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Der Aachener Simon Oslender startet durch: Jede Note hat ihre Bestimmung

Der Aachener Simon Oslender startet durch : Jede Note hat ihre Bestimmung

Seit seiner Kindheit liebt Simon Oslender Hammond-Orgeln. Heute wird der 21-jährige Aachener von Jazzgrößen angefragt.

Irgendwo im Elternhaus von Simon Oslender in Aachen-Walheim befindet sich noch ein Karton voller Kinder-Kassetten, die der inzwischen 21-Jährige nie ausgepackt hat. Denn schon als kleiner Junge wollte er immer nur Papas Musik hören, Blues und klassischen Rock, 20er-Jahre-Big-Band-Jazz und die Beatles. Als er vier Jahre alt war, nahm er Schlagzeug-Unterricht, weil sein Vater, der inzwischen pensionierter Lehrer ist, ebenfalls trommelte.

Etwa zur selben Zeit flatterte eine DVD von John Mayall & The Bluesbreakers ins elterliche Wohnzimmer, die das Leben des Juniors maßgeblich prägen sollte. Im Programm des Silberlings war Tom Canning an einer klassischen, schwarzen Hammond-B3-Orgel zu sehen. Oslenders erster Hörkontakt mit der 250 Kilogramm schweren „dicken Berta“ legte eine Fährte, auf der er vermutlich sein ganzes Leben lang wandeln wird.

Die erste eigene Hammond bekam er zwar erst 2014. Aber seit der Sichtung der Konzert-DVD sind Tasteninstrumente jedweder Art die Werkzeuge, mit denen er sich am liebsten vermittelt. Inzwischen besitzt er gleich drei Hammonds mit Leslie-Speakern, sowie eine ganze Reihe Wurlitzer- und Fender-Rhodes-Pianos. Neben dem obligatorischen Sammelsurium an Synthesizern, versteht sich. Nur der Flügel fehlt noch.

Simon Oslener mit Werner Lauscher (Bass), Steffen Thormählen (Schlagzeug), Wolf Martini (Gitarre) und Heribert Leuchter (Saxophon). Foto: Andreas Schmitter / Schmitter Fotografie

Derzeit gäbe seine Kölner Wohnung zu wenig Platz dafür her, erzählt er bei Kaffee und Kuchen unweit des Aachener Doms. In seiner Heimatstadt fühlt er sich nach wie vor zu Hause. Nicht zuletzt, weil seine noch kurze, aber bereits beachtliche Karriere hier begann. Mit seinen gerade mal zwei Lebensjahrzehnten hat Simon Oslender sich bereits den Ruf als Hoffnungsträger des Jazz erspielt – auch international.

Für die Aufnahmen zu seinem Donnerstag erschienenen Debütalbum „About Time“ konnte er nicht nur Jazz-Schwergewichte wie den Schlagzeuger Wolfgang Haffner oder den Gitarristen Bruno Müller gewinnen. Auch die amerikanischen Solisten Randy Brecker und Bill Evans haben ihre Duftmarken auf der Platte hinterlassen. Und David Sanborns langjähriger Produzent Ricky Peterson ließ es sich nicht nehmen, nach Europa zu reisen, um für Oslenders Album-Einstand die Rolle des Co-Produzenten zu übernehmen.

Brillanz durch Hingabe

Wem soviel Wertschätzung zuteilwird, dem muss ein besonderes Talent zu eigen sein. In der Tat scheint der Mann bereits jetzt zu wissen, was der gemeine Jazzer erst in der Lebensmitte begreift: Brillanz findet ihren Ausdruck nie im Tohuwabohu der Noten, sondern in der Hingabe. Und in den gesetzten Pausen zwischen den Noten. Wie ein Geschichtenerzähler, der scheinbar intuitiv weiß, wie Spannung erzeugt wird, lässt Oslender die freie Musik anspruchsvoll und gleichsam nachvollziehbar leicht klingen. Tugenden, die er von seinem großen Idol George Duke gelernt hat.

Anderthalb Stunden Begegnungszeit mit Simon Oslender vergehen wie Minuten, weil der Mann für die Musik und die vielen Helden, die zu ihrer Weiterentwicklung beitrugen, brennt. Und er ist jung genug, sich an der reichhaltigen Musikhistorie zu erfreuen. Eine beneidenswerte Position. Er kann Jahrzehnte des Jazz-Fortschritts einsaugen, vom Big-Band-Swing über BeBop, Free-Jazz und Jazzrock bis hin zur Verbindung zwischen Jazz und Soul.

Auf seinem Einstandswerk „About Time“ findet all das Ausdruck, natürlich mit dem Filter seiner eigenen Persönlichkeit. Im direkten Austausch wirkt er neugierig, lebendig und erfrischend frei von affektiert elitärem Gehabe. Wenn er lacht, erinnert er ein wenig an den jungen Pat Metheny, einnehmend, sympathisch und wahrhaftig. Wie einer, dessen Leben deutlicher von Licht als von den dunklen Seiten des Seins geprägt ist. Tatsächlich, meint Oslender, habe er eine glückliche Kindheit durchleben dürfen. Das habe ihn geprägt.

Das Debütalbum „About Time“ von Simon Oslender. Foto: Leopard Records

Als Einzelkind konnte er seine Musikbegeisterung frei ausleben und wurde allseits gefördert. Es gab für ihn auch keinen Anlass zur Rebellion. Weder im Elternhaus noch in der Schule. Ein paar seiner Mitschüler auf dem Aachener Pius-Gymnasium hätten die Ernsthaftigkeit seiner Zuwendung zur Musik zwar erst nicht begriffen. Aber zum Jazz als Ausdrucksmittel erster Wahl habe er nicht gefunden, um sich in irgendeiner Form abzugrenzen, führt er weiter aus.

Sein Besuch eines Konzerts der Hammond-Organistin Barbara Dennerlein in den Aachener Kurpark-Terrassen ließ ihn vor bald 13 Jahren zum Jazz-Konvertiten werden. Dem Blues und all den anderen Musikformen, die er während seiner Kindheit aufsog, fühlt er sich nach wie vor verbunden. Aber Jazz ist seine Bestimmungsmusik geworden, das hat auch damit zu tun, dass dieser Stil viel Möglichkeiten zum Dialog bietet. „In meiner Jazzauffassung steht nicht das Solo im Vordergrund, sondern der spontane, freie Austausch mit den Musikern, die man auf der Bühne oder im Studio um sich versammeln darf“, sagt er. „Wenn man Musik in Sprachform darstellen könnte, würden ausufernde Soli oft wie gebrüllte Monologe aussehen. Dabei strahlt Musik, zumindest in meinen Ohren, immer besonders hell, wenn ich den Eindruck gewinne, dass die Instrumentalisten, die sie spielen, einander zuhören und das Miteinander suchen. Im Prinzip lässt sich das auch auf die weltpolitische Großwetterlage übertragen. Wer am lautesten brüllt, wird gewählt. Dabei sind es vor allem die nuancenreichen Zwischentöne, die am deutlichsten darüber Auskunft geben, wem man vertrauen kann.“

Klangraum für das Ensemble

Wie wohl die von ihm angezettelten Dialoge klingen, unterstreicht gleich „Warehouse“, das erste Stück auf Oslenders „About Time“-Album. Über einem treibenden Pulsmuster lässt er als Komponist und Arrangeur reichlich Raum, um erst mal den Gruppenklang seines Ensembles gebührend darzustellen. Und das erste Solo gesteht er nicht sich selbst, sondern dem Vibraphonisten Christopher Dell zu. Auch das ist typisch Simon Oslender. Zu wissen, was er spieltechnisch draufhat, aber es nicht ständig unter Beweis stellen zu müssen, ist Teil seiner Kunst. „Beim Komponieren achte ich da-
rauf, dass jede Note ihre Bestimmung hat“, schildert er seine Musikfindung. „Auch, um die Zuhörer dazu einladen zu können, gedanklich in die Dialoge einzusteigen. Es gibt so viele Töne, die vollkommen unnötig sind; Noten, die man weglassen kann. Ich betrachte es als meine lebenslange Aufgabe, zu spielen, was ich fühle, damit jede Note ein Statement ist, im besten Falle größtmögliche Aussagekraft hat, und eine Haltung zeigt.“

Inzwischen könne er auch mal ohne Musik sein, wenn es sein muss, erzählt er. Das war während seiner Kindheit und Jugend undenkbar. Wenn in den Sommerurlauben kein Tasteninstrument für ihn greifbar war, begann in seinem Kopf automatisch die Arrangement-Arbeit. Heute geht‘s auch mal ein paar Tage lang ohne Instrument. Zumal die Motorik in seinen Händen zu seinem Erstaunen auch nicht leidet, wenn er mal drei Wochen lang nicht Piano spielt. Pianisten-Hände hat er nicht. Er schaffe es gerade mal, eine Oktave zu greifen, witzelt er selbstironisch, während er seine Finger betrachtet. „Aber ich habe eigene Wege gefunden, meine kleinen Hände bestmöglich zu nutzen“, schmunzelt er. Das kann mal wohl sagen!

Auf Oslenders Fingerfertigkeiten schwören unzählige, international renommierte Jazz-Musiker. Sein erster Auftritt in der Band seines Freundes Wolfgang Haffner fand in Namibia statt. Und während Oslender sich in dessen Gruppe gerade zurechtfand, engagierte ihn der Saxofonist Bill Evans  für eine Tour durch Australien. Der Posaunist Nils Landgren hält den Tastenmann aus dem Aachener Süden für einen „Weltstar“. Jetzt schon. Mit 21.

Live in Köln

Viel Zeit, die Hände auszuruhen, bleibt dem Hochgelobten jetzt, da er obendrein seine eigene Band betreibt, nicht mehr. Wer ihn live erleben will, muss leider nach Köln fahren. In Aachen fand sich kein Veranstalter, der Oslender und seinen fünf Musikern eine Bühne bieten wollte. Noch nicht. Manchmal muss der Prophet halt immer noch erst in die Welt ziehen, bevor er im eigenen Land etwas gilt. Seine Eltern besucht er natürlich trotzdem regelmäßig.

Und irgendwo in deren Haus liegt auch Tom, sein erstes Kuscheltier, ein Stoffhund, dem er zum Schluss seiner Platte ein Schlaflied gewidmet hat. Einen echten Hund wollte er immer haben. Aber auf den muss er vermutlich noch ein paar Jahrzehnte lang verzichten, denn die Musikwelt ruft nach Simon Oslender.