Kurzkritik: Lebensfreude, die bald nicht mehr in Musik verpackt wird

Kurzkritik : Lebensfreude, die bald nicht mehr in Musik verpackt wird

Elton John beendet eine der größten Karrieren der Popgeschichte, und seine weltweite Abschiedstournee „Farewell Yellow Brick Road“, die auf über zwei Jahre und 400 Konzerte veranschlagt ist, wird seiner Bedeutung zweifellos gerecht.

Der Exzentriker, der nicht zuletzt wegen seiner skurrilen Kostümierungen mit extravaganten Brillengestellen, Hüten, Federboas und Plateau-Absätzen auffiel, konnte insgesamt über 350 Millionen Tonträger verkaufen. Gut zweieinhalb Stunden gibt der 72-Jährige in Oberhausen einer traurigen Abschiedsfeier keine Chance, sondern präsentiert sich mit einem musikalisches Temperament, das rund 11000 Fans in der bestuhlt ausverkauften König-Pilsener Arena in Oberhausen für Standing Ovations immer wieder von ihren Plätzen reißt.

Mit der leicht vertrackten Rhythmik von „Bennie and the Jets“ eröffnet Elton John, gepresst in einen mit Glitzer-Pailletten bestickten Frack und mit blauer Strass-Brille, das Konzert, dessen Repertoire mit sechs Songs aus „Yellow Brick Road“ einen leichten Schwerpunkt auf das Erfolgsalbum von 1973 legt. Gleich zu Beginn wird deutlich, wie kompetent die sechsköpfige Band, darunter seine langjährigen Weggefährten Schlagzeuger Nigel Olsson sowie Perkussionist und Grimassenschneider Ray Cooper, den Sound mit vielen filigranen Zutaten anreichert.

Während es mit „All the Girls Love Alice“ in rockige Gefilde geht, nimmt er darauf mit „I Guess That`s Why They Call It the Blues“ wieder Tempo heraus, ehe er mit „Border Song“ die erste Single seines Debüt-Albums „Elton John“ intoniert. Das Konzertprogramm enthält Songs bis zum 1989er Album „Breaking Hearts und dem Titel „Sad Songs (Say So Much)“. Das Konzertprogramm enthält Songs bis zum 1989er Album „Breaking Hearts und dem Titel „Sad Songs (Say So Much)“.

Videos im Hintergrund illustrieren den Aufstieg Elton Johns zur Pop-Ikone. Den großen Druck versuchte er mit Alkohol und Drogen zu kompensieren, und es folgte der Absturz in den 90er Jahren.

„Someone Saved My Life Tonight“, singt er, doch wie er Hilfe erfahren und zu einem besseren Leben zurückgefunden hat, das erzählt er lieber in persönlichen Worten, wobei ihm auch ein wütendes „Fuck Brexit“ herausrutscht. „Don`t Let the Sun Go Down on Me“ erklingt ebenso wie „I`m Still Standing“ nochmals als Manifestation aktueller Lebensfreude. Die wird sich nicht mehr in musikalischer Form äußern, am Schluss heißt es definitiv „Goodbye Yellow Brick Road“ und ein umjubelter und sichtlich zufriedener Elton John verlässt im Bademantel die Bühne.

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