John Scofield mit Solo-Konzert in Aachen

Interview mit John Scofield : Jazzmusiker: „Was wäre Kunst ohne Wagnis?“

Jazz-Gittarist John Scofield wagt im Aachener Musikbunker ein Solo-Konzert – zum vierten Mal überhaupt erst. Er findet es herausfordernd, mal nicht der „Band-Boss“ zu sein, sondern allein mit seinem Instrument auf der Bühne zu stehen.

Der weltberühmte amerikanische Gitarrist John Scofield zählt neben Pat Metheny, Bill Frisell und Allan Holdsworth zu den einflussreichsten Jazzmusikern. Seit 60 Jahren definiert er die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments kontinuierlich neu. Mit seinem Konzert im Aachener Musikbunker am 10. Februar 2019, schließt sich für den New Yorker ein Kreis. Vor mehr als 30 Jahren spielte er, der bislang praktisch immer mit seinen eigenen, hochkarätig besetzten Bands unterwegs war, sein erstes Solokonzert. Vor den Toren von Aachen, in einem kleinen Club in Belgien. Wenn er jetzt nur mit seiner Gitarre in die Region zurückkehrt, steht für ihn viel auf dem Spiel. Vor allem das Überwinden der Furcht, mit sich selbst in einen improvisierten Dialog zu treten, wie er im Gespräch mit Michael Loesl von seinem amerikanischen Domizil aus erzählt.

Mr. Scofield, es ist 8.30h in New York, eine unchristliche Zeit für Musiker, die in der Regel nicht vor den späteren Morgenstunden ins Bett kommen. Brauchen Sie mit 67 Jahren nicht mehr viel Schlaf?

John Scofield: Ich genehmige mir sogar mehr Schlaf als früher, aber es gibt zwei gute Gründe für mich, zeitig aufzustehen. Den ersten Grund bekam ich als ausgewiesener Kaffee-Fanatiker gerade zu Weihnachten von meiner Frau geschenkt, eine sehr gute Espresso-Maschine. Der zweite Grund ist meine morgendliche innere Ruhe, die das Komponieren im Verbund mit ein paar Tassen Kaffee zum Genuss werden lässt.

Haben Sie nie den Lebenswandel des klassischen Jazzmusikers erlebt, der bis in die Puppen in verrauchten Jazzclubs abhängt?

Scofield: Doch natürlich, bis in die späten 80er-Jahre hinein habe ich genauso gelebt. Mitten im New Yorker West-Village sogar, wo sich all die angesagten Jazzclubs befanden. Ich genoss die Zeit, sie war anregend. Jeder Musiker kennt eine Sturm- und Drangzeit, in der man sich mit anderen Instrumentalisten messen möchte und die Nächte durchmacht. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man seine eigene musikalische Sprache lieber verfeinern möchte. Glücklicherweise traf er bei mir ein, als ich Vater wurde.

Sie haben mit Miles Davis, Chet Baker, Gary Burton, Steve Swallow und unzähligen anderen Größen der Jazz-Historie gespielt. Dem Nachwuchs verhalfen Sie in ihren eigenen Bands zu Ruhm. Ist die Jazzszene weniger von Konkurrenzdenken durchzogen als die Popwelt?

Scofield: Ich glaube schon. Es liegt in der Natur der Sache, dass man als improvisierender Musiker viel mehr am musikalischen Dialog mit seinen Mitstreitern interessiert ist. Zwangsläufig räumt man ihnen auch respektvoll Raum zur Entfaltung ein. Ein Popstar versammelt vielleicht eher ein Reihe Miet-Musiker um sich, die nach Möglichkeit jeden Abend das Gleiche spielen sollen. Aber natürlich gibt es auch in der Jazzszene ein paar Gestalten, die sich wie Stars fühlen, und für die alle anderen Konkurrenten sind.

Ihre aktuelle Konzertreise, die Sie auch nach Aachen führen wird, bestreiten Sie allein. Wie oft haben Sie in Ihrer Karriere bislang Solo-Konzerte gegeben?

Scofield: Ganze dreimal. Mein erstes Solokonzert fand per Zufall in einem kleinen Club in Belgien, unweit von Aachen entfernt statt. Meine Band war damals nach einer Tour bereits zurück auf dem Weg nach Amerika, ich hatte noch ein paar Tage frei und wurde gebeten, ein Solo-Konzert zu spielen. Das war Anfang der 80er-Jahre. Dann spielte ich eins beim Montreal Jazz Festival, das brauchbar verlief, weil ich vor einem wohlwollenden Publikum auftrat. Das letzte Solo-Konzert fand vor zehn Jahren in San Diego statt. Es war ein Blindgänger, weil ich mich ohne Band regelrecht nackt fühlte.

Warum nehmen Sie die scheinbare Herausforderung, Solo-Konzerte zu spielen, jetzt bereitwillig an?

Scofield: Weil es eben genau eine Herausforderung ist, mit einer Gitarre und einem Loop-Effekt ein Konzertprogramm zu gestalten. Die Sologitarre ist im Jazz eher ungewöhnlich und man muss trotz Erfahrung, an sich und an ihr hart arbeiten, um sie für die Länge eines Konzerts interessant klingen zu lassen. Beim Piano ist das anders. Das klingt unmittelbar wie Musik. Mich beängstigt die Vorstellung, allein vor ein Publikum zu treten. Auf der anderen Seite ist es für einen Team-Player wie mich nach all den Jahrzehnten mit Band auch spannend. Sicher werde ich noch etwas über mich lernen, wenn ich mich aus meiner gewohnten Realität als Band-Boss herauswage. Was wäre Musik, was wäre Kunst ohne Wagnis?

Nietzsche sagte: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen“. Wie viel Relevanz besitzt die Kunst noch in Zeiten des geradezu fundamentalistisch gelebten Neokonservatismus diverser Staatsmänner?

Scofield: Wie viele andere meiner Landsleute, die Jazz spielen, habe ich über die Jahrzehnte enorm von den Sozialdemokratien europäischer Länder profitiert. Bei Ihnen wird Musik noch öffentlich gefördert. Mein Land befindet sich leider in einer Abwärtsspirale mit Hinblick auf Kunst. Für unseren derzeitigen Präsidenten ist Musik nur Geräusch, fürchte ich. Er hält Kunst vermutlich für irrelevant. Dabei bereichert Kunst, die nicht der reinen Verkaufbarkeit wegen geschaffen wird, das Leben von Menschen enorm.

Dem Jazz wurde seit jeher das Mandat zuteil, Rückwärtsgewandtheit zu widerstehen. Hat der Jazz in einer sozialen und politischen Realität, die von Ängsten gepflastert ist, überhaupt eine Überlebenschance?

Scofield: Improvisation gehört so fundamental zum Leben, weil sie die freie Form unseres menschlichen Ausdrucks ist. Wenn wir reden, unsere Gedanken miteinander Austauschen oder gemeinsam Musik gestalten, sind unsere Improvisationsvermögen gefragt. Das Leben fordert unsere Talente dahingehend immerzu. Der Jazz ist ein Spiegel dessen und deshalb glaube ich, dass er selbstverständlich weiterhin existieren wird. Mal mehr, mal weniger populär. Wir sollten uns aus Angst vor neuen Erfahrungen nicht das Leben verderben lassen. Das versuchen die Spaßverderber im Weißen Haus schon zur Genüge.

Haben Sie damit nicht auch gleich die Losung für Ihre kommende Tournee vorgegeben?

Scofield: Immer der Neugierde nach Ungewohntem folgen, richtig. Gerne mit einem guten Kaffee. Damit geht alles besser.