Liebeserklärung an das Leben

Die Aachener Band Pale setzt ihrem verstorbenen Gitarristen Christian Dang-anh mit einem letzten Album ein Denkmal.

Was bleibt, wenn ein Leben endet? Was können wir festhalten vom Erlebten, Gesagten, was dem Vergessen entreißen? Wie können wir uns erinnern, ehrlich, authentisch, wie einem Leben gerecht werden in all seinen Facetten? „The Night, The Dawn And What Remains“ nennt die Aachener Band Pale ihr neues, siebtes Album. Es erscheint 16 Jahre nach dem Vorgänger „Brother. Sister. Bores!“ und 13 Jahre nach dem offiziellen Ende der Band. Und es ist ganz explizit kein Comeback-Album, sondern etwas viel Größeres: ein Denkmal für einen geliebten Menschen, ein letzter, lauter Abschiedsgruß und eine Liebeserklärung an das Leben.

Der Ausgangspunkt für dieses außergewöhnliche und berührende Projekt lässt sich ziemlich genau datieren, und zwar auf den 25. November 2019. An diesem Tag, heute vor genau vor drei Jahren, erhielten Christian Dang-anh, der Gitarrist, und Stephan Kochs, der Schlagzeuger, unmittelbar hintereinander folgenschwere Diagnosen: Bei Christian Dang-anh wurde ein Hirntumor entdeckt, Stephan Kochs kam mit einer sehr ernsten Erkrankung ins Krankenhaus.

Nun sind derlei Schicksalsschläge trotz aller Dramatik nicht außergewöhnlich und treffen viele Menschen. Es wäre also nicht verwunderlich gewesen, wenn es dazu geführt hätte, dass Christian Dang-anh, Stephan Kochs und ihre Freunde die ganze Sache mit sich ausgemacht hätten, den Schock, die Krankheit, die Angst, den Kampf, die Trauer. Doch Pale waren nie einfach nur ein paar Jungs, die gemeinsam musiziert haben. Es ging immer auch darum, etwas Echtes zu machen, das, was man in der Musik ausdrückt, auch wirklich zu fühlen, die Dinge bewusst zu erleben, vor allem das Miteinander. Pale, das war auch die Geschichte einer großen Freundschaft.

Die Gewissheit darüber konnte auch die Trennung der Band im Jahr 2009 nicht trüben. Und wohl auch deshalb hat die Band einen bemerkenswerten Umgang mit der Situation gefunden. Im Angesicht des drohenden Todes haben sie noch mal etwas Echtes gemacht, gemeinsam musiziert. Zunächst nicht, um die Musik tatsächlich zu veröffentlichen, sondern um Zeit miteinander zu verbringen – zumindest, soweit es die Corona-Pandemie zugelassen hat. „Die Prioritäten in unser aller Leben hatten sich in den Jahren zuvor verschoben, und natürlich hatten wir uns ein wenig auseinandergelebt“, sagt Sänger und Gitarrist Holger Kochs, der Bruder von Stephan Kochs. „Aber als wir plötzlich gesehen haben, dass Zeit eben nicht unbegrenzt ist, wollten wir jeden Moment bestmöglich nutzen.“ Also haben sie sich mit Christian Dang-anh getroffen, persönlich oder in Videochats. Sie haben das alte Feuer entfacht, haben neue Songs geschrieben und aufgenommen.

Pale, gegründet 1993, waren rund um die Jahrtausendwende mal die berühmteste nicht berühmte Indierockband aus Aachen. Dabei stammen sie eigentlich alle vom Dorf. Die Kochs-Brüder und Dang-anh haben die Gruppe in Her­zogenrath-Merkstein aus der Taufe gehoben. Nach einem Intermezzo von Phi­lipp Breuer war mit Jürgen „Hilly“ Hilgers am Bass ab 1996 die Kernformation gefunden. Später, als Pale längst in Richtung großstädtische Gefilde entwachsen waren, kam Jonas Gervink am Keyboard hinzu, der vor allem auf „Brother. Sister. Bores!“ (2006) seine Spuren hinterlassen hat.

 Stephan Kochs (links) und Christian Dang-anh im Jahr 2012. Foto: Stefan Schaum
Stephan Kochs (links) und Christian Dang-anh im Jahr 2012. Foto: Stefan Schaum

Es lief immer ganz gut für die Band, die zwar am großen Durchbruch stets knapp vorbeigeschrammt ist, aber immerhin gut 10.000 Exem­plare ihres Albums „How To Survive Chance“ (2002) verkauft hat. Es gab Auftritte im Vorprogramm von Größen wie den Beatsteaks oder Panic! At The Disco, auf Festivals wie dem Rheinkultur in Bonn spielten Pale vor mehreren Zehntausend Zuschauern. Letztlich sind Pale aber immer eine Indie-Band geblieben. Es ging nie darum, in den Charts zu landen, sondern vor allem darum, Spaß an der Sache zu haben. „Das war eigentlich immer so, wie mit Kumpels um die Häuser zu ziehen“, hat Christian Dang-anh einmal gesagt. Holger Kochs meint: „Pale war nie eine Band, die alle erreicht hat. Aber denen, die wir erreicht haben, bedeutet sie etwas.“ 2012 gab es noch mal einen Auftritt mit vielen Wegbegleitern auf Burg Wilhelmstein. Es war ein rauschendes Abschiedsfest.

Christian Dang-anh starb im Mai des vergangenen Jahres, rund anderthalb Jahre nach der Diagnose. Nach seinem Tod entschloss sich die Band weiterzumachen und die bereits aufgenommenen Songs zu beenden. Stephan Kochs hat sich aus gesundheitlichen Gründen gegen eine Teilnahme entschieden und ist nur einmal im Background-Gesang zu hören. Das Schlagzeug hat schließlich Daniel Klingen von Subterfuge eingespielt, der auch wesentlichen Anteil an der Produktion des Albums hatte.

Darüber hinaus hat so ziemlich jeder etwas beigesteuert, der einmal Teil der Gruppe war. Gründungsbassist Philipp Breuer ist wieder zu hören, natürlich auch Keyboarder Jonas Gervink und Michael „Lisse“ Liskowsky von Nothing In Common, der 2007 bis 2009 auch bei Pale aktiv war. Zudem haben Pale um Gastauftritte von Menschen gebeten, mit denen sie schon immer zusammen Musik machen wollten, etwa Simon den Hartog von den Kilians, Saskia Pasing als Gastsängerin auf „500 Songs“ und einige Mitglieder von Querbeat sowie Steve Norman von Spandau Ballet, die bei Pale bislang selten gehörte Bläserklänge beisteuern.

„The Night, The Dawn And What Remains“ ist nicht nur wegen seiner Geschichte ein bemerkenswertes Album, sondern auch wegen seiner ausgesprochen optimistischen, geradezu erhebenden Grundstimmung. Die zehn Stücke sind für eine Band mit Wurzeln im Punk und Emo-Rock erstaunlich poppig geraten. Das verweist auch auf das Faible der Band für britische Musik. Bands wie The Jam, The Clash oder The Smiths, die Punk-Spirit und eingängige Melodik immer zu verbinden wussten, zählten stets zum Referenzrahmen von Pale. Trotzdem ist es durchaus bemerkenswert, dass die Band auch die ganz große Geste mit geradezu hymnischen Melodiebögen oder beispielsweise einer Saxofon-Einlage im Stück „New York“ nicht scheut, die auch Clarence Clemons aus Bruce Springsteens E Street Band nicht besser hinbekommen hätte. Eine Gratwanderung, doch Pale gelingt es, dabei nicht ins Pathetische abzurutschen.

Holger Kochs hat zu der Musik Texte geschrieben, die von der komplexen, aber doch innigen Beziehung zu seinem Bruder Stephan erzählen („Man Of 20 Lives“), vom ersten „richtigen“ Song, den man hört („Still You Feel“), von der wahren Liebe („500 Songs“) oder vom Aufbruch ins Leben („Wake Up“). Und natürlich vom Verlust des Freundes Christian Dang-anh („Bigger Than Life“). Liebeserklärungen, allesamt. „Wir werden niemals vergessen, was Christian für uns ist“, sagt Holger Kochs. „Was er hinterlassen hat, wird überdauern.“

Pale: „The Night, The Dawn And What Remains“ (Grand Hotel Van Cleef)