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Konzert der Rockband Billy Talent in Düsseldorf

Billy Talent in Düsseldorf : Ein berauschendes Rockfest

Einen langen und vor allem abwechslungsreichen Abend erleben die Besucher der ausverkauften Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf am Dienstag. Die kanadische Rockband Billy Talent stoppt auf ihrer „Crisis of Faith“-Tour in der Landeshauptstadt – und sie ist nicht allein.

Rund 6000 Fans sind gekommen und müssen bis kurz vor halb zehn ausharren. Dann betritt das Quartett die Bühne. Wobei „ausharren“ dem Vorprogramm nicht gerecht wird, im Gegenteil: Die Zuhörer erleben eine begeisternde Show vor der Show, die gegen sieben mit der noisigen Berliner Garagerock-Band Pabst beginnt und mit Folkpunker Frank Turner und seiner Band, den Sleeping Souls, weitergeht. „Ich bin Frank Turner und das ist eine Akustikgitarre. Aber keine Angst, es wird ein Punkrockkonzert“, kündigt er auf Deutsch an. Der Engländer, Stimmungskanone und selbsternannter „Spitzbube“, ist im Hardcore musikalisch sozialisiert, kann vor allem Ohrwürmer und ist – keine Frage – als Anheizer eine Ansage.

Wer sich mit Turner einen Musiker als Support leistet, der mit seinem aktuellen Album in den deutschen Top-Ten war und auf der Insel Platz drei erreichte, der muss über eine gehörige Selbstüberzeugung verfügen und auch abliefern. Aber Billy Talent ist der Sergej Bubka der Punk- und Post-Hardcore-durchtränkten Rockmusik. Die Latte der Erwartungshaltung überspringt die Band meisterlich mit ganz viel Luft zwischen Poppes und Gestänge. Vier ihrer sechs Studioplatten waren Nummer-eins-Alben in Deutschland, die Setliste ist eine Mischung aus Songs vom aktuellen Langspieler und Charttopper „Crisis of Faith“ und einem Best-Of.

Bei der Auswahl können Frontmann und Sänger Ben Kowalewicz, Gitarrist Ian D’Sa, Bassist Jonathan Gallant und Drummer Jordan Hastings, der weiterhin den an Multiple Sklerose erkrankten Schlagzeuger Aaron Solowoniuk ersetzt, aus einem reichen Fundus schöpfen. Seit dem Debütalbum sind viele großartige und eingängige Stadionrocknummern entstanden, „Rusted from the Rain“, etwa, „Diamond on a Landmine“, „Try Honesty“ oder „Devil on My Shoulder“.

Es sind so viele, dass nicht alle Hits berücksichtigt werden können. Einen vermeintlich neuen Song, den die Band an diesem Abend das erste Mal überhaupt live spielen wolle, kündigt Kowalewicz auch an, augenblicklich aber entpuppt sich der Gag: Es handelt sich um den Klassiker „Fallen Leaves“. Die Halle steht Kopf.

Heimlicher Hit des Abends ist die Ballade „The Wolf“ vom neuen Album. Die Konzertstätte verwandelt sich in ein Meer aus Handylichtern. Aber selbst bei einer Hymne wie dieser kann Sänger Ben Kowalewicz, in Düsseldorf standesgemäß mit einem Toten-Hosen-T-Shirt gekleidet, nicht stillstehen. Überhaupt: Der 46-Jährige ist pausenlos unterwegs, streunt herum, springt auf die Lautsprechermonitore, feuert an.

Ohne Umwege und mit wenig Smalltalk zieht das Quartett aus Ontario seinen Auftritt unterstützt von einer aufwendigen Lichtshow und knalligen visuellen Effekten auf der bühnenbreiten Videowand ab.

Einmal nimmt sich Kowalewicz Zeit für ein paar ernste Worte: „Die letzten Jahre waren für uns alle sehr herausfordernd und schwierig. Es gab Zeiten, in denen ich ehrlich gesagt dachte, dass wir nie wieder in der Lage sein würden, diese Momente hier miteinander zu teilen. Ich weiß, wie schwierig und geschäftig das Leben sein kann, also möchten wir alle in der Band uns dafür bedanken, dass ihr euch heute Zeit genommen habt.“

Ja, Zeit: Nach rund 100 Minuten endet das Billy-Talent-Konzert viel zu schnell. Der lange Musikabend könnte noch viel länger dauern, das kanadische Quartett die ganze Nacht spielen. Ein berauschendes Fest!