Mit neuem Album „Konturen“: Johannes Oerding kommt zu den Kurpark Classix

Mit neuem Album „Konturen“ : Johannes Oerding kommt zu den Kurpark Classix

Auf seinem neuen Album „Konturen“ wird Johannes Oerding zum ersten Mal politisch. Der 37-Jährige schwimmt auf einer Erfolgswelle. Am 1. September 2020 kommt er zu den Kurpark Classix in Aachen. Ein Porträt.

Nichts tun, abends auf dem Sofa herumlungern und sich an einer Tüte Chips erfreuen: undenkbar für einen Popstar! Allein schon der Linie wegen. Noch unvorstellbarer wirkt das Szenario im Fall von Johannes Oerding. Ein immer auf Etikette bedachter Fatzke war der 37-Jährige freilich nie. Aber er ist einer, der, wie es scheint, kaum ruhig sitzen kann. Immer auf der Suche, immer unterwegs, ständig gut gelaunt und gesprächig – so kennt den Sänger und Songschreiber jeder, der ihm seit seinem Einstandsalbum 2009 begegnet ist.

Das hieß übrigens „Erste Wahl“. Rückblickend betrachtet, erweist sich der Titel als geradezu prophetisch. Inzwischen ist der Wahlhamburger nämlich tatsächlich als Texter erste Wahl der emeritierten deutsche Pop- und Rockprominenz. Für Peter Maffays jüngste Nummer-1-Platte „Jetzt!“ betextete er zusammen mit seinem Kreativkompagnon Benjamin Dernhoff knapp die Hälfte der Songs. Udo Lindenberg ließ sich während seiner letzten Tournee von Oerding flankieren. Vermutlich des jugendlichen Anstrichs wegen. Ganz sicher aber vor allem, weil der gebürtige Münsteraner verkörpert, wonach der Popbetrieb am meisten dürstet: Wahrhaftigkeit.

Man nimmt ihm ab, worüber er singt. Ob der Liebe als Allzweckwaffe der gemeinen Pop-Lyrik, der Gesellschaftskritik oder der persönlichen Reflexion zugewandt: Oerding ist geraderaus. Auch bei den Schilderungen der Brüche in seiner Selbstwahrnehmung. Von wegen Fitnessregime und pausenloses Unterwegssein! Abends, sagt er, fläzt er sich gerne auf dem Sofa herum, delektiert sich am liebsten an Döner und Pizza, bevor die Tüte Chips auch noch dran glauben muss.

Als Fußballer könnte er sich nie und nimmer sehen, meint er. Zu wissen, dass einen das halbe Stadion liebt und die andere Hälfte nur auf Fehler wartet, wäre seiner Seele überhaupt nicht zuträglich. Da ist er doch lieber Popmusiker, der darauf wetten kann, dass ihn die Zuschauer wirklich feiern, wenn er die Bühne betritt. Obschon sein Unterbewusstsein auch dem Bad in der Menge Grenzen setzt. Manchmal, sagt er, möchte er nach einem Konzert sofort ins Hotelzimmer, bloß keinen Menschen mehr sehen, am liebsten alles hinschmeißen, verschwinden, das Popgeschäft vergessen.

Die Diva in ihm

Dann aber obsiegt meist der andere Oerding. Sein Drang, sich der Musik wegen zu disziplinieren, gewinnt doch immer wieder Oberhand. Zornesausbrüche gehören dazu, wie er einräumt. Die Musiker, mit denen er seit 15 Jahren zusammenarbeitet, sind seinen Jähzorn inzwischen gewohnt. Und weil er der Diva in sich immer wieder auf den Leim geht, hat er ihr auf seinem neuen Album auch gleich ein paar Zeilen gewidmet. „Hier kommt das Scheinwerfer-Ego, das zerbricht und zusammenfällt, sich wiederaufbaut wie Lego und wirklich glaubt, dass es diesmal hält“, erzählt er im Song „Unter einen Hut“. Seine Gesangskoloraturen changieren dabei zwischen Pop und Schlager, Vergänglichkeit und holzschnittartigem Bekenntnis zum tiefen Gefühl – immer möglichst nahe dran am Zuhörer. Man darf ja kein Star sein. Selbst dann nicht, wenn man einer ist.

Den Egos der junggebliebenen Mittelalten des Deutschpop wird‘s nicht leicht gemacht. Während von Madonna und Lady Gaga narzisstisch geprägte Auftritte geradezu erwartet werden, dürfen unsere Pophelden gerade mal den Kumpel-Typen geben. Oerding kommt das gelegen. „Mir spielt das ganz gut in die Karten“, wirft er in seinem charakteristischen Sturm-und-Drang-Duktus ein. „Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, habe Fußball gespielt, war mit Kumpels im Verein.

Das Kumpel-Sein ist tatsächlich meine Welt. Ich komme vom Dorf, da macht man sich schnell verdächtig, wenn man sich für besser hält als die anderen. Auf der einen Seite lebe ich davon, dass mir Menschen zujubeln und dass sie meine Songs singen. Damit befriedige ich mein Geltungsbedürfnis. Andererseits geht dem Kumpel Oerding der Zampano Oerding und alles, was der nach sich zieht, manchmal gehörig gegen den Strich.“

Sein neues Album hat er auch deshalb „Konturen“ genannt, weil er die Linien zwischen seinen Charaktermerkmalen oft gar nicht klar ziehen kann, wie er ausführt. „Mein roter Faden ist nicht rot, er ist bunt“, sagt er und erklärt damit gleich auch, wie er auf seiner inzwischen sechsten Studioeinspielung musikalisch unterwegs ist. Oerdings Musik spielt im zehnten Jahr seiner Profikarriere, wie es ihm gefällt. Bunt halt. Warum sollte er, der vom ehemaligen Ghetto-Rapper Sido genauso zur gemeinsamen Liedfindung eingeladen wird wie von der Sängerin Anna Loos, sie auch eingrenzen?

Tournee nahezu ausverkauft

Zumal die Losung dieser Tage ohnehin „Oerding auf allen Kanälen“ lautet. Am Freitag, 8. November, erschien sein neues Album „Konturen“, auf dem er sein gesteigertes Qualitätsbewusstsein offenbart. Er ist aktuell in der Song-Tauschsendung „Sing meinen Song“ zu sehen, seine Songs finden sich auf den aktuellen Top-Ten-Alben von Maffay und Sido, und demnächst geht der notorische Hutträger auch wieder auf Tour, die bereits jetzt nahezu ausverkauft ist.

Die von ihm bespielten Hallen werden zunehmend größer, der Radius seiner Lieder scheint grenzenlos zu werden. Nach zehn Jahren darf Oerding sich momentan eines zweiten Karrierefrühlings erfreuen. Zurecht. Er brennt für seine Musik. Zu Beginn seiner Karriere spielte er an jeder Gießkanne, schuf sich mit der klassischen Ochsentour durch Kneipen und Clubs eine treue Zuhörerschaft. Er lernte sozusagen nebenbei von Grund auf, dem Unterhalter in ihm Kontur zu geben, und verbesserte mit und mit seine Ausdrucksmöglichkeiten als Musiker. Jetzt kann er ernten, was er teils unter Plackerei säte.

„Ich empfinde diesen Teil meiner Karriere als Essenz aus den ganzen Jahren, aus den vielen Auftritten, und den Versuchen, viele Leute mitzunehmen in meinem Boot. Dass ich seitens meiner Kollegen nun auch mit größerem Respekt wahrgenommen werde, weil ich jahrelang zäh für meine Musik einstand, ist ein Bonus“, skizziert Oerding den Istzustand seiner Laufbahn. „Die Türe stand schon eine Weile einen Spalt weit offen für mich, aber jetzt trete ich sie ein. Und dabei“, lacht er, „kracht scheinbar gleich eine ganze Mauer ein.“

Apropos Mauer. Er war sieben Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Damals, sagt er, sei er noch zu jung gewesen, um die Mauer als Symbol für das geteilte Deutschland begriffen zu haben. „Für mich war es normal, dass da nichts mehr stand, was das Land teilte. Und auch heute habe ich keine Trennlinie im Kopf, wenn ich nach Erfurt, Zwickau oder Rostock fahre. Keine Ahnung, ob mir dabei mein ‚Kumpel-Ding‘ hilft, aber die Jungs vom FC Erzgebirge Aue sind genauso meine ‚Homies‘ wie die vom FC St. Pauli. Gut, dass die Mauer weg ist. Ich wünschte, dass noch viel mehr Mauern in unseren Köpfen fielen“, meint er.

Im neuen Song „Besser als jetzt“ wird Oerding zum ersten Mal in einem seiner Songs politisch. „Wo sind die Dichter und Denker? Sehe nur noch Richter und Henker. Nehmen wir das wirklich so in Kauf? Reicht‘s dir nicht auch, ich schreib mal was auf“, singt er in seiner Gesellschaftsutopie, die auch eine Ansage Richtung selbsternannter deutschnationaler Politik-„Alternativen“ ist.

Braucht man so etwas von Oerding und seinen Kollegen? Ist es überhaupt relevant, dass sich Popmusiker politisch äußern? Oerding hat dazu eine klare Meinung: „Ich finde, es kann gar nicht inflationär genug sein, über Gesellschaft und Politik zu singen, um die Gedanken der Menschen, insbesondere der jungen Leute, die mir zuhören, anzuregen. Ich persönlich interessiere mich seit fünf oder sechs Jahren sehr weitgehend für Politik und habe das Gefühl, gar keine andere Wahl zu haben, als mich auch in meinen Liedern politisch zu äußern.“

Die sechste Studioplatte „Konturen“ von Johannes Oerding ist am 8. November erschienen. Foto: zva/Oerdings

Nicht politisch, sondern persönlich äußert sich Oerdings Lebensgefährtin Ina Müller in „Ich hab dich nicht mehr zu verlieren“ im Duett mit ihrem Allerliebsten. Seit zehn Jahren sind die Sängerin und Moderatorin und der Musiker ein Paar. Dafür, dass es gut läuft zwischen ihnen, sorgen getrennte Wohnungen und gegenseitige Bewunderung, wie Oerding feststellt. „Ich bin Inas größter Fan, sowohl im Privaten wie auch im Beruflichen. Im Fernsehen kennt man sie als ständig Geschwätzige. Und mich vielleicht auch.

Wenn wir zusammen sind, finden wir beide im anderen eine besondere Art von anziehendem Verständnis. Sie ist die wichtigste Frau in meinem Leben.“ Auch dann, wenn die beiden die Mengen ihrer jeweiligen Gold- und Platin-Trophäen vergleichen? Plötzlich bricht der Jähzorn wieder aus Oerding raus und er verkündet: „Ich habe längst mehr als sie!“, bevor er über sich selbst lacht. Manches, was ihm Kontur verleiht, ändert sich eben nie.

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