Das neue Album von Cellist Edgar Moreau: "Offenbach, Gulda"

Das neue Album des französischen Cellisten Edgar Moreau : Erst der Schwindel, dann die Euphorie

Der französische Cellist Edgar Moreau bietet halsbrecherische Momente auf seinem neuen Album. Er befasst sich mit der Frage, was Sinn und Unsinn von Virtuosität und Tugend in der Musik ist. Dafür hat er sich Werke des Komponisten Jacques Offenbach, dessen 200 Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, und des Pianisten und Komponisten Friedrich Gulda vorgenommen. Entsprechend heißt sein neues Werk „Offenbach, Gulda“.

„Offenbach, Gulda“, dem neuen Album des französischen Cellisten Edgar Moreau, geht eine Warnung voraus. „Achtung: Enthält glühend-heiße Virtuosität“ heißt es auf der Rückseite der Hülle, in der die Einspielung steckt. Den selbstironischen Hinweis könnte man natürlich als längst ausgelutschten Drops der Werbeabteilung von Moreaus Plattenfirma verstehen. Und gleich wieder vergessen.

Dass der bald 25-Jährige beinahe jede Partitur, die man ihm vorlegt, in nahezu perfekter Spieltechnik zu Gehör bringen kann, ist schließlich hinlänglich bekannt. Aber dem jungen Mann aus Paris stand der Sinn nicht nach einem Werbe-Gimmick, als er den Warnhinweis platzieren ließ. Und an ihm ist was dran.

Bereits während der Konzeption der neuen Platte gab er sich nicht mit Plakativ-Oberflächlichem zufrieden, sondern grub wesentlich tiefer. Gemeinsam mit Raphaël Merlin, dem Leiter des Orchesters Les Forces Majeures, stellte er ein Programm zusammen, das alle Beteiligten auf die Probe stellte. Nicht nur auf spieltechnische Probe. Es ging auch und vor allem darum, schwer spielbaren Stoff gar nicht mehr schwer spielbar klingen zu lassen, wenn er mit Hingabe und Freude in der Darbietung aufgeführt wird. Und mit Humor.

Um dieses nur auf den ersten Blick widersprüchliche Unterfangen umsetzen zu können, machte sich die Entourage auf den Weg nach Villefavard. Moreau, Merlin und das 43-köpfige Orchester reisten in die 160-Seelen-Gemeinde, etwa 60 Kilometer von der Stadt Limoges entfernt. Im Gepäck hatten sie neben ihren Instrumenten die Partituren von Jacques Offenbachs großem „Concerto Militaire“ und Friedrich Guldas fünf Sätze umfassendem „Konzert für Violoncello und Blasorchester“.

Das Aufnahmestudio, in einem umgebauten Getreidespeicher gelegen, barg nicht nur beste akustische Bedingungen für die Aufnahmen zum neuen Album. Mitsamt Konzertsaal und Herberge für alle Beteiligten ausgestattet, bot es auch ausreichend Platz zur gemeinsamen, intensiven Auseinandersetzung. Sowohl im Persönlichen als auch im Musikalischen.

Wollte die Muse mal nicht so küssen, wie sie sollte, wurde gemeinsam gejoggt. Oder im direkt angrenzenden Teich geschwommen, um die Synapsen wieder schwingen lassen zu können. Ideale Voraussetzungen also, um sich mit Sinn und Unsinn der Virtuosität und der Tugend in der Musik beschäftigen zu können.

Ist die Virtuosität nur ein Mittel, um Eindruck zu schinden? Wohin führt sie, und ist sie tugendhaft? Um diese Fragen ging es während der Aufnahmen. Offenbach, der glänzende Cellist, antwortet darauf im ambitioniertesten Werk, das er seinem Instrument widmete, mit Humor, Bombast, Spott und Fantasie. Das Militärkonzert des Kölners, der sich in Paris niederließ, ist der Marathon des Virtuosen.

„Ich bin nicht sicher, ob es etwas Vergleichbares gibt“, sagt Edgar Moreau über Offenbachs Partitur. „Das Stück ist eine Herausforderung, die ihresgleichen sucht, mit extrem schönen Passagen. Mit Elementen aus Operette und Militärmusik, wie so oft bei Offenbach, ist es eine große technische Demonstration für jeden Cellisten. Sehr virtuos.“

Extrem schnell und meisterhaft auf den Punkt spielt Moreau sich durch das ganze Spektrum des Opernkomponisten. Im langsamen Satz in E-Dur, der an Schubert erinnert, wirkt sein Spiel beherzt. Im Finale der 40-minütigen, vollständig rekonstruierten Version ist Moreaus Mut gefragt. Wie im Zirkus bei einer halsbrecherischen Nummer agiert der Solist in einer instrumentalen Heldentat. Zuerst kommt der Schwindel, dann die Euphorie. Bei dem Tempo so sauber zu spielen, ist eine Frage der Hingabe an die Virtuosität Offenbachs. Wenn das nicht tugendhaft ist!

Friedrich Gulda antwortet auf die Frage nach der Tugend direkt im Anschluss mit provokanter Freigeistigkeit. Er, der Querdenker, der Pianist, war der bürgerlich-konservativen Wiener Gesellschaft der Nachkriegszeit ein notwendiges Enfant terrible. Sein hier aufgeführtes Konzert stellt das Verhältnis zur klassischen Musik infrage. „Mit Spaß und einmal mehr mit der Demonstration des Virtuosen“, wie Moreau anmerkt.

Wild, ungestüm, zärtlich

Seine große Bandbreite, seine Virtuosität, der Facettenreichtum und die Vielseitigkeit der Forces Majeures verschmelzen in Guldas Stück auf besonders natürliche Weise. Die Musiker werden darin abwechselnd zur Jazz-Big-Band mit teils sogar jazzrockigen Anklängen und zum Ensemble für Serenaden, die an Mozart erinnern. Wild, leidenschaftlich, ungestüm und gleichzeitig zärtlich bettend nehmen sich die Musiker Gulda an.

Im ersten Satz der 1980 fertiggestellten Komposition tritt klar der Geist des damals perfektionierten Jazzrock in den Vordergrund. Im folkloristischen zweiten Satz wird ein Blick auf Wagner geworfen. Die Kadenz im dritten Satz nähert sich der sogenannten gelehrten Musik des 20. Jahrhunderts, während der vierte Satz an Filmmusiken erinnert. Das Finale schließlich rüttelt mittels Virtuosität, amerikanischer Zirkusmusik und vom Jazz inspirierten Fanfaren an gängigen Stil-Vorstellungen. Damit zieht sie den Zuhörer in den Bann der Moderne.

Und wie beschreibt Edgar Moerau sein neues Album, auf dem so viel los ist? Die Antwort kommt in Form von Adjektiven wie aus der Pistole geschossen: „Abgefahren, schelmisch, humorvoll, euphorisch, herzerwärmend und fetzig.“