Tina Turner wird 80: „Keinen Bock, andere glücklich zu machen“

Tina Turner wird 80 : „Keinen Bock, andere glücklich zu machen“

„Ich singe nicht. Ich tanze nicht. Ich mache mich nicht zurecht“: Tina Turner wird 80 und legt Wert auf den Ruhestand. In ihrem Leben hat sie genug gekämpft.

Die Löwenmähne ist noch da, aber statt Netzstrümpfen mit High Heels und Minirock ist Tina Turner kurz vor ihrem 80. Geburtstag eher zugeknöpft und in flachen Tretern zu sehen. Die Rocklegende genießt ihren Ruhestand: Zehn Jahre nach ihrem Bühnenabschied sagt sie: „Ich hatte keinen Bock mehr darauf, zu singen und alle anderen glücklich zu machen“. Das war bei einer seltenen Audienz, die die Queen of Rock in diesem Sommer einer Reporterin der „New York Times“ gewährte, in ihrer Villa Algonquin in Küsnacht am Zürichsee. „Fully retired“ – absolut im Ruhestand, so bescheidet Tina Turners Managerin eigentlich jede Anfrage.

Singen und andere glücklich machen, das hat Turner Jahrzehnte lang getan. Erst im Kirchenchor, dann in Nachtclubs mit Ike Turner, schließlich solo, wo sie den Zenit ihrer Karriere erreichte: Wenn sie im sexy Outfit „The Best“ oder „Private Dancer“ anstimmte, lagen ihr die Fans zu Füßen. Die Männer wegen ihrer erotischen Ausstrahlung, die Frauen, weil Turner allen Widrigkeiten jenseits der 40 zum Trotz noch eine Weltkarriere hinlegte. Als sie sich 2009 von der Bühne verabschiedete, kamen zur Welttournee mehr als eine Million Besucher.

Musikalisch thront die Sängerin mit der tiefen Stimme auf dem Olymp der Rockgeschichte neben Ikonen wie David Bowie, Keith Richards und Mick Jagger. Das Musikmagazin „Rolling Stone“ rühmte sie als „eine der größten Stimmen aller Zeiten“.

Wenn diese furiose Rockröhre, am 26. November vor 80 Jahren in Nutbush, Tennessee geboren, in ihrer (zweiten) Autobiografie „My Love Story“, gerade als Taschenbuch veröffentlicht, von ihrem Leben berichtet, dann gern als „Aschenputtel-Märchen“: die erstaunliche Entwicklung vom „naiven Landmädchen zu einer gestandenen Frau“ in äußerst schwierigen Etappen. Doch am Ende eines Märchens geht alles meist gut aus, mit Happy Ends wie hier, die dank harter Arbeit und vielen Entbehrungen verdient wurden. Zwölf Grammys, mehr als 180 Millionen verkaufter Tonträger, Rock and Roll Hall of Fame, Hollywood Walk of Fame: Doch das Glück der Sängerin wäre ohne die große Liebe, die sie im Kölner Musikmanager Erwin Bach fand, nicht vollkommen.

Turner 1972 als sexy Showgirl: Beruflich war die Zeit erfolgreich, privat war sie ein Desaster. Foto: imago images/ZUMA Press/imago stock&people via www.imago imago images/ZUMA Press

Dass sie für ihn 2013 noch einmal Ja zur Ehe sagt, mit 73 Jahren, ist auch Teil dieses ungewöhnlichen „Aschenputtel-Märchens“, das mit einer Alptraumhochzeit beginnt: in einem schmuddeligen Büro im schäbigen mexikanischen Tijuana, ohne Sekt, ohne Kuss, aber mit anschließender Sexshow im Puff (eine Feier nach Geschmack des Ehemanns), und mit einer Traumhochzeit endet: auf dem eigenen Schloss am Zürichsee, die Deko aus 100.000 Rosen, die Braut im Armani-Kleid, als Kutsche ein weißer Rolls-Royce. Es ist das lang erwartete Happy End, das das traurige Aschenputtel endlich zur herrlichen Königin werden lässt.

Tina Turner, damals noch mit bürgerlichem Namen Anna Mae Bullock, wuchs im Südstaatennest Nutbush in Tennessee in einer Baumwollpflücker-Familie noch unter der Rassentrennung auf. Als Mädchen sang sie im Gospelchor, ehe der acht Jahre ältere Gitarrist Ike Turner sie entdeckte. Er formte die „Ike and Tina Turner Revue“. Mit ihrer ersten Single „Fool in Love“ stürmten sie 1960 die Hitparaden. Es folgten Hits wie „River Deep – Mountain High“ und „Nutbush City Limits“. 1969 schafften sie den Durchbruch mit ihrem Auftritt im Vorprogramm der Rolling Stones.

Tina Turner, Konzert auf der Radrennbahn Weissensee Berlin. Foto: imago/BRIGANI-ART/imago stock&people imago/BRIGANI-ART

Die beiden hatten 1962 geheiratet, aber Ike stellte sich als brutaler Ehemann heraus. Sie schaffte es erst 1976, ihn zu verlassen. Um die Scheidung schnell hinter sich zu bringen, gab sie alle finanziellen Ansprüche auf. Sie habe Jahrzehnte gebraucht, um ihm zu vergeben, sagte sie viel später. Ike Turner starb 2007. Mit ein paar Cents in der Tasche und als alleinerziehende Mutter zweier Söhne fing Turner von vorn an. Sie sang und tanzte zuerst in Clubs, Hotels und auf Betriebsversammlungen. Sie habe geputzt, wo sie unterkam, sagte sie. „Lieber jemand anderes Putzfrau als Ike Turners Ehefrau!“ Und dann kam 1984. Mit 45 schaffte sie den Durchbruch mit ihrem Album „Private Dancer“. Sie gewann vier Grammys. Der Hit „What‘s Love Got To Do With It?“ klang wie ein selbstironischer Rückblick auf die Ehe mit Ike.

Turner füllte Säle und Stadien der Welt. Als sie 1988 in Rio de Janeiro vor mehr als 180.000 Zuschauern sang, kam das Riesenpublikum ins Guinness-Buch der Rekorde. In Deutschland sang sie zuletzt 2009 vor Hunderttausenden Fans in Köln, Berlin, Hamburg und München.

Damals noch in High Heels, der Perücke ist sie bis heute treu geblieben: Tina Turner 1985. Foto: imago/MediaPunch/John Barrett/PHOTOlink.net / Med imago/MediaPunch

Seitdem läuft das Leben in der Villa am Zürichsee ruhiger. Sie lebt dort seit Mitte der 90er Jahre, und ist inzwischen auch Schweizerin geworden. Sie benannte das 5000 Quadratmeter große Anwesen nach ihren indianischen Vorfahren „Algonquin“. Es liegt hinter einem hohen schmiedeeisernen Tor. „Vor zwölf Uhr nicht läuten“, steht dort am Tor.„Ich singe nicht. Ich tanze nicht. Ich mache mich nicht zurecht“, sagte sie der „New York Times“.

Die Reporterin fand die Villa charmant wie den Palast aus einem Zeichentrickfilm: mit Efeuranken am Haus, einer meterhohen Pferdeskulptur, die von der Decke hängt, und einem Gemälde von Turner in Aufmachung einer ägyptischen Königin an der Wand. Turner lebt dort mit dem Mann, der ihr 2013 die Traumhochzeit bereitete. Dabei traf sie den Musikmanager bereits  Mitte der 80er Jahre. Er ist 16 Jahre jünger als sie. Die Beziehung hielt, und 2013 heirateten die beiden in Küsnacht. Bach nennt seine Frau „Schatzi“, wie er der „New York Times“ verriet, manchmal auch „Bärli“. 2017 spendete Bach seiner Frau eine Niere.

Turner zeigt sich manchmal noch, zum Beispiel bei der Premiere des Musicals über ihre Lebensgeschichte, „Simply the Best“. In einer Talkshow im britischen Fernsehen ließ sie sich mit 78 noch einmal zu einem ihrer heißen Hüftschwünge hinreißen. Und die Löwenmähne? Alles fake, wie sie einräumt. „Ich trage Perücke, und zwar immer“, sagte sie der „Zeit“. „Ich ziehe Perücken an wie andere Menschen ihre Kleider.“

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