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Chansonnier Stephan Eicher : Der d’Artagnan der Popmusik

Chansonnier Stephan Eicher : Der d’Artagnan der Popmusik

Der Schweizer Chansonnier Stephan Eicher steht seit 40 Jahren auf der Bühne. Mit „Homeless Songs“ erschien vor einem halben Jahr erstmals seit 16 Jahren wieder ein Eicher-Album in Deutschland.

Am Anfang war die Flucht aus jener Schweiz, die der damals 17-jährige Stephan Eicher als unerträglich eng und langweilig empfand. Der aufbegehrende Junge aus Münchenbuchsee bei Bern trampte nach Hamburg, um Patti Smith, die so genannte „Patin des Punk“, live erleben zu können. Drei Jahre später war er zurück in der Alpenrepublik und Teil der Band Grauzone seines Bruders Martin, die den  „Eisbär“ in die Hitparaden schickte.

Trostlosigkeit war das New Wave-Gebot der Stunde und die Eicher-Brüder mischten über zwei Singles und eine Albumlänge lang im Stakkato mit. Dass der „Eisbär“ in diesem Jahr Jubiläum feiert, 40 Jahre alt wird, war für Stephan Eicher ein guter Grund, die Original-Bänder der Grauzone zurückzuerwerben. Damit kamen auch Erinnerungen an die Band zurück, an die stark vom Punk geprägte Verweigerungshaltung und die kunstvollen Plattenhüllen, die er gestaltete.

In der Schweiz gab es, anders als hierzulande, enge Verbindungen zwischen der Punk- und der Kunstszene. Eichers klare, grafische Linien, die er den Hüllen verpasste, nahm Einfluss auf die Bildende Kunst in der Schweiz.

Marke in der frankophonen Welt

Sein Job in einem Copy-Shop, der damals mehr Druckerei war, ließ ihn und etliche Kunstschaffende mit der visuellen Darstellung von Songinhalten experimentieren. Die waren bei der Grauzone, nun ja, tiefgrau und von der Wechselwirkung zwischen Liebe und Tod geprägt. Die führt Stephan Eicher heute auf die tief verwurzelte Melancholie im Charakter seines Bruders zurück. Dessen Vorstellung von romantischer Liebe und die Tragik, die sie nach sich zieht, führte 1982 zu seinem völligen Rückzug in die Schweizer Berge.

Im Herzen des anderen Eichers schlummerten derweil bereits Popsongs, die nur darauf warteten, mit hübschen Melodien wachgeküsst zu werden. 1983 war es so weit: Stephan Eicher debütierte mit den forschen „Chansons Bleues“. Auf Französisch, einer Sprache, die ihm „in der Schule wie ein Holzspalt unter dem Fingernagel vorkam“, fand er seine augenscheinliche Bestimmung. „Escherr“, wie die frankophone Welt den Mann nennt, wurde bei unseren französischen, belgischen und Schweizer Nachbarn ein Markenname. Mit einer Musik, die mindestens so vielfältig ist wie das Sprachengemisch, in dem er singt: Französisch, Schweizerdeutsch, Englisch, Hochdeutsch, hin und wieder auch Italienisch.

Neugieriger Romantiker

Was 1983 noch ausschließlich an Gitarre, Synths und Rhythmusmaschine begann, wurde 1989, zum vierten Album „My Place“, um Streichinstrumente, Kontrabass, Saxofone und akustisches Schlagzeug erweitert. Der französische Schriftsteller Philippe Djian, dessen „Betty Blue“ globale Beachtung fand, wurde zu Eichers Bernie Taupin, und zwei Jahre später erschien „Engelberg“. Das Album fuhr zweifach-Platin in Frankreich, dreifach-Platin in der Schweiz ein, und fand auch dank der Single „Déjeuner en paix“ mehr als 1,2 Millionen Käufer. Eicher war angekommen.

In Zürich, Brüssel, Paris, Quebec, ja sogar in Deutschland. Auch dank seines Managers Martin Hess, der erfolgreich das Image des „scheuen, weltgereisten Romantikers“ auf seinen Schützling projizierte. Er sang über das göttliche Geschenk, Hemmungen zu haben, und verpackte die kleinen, zärtlichen Text-Sprengkörper Djians bisweilen in wuchtige Orchester-Arrangements. Immer auch mit Humor. Und mit Neugierde auf die Flecken Europas, die er noch nicht kannte.

Der europäischste aller Liedermacher betrachtete die Idee des vereinten Konti­nents derweil nie als Akt der Gleichmacherei. Ihm war das Aufzeigen der regionalen Unterschiede eines Europas ohne Passkontrollen stets ein Fest. Entsprechend klingen Eichers spätere Alben wie vertonte Reisen mit dem TGV von Marseille nach Berlin. Das sinnliche Erleben der architektonischen, kulinarischen, sprachlichen und philosophischen Unterschiede macht darin die Musik aus. 2003 unternahm Eicher eine Taxifahrt von Hamburg nach Palermo.

Ohne Tourismus, ohne Sehenswürdigkeiten, zog er eine gerade Linie zwischen dem Norden und dem Süden Europas, sein Weg war die Autobahn. Seine Verpflegung der Kaffee. Und er ließ an jeder Autobahnraststätte eine Tasse mitgehen. Auf Sizilien angekommen, passte die dort servierte Menge Kaffee schließlich dreimal in das Porzellangefäß aus Hamburg. Damit hatte er das Geheimnis seines geliebten Europas entschlüsselt: die Essenz, das Kleine im Großen.

Nach 16 Jahren erschien mit „Homeless Songs“ wieder ein Eicher-Album in Deutschland. Foto: Stephan Eicher_Homeless Songs_2k

Derweil wurde er äußerlich immer mehr zum d’Artangnan der Popmusik. Feinen Zwirn trägt er, ganz der Widersprüchliche, zum Gardinenstangen-Ohrring, unter dem ein exzentrischer Großmanns-Bartwuchs Heimweh nach Sesshaftigkeit suggeriert. Der wird der ewige Nomade Eicher aber vermutlich nie anheimfallen. Traf man ihn in Köln, waren seine Koffer bereits auf dem Weg nach Brüssel. Rief er aus seinem Züricher Domizil an, das sein Sohn Carlo bewohnte, war er gedanklich schon wieder in Paris.

Im dortigen Olympia singen zweieinhalbtausend entzückte Parisiennes schon mal auf Schwyzerdütsch mit, wenn Eicher in seiner Muttersprache Hof hält. Zuletzt lebte er in der Camargue. Aber aktuell packt er seine sieben Sachen schon wieder. Wo es hingeht? Das weiß er noch nicht. Vielleicht in die Schweizer Berge. Möglicherweise aber auch an den Rhein oder an die Spree. Eventuell kann er dann hier auch wieder Boden gutmachen. Vor einem halben Jahr erschien mit „Homeless Songs“ erstmals seit 16 Jahren wieder ein Eicher-Album in Deutschland.

Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass ein Teil davon hier schon mal erschienen war. Vor drei Jahren. In Mini-Variante. Gregor Hildebrandt, der bildende Künstler aus Berlin, dessen Collagen und Installationen aus Ton- und Videobändern, vor allem aber aus Schallplatten entstehen, ist mit Eicher befreundet. Den Deckel eines Ausstellungskatalogs wollte Hildebrandt mit viereckig zurecht geschnittenen Vinyl-Platten versehen. Aber dazu sollte extra eine Platte produziert werden. Eicher bot Hildebrandt ein paar seiner heimatlosen Lieder für das Projekt an.

500 Exemplare einer Plattenseite wurden mit ihnen gepresst und entsprechend auseinandergeschnitten. Wer den Mut hatte, den Katalog zu zerreißen und zusammenzusetzen, konnte zumindest in der Innenrille einen ganz kurzen, speziell für den Katalog aufgenommenen Song hören. Den nannte Eicher passenderweise „Broken“. So kann lässt sich auch das Verhältnis zu seiner Noch-Plattenfirma bezeichnen. Die war ihm gegenüber vertragsbrüchig geworden, indem sie seine Arbeit nicht im vereinbarten Umfang budgetierte.

Die Kavallerie wurde ausgeschickt

Daraufhin konsultierte Eicher den Anwalt, der auch den Schriftsteller Michel Houellebecq vertritt. „Ich dachte, wenn der Anwalt für den Houellebecq erfolgreich ist, kann er auch mich gegen Universal Music Frankreich vertreten“, erinnert sich Eicher. „Derweil hatte ich die Idee, dass ich die ‚Homeless Songs‘ zwar produziere, aber nicht mit der vertraglich vereinbarten Mindestlaufzeit von 32 Minuten. Gemäß des gekürzten Etats seitens meines Labels, wollte ich nur 40 Prozent davon abliefern“, lacht er. Gesagt, getan. Sämtliche Songs, die er aufnahm, endeten nach ungefähr 50 Sekunden.

In dieser Form gab Eicher das Mastertape bei der Plattenfirma ab, die das ganz und gar nicht lustig fand. Daraufhin schickte Universal Music die Kavallerie Richtung Eicher. „Ich empfand das Tape als künstlerisches Statement und als Basis für eine Diskussion. Es war amüsant und poetisch. Aber Universal holte zum juristischen Gegenangriff aus.“ Dreieinhalb Jahre lang standen Künstler und Plattenfirma alle sechs Monate vor einem Richter. Eicher wurde schließlich wegen des Rechtsstreits körperlich krank. Er konnte vorübergehend nicht mehr richtig gehen, das Sitzen schmerzte.

Der ewige Optimist arbeitet aber bereits an neuen Projekten. Wann die erscheinen werden und wo, weiß er noch nicht. Fest steht indes, dass es das Band-Projekt „0,5“, benannt nach der europäischen Alkohol-Promillegrenze, nicht geben wird. Das hatte Eicher vor etlichen Jahren mit seinem bekennenden Fan Jacques Villeneuve, dem kanadischen Formel-1-Weltmeister und Hobby-Gitarristen, nebst ein paar weiteren Formel 1-Größen gegründet. „Im Repertoire hatten wir nur Lieder, die mit dem Thema Auto zu tun hatten, also Songs von The Cars, ‚Baby you can drive my car‘ und so weiter“, schmunzelt Eicher. „Weit sind wir damit bekanntlich nicht gekommen. Aber ich liebe solche Ideen. Manchmal wird etwas da­raus, manchmal nicht. Wichtig ist, dass meine Gitarren immer bei mir sind. Von Valium kommt man ja auch nicht so einfach los.“