Jazz-Sängerin Elena Bongartz als Ada Brodie im Franz in Aachen

Elena Bongartz im Aachener Franz : „Musik ist meine wahre Identität“

Wenn die preisgekrönte Jazz-Sängerin Sara Decker am Sonntag mit ihrem Trio im Aachener Franz auftreten wird, trifft sie im Rahmen eines Doppelkonzerts auf Ada Brodie. In der Region ist die Sängerin und Pianistin wahrlich keine Unbekannte. Allerdings kannte man sie bislang als Elena oder unter ihrem vollen Namen Elena Bongartz.

Die in Aachen geborene Musikerin hat gerade ihr Debütalbum „The Grand Tale“ eingespielt. Die 31-Jährige hat es komplett auf Englisch eingesungen, begleitet sich selbst am Flügel und offenbart darin viel Persönliches. Und weil jeder Neuerung auch ein neuer Künstlername gut steht, nennt sie sich jetzt Ada Brodie. Woraus sich ihre am Jazz orientierte Musik speist und wie viel Selbstbewusstsein es heute braucht, um in der Musikwelt an sich selbst glauben zu können, erzählt die Schwester von David Garrett im Interview mit Michael Loesl.

Musste die im deutschsprachigen Pop beheimatete Elena sterben, um der englischsprachigen Ada Brodie Platz machen zu können?

Elena Bongartz: So hart würde ich es nicht ausdrücken. Zumal mein neues englischsprachiges Album eine Weiterentwicklung meiner deutschsprachigen Musik ist. Der Wunsch, Songs zu komponieren und aufzunehmen, die ausschließlich auf Stimme und Piano basieren, nahm irgendwann so viel Raum ein, dass ich ihm nachgeben wollte.

Das hätte sich unter ihrem alten Signet Elena nicht realisieren lassen?

Bongartz: Sicher hätte es das, aber weil mein neues Projekt eine eigene Identität besitzt, wie ich finde, sollte es auch einen eigenen Namen bekommen.

Ada Brodie setzt sich aus dem Namen ihrer amerikanischen Großmutter mütterlicherseits und dem Vornamen ihrer aus Russland stammenden Oma väterlicherseits zusammen. Klingt in Ihrem aktuellen Projektnamen auch Identitätssuche an?

Bongartz: Nein, ich habe meine Identität längst gefunden. Geografisch betrachtet ist die sicher vielfältig geprägt. Bei uns daheim wurde Deutsch und Englisch gesprochen. Meine eigene kulturelle Identität ist klar von der Achse zwischen Amerika, West- und Osteuropa, Jazz, Soul, Pop und Klassik, Nina Simone, Brahms und Rachmaninoff geprägt. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Musik meine wahre Identität ist.

Und mit jedem neuen Projekt beleuchten Sie einen anderen Schwerpunkt von dieser?

Bongartz: Im Grunde genommen ist das so. Aber ich sprinte nicht von einem Projekt zum anderen. Und erst recht nicht nach Belieben. Ada Brodie ist die Metamorphose der Elena.

Reduktion ist der Leitfaden, auf dem Ihr neues Album „The Grand Tale“ fußt. Es gibt nur je eine Gesangs- und Pianospur, keine Soundflächen, keine Chöre. Braucht es Mut, ohne technische Hilfsmittel Musik zu gestalten?

Bongartz: Es hat mich gereizt, den Fokus in meinen neuen Songs auf Texte und musikalische Grundgerüste zu lenken. Mut braucht es dafür nicht, eher Können und Ideen. Wenn man so will, erzählt alleine schon die Form der hörbaren Haptik des Flügels, den ich spiele, eine Geschichte.

Die Geschichte von der Essenz der Musik?

Bongartz: Worin besteht heute Sinnhaftigkeit? Viele Leute in meinem Alter haben Angst vor den Themen, die wir als Menschheit in der Zukunft zu meistern haben. Ethische Fragen und politische oder technologische Herausforderungen können einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich kenne in meinem Freundeskreis niemanden, der noch gläubig ist. Da ist keiner mehr, der noch einen Draht zum Spirituellen besitzt. Vielleicht, und das war mein Ziel, während ich die neuen Songs schrieb, kann man mit Musik an die Essenz des Menschseins appellieren.

An die Kraft des menschlichen Geistes?

Bongartz: Und ans Offenlegen unserer Untiefen.

Der Schmerz, die Trauer, die Wut, die Liebe, die Ihren neuen Songs Tiefe geben, sind selbst erlebte Zustände?

Bongartz: Ja, natürlich. Ich habe die Lieder innerhalb eines Monats geschrieben, sie in anderthalb Tagen live im Studio ohne Publikum und ohne Nachbearbeitungen eingespielt. Das war richtig harte Arbeit, mir tropfte teilweise der Schweiß auf die Flügeltastatur. Das nahm ich alles nicht in Kauf, um musikalische Gefälligkeiten zu verteilen, sondern um mit anderen Menschen kommunizieren zu können.

Sämtliche Songs Ihres neuen Albums beginnen mit dem englischen Artikel „The“. Reizt Sie konzeptionelle Kontinuität?

Bongartz: Es ist auf jeden Fall reizvoll, damit zu spielen, wenn der erste Song eine Frage stellt und der letzte Song eine Art Angebot darstellt, sich selbst und das eigene Leben aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.

Ist eines der Kunststücke der Platte nicht auch der Humor?

Bongartz: Wie sollte Musik unterhalten, wenn sie nicht auch Humor enthielte? Ich schreibe mir nicht zu, sämtliche wichtigen Themen unserer Zeit in meinen Texten anzusprechen. Dafür ist die Platte auch viel zu persönlich geworden. Aber gerade deshalb steckt hier und da, manchmal vielleicht versteckt, Humor drin. Auf die Fährte des Mehrwerts eines Songs lasse ich mich als Zuhörerin meistens am liebsten von Momenten lenken, die mich zumindest lächeln lassen.

Apropos Lächeln. Wie weit geht Ihre Geduld, wenn Sie kontinuierlich als Schwester von David Garrett gehandelt werden und Ihre Musik damit zum Nebenschauplatz wird?

Bongartz: Was soll ich dagegen unternehmen? Er ist mein Bruder, ich bin stolz auf ihn, er mag meine Musik und ist stolz auf mich. Natürlich nervte es mitunter in der Vergangenheit, vor allem als „Schwester von ...“ wahrgenommen worden zu sein. Aber es wird immer mehr Leuten klar, dass wir zwei eigenständige Persönlichkeiten mit unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen sind.

Joni Mitchell sagte sinngemäß, dass ein Künstler niemals kompromissbereit sein darf, sondern immer stur und unnachgiebig sein soll, weil es das ist, was ihn ausmacht. Folgen Sie mit der Eigenfinanzierung Ihres neuen Albums nicht genau diesem Gebot?

Bongartz: Ja, Joni Mitchells Gedanke ist mein Credo. Im heutigen Quotendenken vom Radio, von Plattenfirmen und Managern würden selbst all die Größen, mit denen sich die Musikwelt einst schmückte, untergehen. Eartha Kitt oder Roberta Flack hätten heute keine Chance mehr. Ich bin lieber unabhängig und kann meine Musik so gestalten, wie es mir gefällt, statt mich einem Quotendiktat zu beugen.

Das funktioniert?

Bongartz: Man darf nicht der Illusion erliegen, dass heute noch viele Leute Platten kaufen. Aber für die Liebhaber, denen Musik in haptischer Form wichtig ist, habe ich mein neues Album auch auf Vinyl veröffentlicht. Live funktioniert Musik deutlich besser. Ich spüre, dass Menschen neugierig sind auf Musik. Das hat kürzlich mein ausverkauftes Konzert in einem Hamburger Club bewiesen, der so voll war, dass wir etliche Leute wieder nach Hause schicken mussten.

In Aachen spielen Sie ein Doppelkonzert mit der Sängerin Sara Decker. Was verbindet Sie beide miteinander?

Bongartz: Sara ist eine fantastische Sängerin, die mit ihrem Trio in einem ganz anderen Gebiet unterwegs ist als ich. Wir waren Kommilitoninnen an der Musikhochschule in Maastricht. Uns verbindet die freiheitliche Musikauffassung, und es wird zwischen unseren beiden Konzerten im Aachener Franz eine Türe, eine Schnittstelle geben, die wir gemeinsam gestalten werden.

Sie leben seit Jahren in Hamburg. Vermissen Sie Aachen hin und wieder?

Bongartz: Ich bin mehrfach im Jahr in Aachen wegen meiner familiären Verbindungen und meiner Freunde, die nach wie vor in Aachen leben. Was ich vermisse, ist die Möglichkeit, mal eben Grenzen zu passieren und in Holland oder Belgien sein zu können. Dieses Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich Aachen schmücken darf, fehlt mir in Hamburg. Umso mehr freue ich mich, jetzt wieder in Aachen sein zu können.

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