Gounods „Roméo et Juliette“ im Theater Aachen

Gounods „Roméo et Juliette“ im Theater Aachen: Liebesschmerz trifft „America first“

Regisseurin Ewa Teilmans will im Aachener Theater Gounods Opern-Rarität „Roméo et Juliette“ im Heute verorten. Generalmusikdirektor Christopher Ward dirigiert.

Auch bei Charles Gounod, dem großen französischen Romantiker, dessen „Ave Maria“ auf Bachs C-Dur-Präludium als einer der bekanntesten Klassik-Hits gilt, ist „Roméo et Juliette“ zuallererst ein hinreißendes Stück über eine tragische und bedingungslose Liebe. Aachens Generalmusikdirektor Christopher Ward schwärmt geradezu, spricht von „Sphärenmusik, so parfümiert, so französisch, von solch bezaubernder Schönheit und wahnsinnig romantisch“. Zumindest in Bezug auf die Liebesszenen.

Denn zu den Schlachten auf der Bühne rumort es aus dem Graben auch mal unverhohlen grässlich, ja regelrecht skurril. Ward steht am Sonntag, 9. Dezember, bei der Premiere im Aachener Theater am Pult des Sinfonieorchesters Aachen, und für ihn ist es das erste Mal, dass er diese Spielplan-Rarität dirigiert.

Auch Ewa Teilmans, die die Inszenierung verantwortet, erlebte etliche Überraschungen bei der Annäherung an die Shakespeare-Oper. Denn das weltberühmte Drama haben Gounod und seine Librettisten beherzt an die Erwartungen des Pariser Opernbetriebs angepasst und aufs Wesentliche reduziert. Die Regisseurin tritt dafür an, den Stoff im Heute zu verorten. Und da ist ja bekanntlich Schluss mit lustig.

So sieht sie die Clans der Capulet und Montaigu als einander ziemlich ähnliche Gruppen einer Gesellschaft, in der jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. „Ich habe da an Amerika gedacht und die neue Kultur des ,America first’. Hier sind die Capulet ‚first’ zugange“, sagt die Regisseurin. Gleich im Prolog, dem großen Chortableau nach der Ouvertüre, springt ihr diese von Feindschaft und Rache geprägte Welt in den Sinn, jenes „es war immer schon so und wird immer so bleiben“. Der Erzähler-Chor komme ihr dabei vor „wie ein Todesengel“, der den ganzen Abend überschattet und letztlich den Kampf der Liebenden für eine andere, bessere Welt zunichtemacht.

Roméo und Juliette sieht die Regisseurin als typische Pubertierende. „Das ist eine Zeit, in der man kompromisslos ist“, sagt Ewa Teilmans. „Die beiden sind für mich unschuldig, verletzlich. Und auf eine anrührende Weise pur.“ Den beiden Liebenden zugeordnet sieht sie die Figur des Pater Lorenzo, für den sie nach einem glaubhaften Pendant im Heute gesucht hat, „jemand ohne salbadernden Pfaffenton“. Sie wurde in dem französischen Rocker-Pfarrer Guy Gilbert fündig, dessen Outfit Vorlage für die Schneiderei war. Frère Laurent, wie er hier heißt, hofft, durch die Solidarität zu den Liebenden Frieden zu stiften. Seine Idee mit dem Schlaftrunk, der Juliette vor der angeordneten Hochzeit mit dem Grafen Paris bewahren soll, mündet aber bekanntlich geradewegs in die Katastrophe...

Fünf Akte währt auch bei Gounod das Drama, bei dem in der Teilmans-Inszenierung viel gekämpft und auf sehr schräge Weise getanzt wird. Überhaupt wird Körperlichkeit groß geschrieben an diesem Opernabend, hört man. „Das stellt große Anforderungen an unsere jungen Hauptdarsteller“, sagt Christopher Ward. Denn auch und gerade deren Gesangspartien seien sehr anspruchsvoll und kräftezehrend. Larisa Akbari ist die Juliette, eine Partie aus dem jugendlichen Koloratursopran-Fach; Alexej Sayapin darf als Roméo seinen Tenor strahlen lassen. Beide glänzen schon in der aktuellen „La Traviata“ am Theater Aachen.

Fürs Bühnenbild hat Ewa Teilmans ihre häufige Partnerin Elisabeth Pedross gewinnen können, die die turbulent wechselnden Orte der Handlung auf eine Drehbühne gesetzt hat. Ein bisschen etwas vom Theater im Theater hat dieser Aufbau, der etwa brüchiger Palast, Einsiedler-Klause und nicht zuletzt Balkon sein muss, mit seinen Streben und maroden Mauern. Mehr aber als diesen Blick durchs Schlüsselloch wollen die Theaterleute nicht erlauben. Schließlich ist eine Premiere fast so etwas wie Bescherung...

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