Lindenberg in Köln: „Greta sagt: ‚Wir brauchen Panik!’“

Lindenberg in Köln : „Greta sagt: ‚Wir brauchen Panik!’“

Mit „Hallo Kölle“ begrüßt er um 20.25 Uhr die „rheinischen Frohnaturen und die ganzen Jecken“ in der Lanxess-Arena. Die er dann, für die Dauer von gut zweieinhalb Stunden zur „Exzess-Arena“ erklärt. Den nachfolgenden Satz „Das ist unsere zweite Heimatstadt – Köln“ braucht es da eigentlich gar nicht mehr. Denn die 16.000 Menschen, die Freitagabend ihren „Lindi“ und „die beste Band der Welt – das Panikorchester“ erleben, bekommen genau das, was sie bestellt haben.

Einen bestens gelaunten, trink- und meinungsfreudigen Udo Lindenberg, der auch mit 73 Jahren noch top in Form ist. Oder besser gesagt: wieder. Denn in den 1990ern machte der Panik-Präsident vor allem mit seinen alkoholbedingten Abstürzen Furore.

Ausverkauftes Haus

Das Einzige, was an diesem Abend abstürzt, ist das goldene „Panik 1“ benannte Flugzeug auf der Leinwand. Zu Beginn der Show entsteigen der Maschine lauter Udo-Klone mit Hut und Sonnenbrille – am Ende zerschellt sie überm Meer, das zuvor noch als Kulisse für „Goodbye Sailor“ diente. Samstagabend wiederholt sich das Ganze noch mal – ebenfalls vor 16.000 Menschen. Und auch einen dritten Abend hätte der Wahl-Hamburger die Arena noch voll bekommen. Denn er ist ein Phänomen. Wobei man das mit der oben genannten Trinkfreude mit Vorsicht genießen sollte: Ist, das, was ihm da auf einem Tablett serviert wird und womit er gurgelt, um die „goldene Kugel im Hals“ zu ölen, tatsächlich Eierlikör? Oder womöglich nur ein Vitaminsäftchen von ähnlicher Textur und Farbe?

Schon seit den 1970ern zieht der „Udomat“ sein Ding durch. Hat die Welt um Songs und Kunstfiguren wie „Candy Jane“ und „Johnny Controlletti“ bereichert und sich selbst ironisch zum „König von Scheissegalien“ erklärt. Weil die „Was kümmert es mich, was in der Welt ­passiert“-Haltung definitiv nicht die seine ist. Auch in Köln redet er Klartext. Sein konstruktiver Vorschlag für die katholische Kirche: „Nicht immer alles unter den Teppich kehren. Macht euch doch mal locker in Richtung Zölibat. Schwulen-Ehe, Lesben-Ehe – alles geht. Jede Form der Liebe ist gut!“ Um auf der Bühne Frau und Frau und Mann und Mann zu vermählen, während Nonnen die Strapse unter ihrem Habit enthüllen und sich das, was unterm Kardinalskostüm steckt, als ganzer Lederkerl entpuppt.

80 Menschen auf der Bühne

Und für die „Größenwahnsinnigen, Kriminellen und Weltenbrandstifter“ gibt es gleichfalls kein Pardon: „Eins ist klar. Die Menschheit muss den Krieg beenden, bevor der Krieg die Menschheit beendet. Die Penner da oben kriegen es nicht geregelt. Der Druck auf der Straße muss bleiben. Greta sagt: ‚Wir brauchen Panik!’“. Für „Wozu sind Kriege da“ mit dem Kinderchor „Kids on Stage“ ist das die perfekte Einleitung.

Im kunterbunten Udo-Kosmos tummeln sich Artisten, Gaukler und Tänzer, Stelzenläufer und Politiker-Pappkameraden mit riesigen Glotzköpfen aus ebensolchem Material. So geniale Musiker wie Steffi Stephan (Bass), Bertram Engel (Schlagzeug) oder Jean-Jacques Kravetz (Klavier), eine Bläser-Combo, ein Eisbär und ein Flamingo-Ballett. Die fantastischen Sängerinnen Nathalie Dorra und Ina Bredehorn und, als Kölner Gaststar, Rapper Gentleman. Alles in allem 80 Menschen, die für ein grandioses Konzerterlebnis sorgen.

Dabei lässt Udo Pappkameraden im Ring gegeneinander antreten, bricht im Duett mit Nathalie Dorra die Herzen der stolzesten Frau’n oder gesteht „Ich träumte oft davon ein Segelboot zu klauen“. Udo ist Chef der „Honky Tonky Show“, ein Erz-Rock’n’Roller mit kajalverschmierten Pandabäraugen, der ewige Astronaut in giftgrünen Socken, Käpt’n an Bord der „Andrea Doria“ und Lokführer beim „Sonderzug nach Pankow“. Kurz: unwiderstehlich. Seine drei weiteren Konzerte in NRW (9. Juli in Oberhausen, 12. und 13. Juli in Dortmund) sind bereits ausverkauft.

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