Idagio: Klassik für das Smartphone

Klassik per Streaming: Bach und Beethoven auf dem Smartphone

Markt, Emotion und Entertainment: Der gebürtige Aachener Till Janczukowicz leitet einen Streaming-Dienst für klassische Musik. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Streaming Media, die Übertragung von Audiodaten über Rechnernetze, wird den Musikkonsum der Zukunft entscheidend kennzeichnen. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft meldete kürzlich, dass das sogenannte Streamen erstmals auch hierzulande den Verkauf von CDs und Vinyl-Platten übertraf. Die Vergütung von Musikern und Komponisten steht allerdings in überaus fragwürdiger Relation zum Nutzen der großen Streaming-Plattformen.

Der gebürtige Aachener Till Janczukowicz hat nach etlichen aktiven Jahrzehnten als Musikmanager und studierter Musiker den Streaming-Dienst Idagio ins Leben gerufen. Spezialisiert auf klassische Musik, wurde Idagio vom Vorstand der Wiener Philharmoniker als „Fair Trade Streaming“ gelobt. Die digitale Musik-Plattform bietet neben beinahe allen Klassik-Aufnahmen der großen und kleinen Labels auch exklusive Inhalte. Inwiefern Musiker davon leben können, und warum er findet, dass sich die klassische Musik im Wettbewerb mit Internet-TV und Computerspielen befindet, erzählt Janczukowicz im Gespräch mit Michael Loesl.

Herr Janczukowicz, wann fand Ihre erste Begegnung mit der klassischen Musik statt?

Till Janczukowicz: Ich bin in einem musikalisch sehr interessierten Elternhaus sozusagen quasi in die Klassik hineingewachsen. Mit fünf begann ich, Klavier zu spielen. Parallel zum Besuch des Kaiser-Karls-Gymnasiums war ich Jungstudent bei Ulla Graf und hielt mich oft in der Bibliothek am Bushof auf. Dort stand ein Yamaha-Flügel, den ich oft stundenlang gespielt habe, bevor ich nach Hause gefahren bin.

Mit Idagio leiten Sie heute einen Streaming-Dienst, der ausschließlich klassische Musik im Digitalformat anbietet. Setzen Klassik- und Jazz-Liebhaber aber nicht nach wie vor eher auf CDs und Vinyl-Platten?

Janczukowicz: Die Zahlen sprechen eine deutlich andere Sprache. Selbst in Deutschland und Japan, wo der physische Verkaufsanteil bis zuletzt dominierte, wurden CD und Vinyl mittlerweile vom Audiostreaming überholt. Ein Trend, der nicht aufzuhalten ist. Ein Bekannter, der sich kürzlich ein neues Auto kaufte, musste feststellen, dass das neue Modell keinen CD-Spieler mehr anbot, wohl aber digitale Schnittstellen. Seine große Klassik-Sammlung sollte sein Sohn mühevoll ins mp3-Format überspielen. Bis ich ihm sagte, dass das mit Idagio schon passiert ist, wo überdies die gesamte Klassik verfügbar ist.

Nicht jeder Klassik-Hörer besitzt ein streamingfähiges Smartphone oder eine Limousine, in der das Smartphone den CD-Spieler ersetzt. Ist Idagio ein Eliten-Dienst?

Janczukowicz: Nein, natürlich nicht. Wie viele Menschen ohne Mobiltelefon kennen Sie? Aber auch in der Klassik stehen wir im Wettbewerb um die Zeit unserer potenziellen Hörer oder Kunden. Und da konkurrieren wir mit Netflix und Computerspielen. Wir befinden uns also letzten Endes in einem Wettbewerb in der Entertainment-Branche. Dieser Wettbewerb ist komplett daten- und technologie-getrieben, und die meisten Klassik-Institutionen sind noch in der Steinzeit. Wenn es uns nicht gelingt, klassische Musik digital zu positionieren, werden das Genre – und damit auch die Musiker – an Relevanz verlieren. Da gegenzusteuern, treibt mich an.

Was unterscheidet Idagio von den anderen Streaming-Anbietern für klassische Musik?

Janczukowicz: Wenn Sie bei Spotify den ersten Satz der dritten Mahler-Sinfonie hören, macht es nach 45 Sekunden „Klick“, und der Rechteinhaber wird mit den berühmten 0,0002 Cent vergütet. Das ist nicht fair, weil den 45 Sekunden nicht nur zwei Minuten folgen wie in der Popmusik, sondern fast 45 Minuten. Wir rechnen daher pro Sekunde und nach Nutzer ab. Wenn ein Nutzer beispielsweise zu 38 Prozent Musik des ECM-Labels im Monat hört, bekommt ECM von uns 38 Prozent dessen, was dieser Nutzer für Idagio zahlt. Klingt logisch, macht aber sonst niemand so.

Das klingt vor allem schön altruistisch, aber glauben Sie ernsthaft, dass es Ihre Nutzer interessiert, ob ein Künstler fair honoriert wird?

Janczukowicz: Das ist nicht altruistisch, sondern im gesetzten Rahmen eines Streaming-Modells das fairste mögliche Abrechnungsverfahren. Und Sie glauben gar nicht, wie viele Musikliebhaber am Fortbestand ihrer Lieblingsmusik interessiert sind! Letzten Endes machen wir bei Idagio nichts anderes als Uber oder Airbnb: Über eine technologische Plattform verbinden wir Angebot – also Musik von Musikern – und Nachfrage – das Interesse, Klassik zu hören – neu. Und das fairer als All-Genres-Dienste.

Aber Sie sind sich der Tatsache schon bewusst, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen durch die Informationsflut der digitalen Welt dramatisch abgenommen hat? Jagen Idagio-Nutzer nicht auch von Stück zu Stück, ohne eine komplette Sinfonie durchgehört zu haben?

Janczukowicz: Erstens ist die aktive Musikauswahl seitens der Nutzer bei Idagio signifikant höher als bei anderen Streaming-Diensten. Zweitens kuratieren auf Idagio bekannte Musiker – Dirigenten, Solisten oder etwa Mitglieder der Wiener Philharmoniker – Playlisten, empfehlen also aus sehr persönlichen Gründen Musik. Und drittens muss halt eine Aufnahme auch so gut sein, dass man sie zu Ende hören will. Dafür ist es dann vorteilhaft, ein guter Musiker zu sein.

Können sich Komponisten und Musiker den Gang über Plattenfirmen inzwischen sparen und Ihre Musik direkt bei Idagio veröffentlichen?

Janczukowicz: Zum Aufbau eines Künstlers leisten natürlich die Labels großartige Arbeit. Aber es gibt Tausende exquisite Musiker, die kein Label mehr haben oder Aufnahmen, die sich für physischen Vertrieb eines Labels nicht lohnen. Von bekannten Musikern wie Thomas Hampson, Ivo Pogorelich oder den Wiener Philharmonikern bis hin zum jungen Gewinner des letztjährigen Busoni-Wettbewerbes veröffentlichen Musiker bereits Aufnahmen direkt auf Idagio.

Angenommen, ein Komponist bindet sich exklusiv an Idagio. Könnte er von den Tantiemen leben, die er von Ihnen bekommt?

Janczukowicz: Ein Komponist muss möglichst viele Lizenznehmer haben, die ihn für seine Arbeit vergüten. Dazu zählen auch Musiker oder Orchester, die seine Kompositionen aufführen und aufnehmen. Aber wir arbeiten schon jetzt mit Musikern, die über uns in drei Monaten mehr verdient haben als bei anderen Streaming-Diensten in drei Jahren.

Was ist Musik für Sie?

Janczukowicz: Eine Reise ins Selbst. Musik öffnet innere Dimensionen.

Warum bezeichnen Sie Musik trotzdem als Unterhaltung, obwohl sie so viel mehr sein kann?

Janczukowicz: Das ist eine strategisch formulierte Gebrauchsanweisung für die Momente, in denen man in Marktdimensionen denkt. Sie haben natürlich vollkommen recht, Opus 111 von Beethoven ist alles andere als blankes Entertainment. Das ist Kunst – wenn die Interpretation gut ist.

Fragen Sie sich manchmal, wie es den Menschen geht, für die Musik nicht die tröstende, heilende Kraft besitzt, die Sie in ihr wahrnehmen?

Janczukowicz: Das ist eine gute und relevante Frage. Ich persönlich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die letzten Endes nicht empfänglich wären für Musik. Musik sagt so viel mehr als Worte. In einer Präsentation habe ich kürzlich zehn wissenschaftlich bewiesene „Benefits“ von klassischer Musik zusammengefasst. Das reicht vom Entwickeln stärkerer Empathie bis hin zu schnellerer Heilung gewisser Krankheiten. Warum? Musik ist Ausdruck menschlicher Emotion, hat viel mit dem menschlichen Atem zu tun. Und richtiges Atmen hilft beim Abbau von Blockaden.

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