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Immer wieder Lieblingslieder: Das Ende des iPods

Immer wieder Lieblingslieder : Das Ende des iPods

Der iPod hat das Musikbusiness verändert. 450 Millionen Exemplare wurden seit dem Jahr 2001 weltweit verkauft. Nun stellt Apple die Produktion des Abspielgeräts ein und beendet eine Ära. Ein Abschiedsgruß.

Mein erster iPod war weiß und wunderschön. Ich kaufte ihn an einem Montag. Den Rest der Woche verbrachte ich damit, ihn zu befüllen. Ich lud Musik auf meinen Computer und übertrug sie dann auf das neue Gerät. Ich tat es morgens vor der Arbeit und abends bis zum Schlafengehen, und wenn sich jemand mit mir verabreden wollte, sagte ich: „Ich kann nicht.“ Am Freitagabend besuchte ich meinen Vater. Ich zeigte ihm meinen iPod und sagte: „Das ist bestimmt auch was für dich.“ Ich hatte extra für diesen Moment ein Album von Miles Davis auf den iPod geladen. Ich stöpselte ihn per USB-Kabel in die Kompaktanlage, auf der mein Vater in der Küche Musik hörte. Leider blieb es still, denn der iPod setzte sich zurück auf Werkseinstellung und war leer. Ich wusste nicht, dass man das nicht durfte: ein Apple-Produkt mit dem Gerät eines anderen Herstellers verbinden. Wir schwiegen betreten. Mein Vater steckte sich eine Zigarette an. Dann sagte er: „Du, ich glaube, das ist doch nichts für mich.“

Apple hat die Produktion des iPod eingestellt, angeblich lief in dieser Woche das letzte Exemplar vom Band. Der im Herbst 2001 von Steve Jobs präsentierte iPod hat die Art und Weise revolutioniert, wie wir Musik hören und uns in der digitalen Welt bewegen. Zunächst war diese Wirkung allerdings nicht abzusehen. Diese „kleine Dudelkiste“ werde „wohl kaum die Welt verändern“, hieß es im „Spiegel“. Tatsächlich war es gerade für Menschen mit Windows-PC mitunter nervenaufreibend und enorm zeitintensiv, über die Software iTunes Musik von einer CD auf den MP3-Player zu bekommen.

Das änderte sich jedoch rasch, und auch das ist Ausweis der Wirkmacht dieser Erfindung, dass das Musikbusiness seine Bedingungen an ein Objekt anpasste, das in seiner ersten Inkarnation das Format eines Kartenspiels hatte. Man konnte einzelne Songs für 99 Cent kaufen, man bezahlte plötzlich für Inhalte aus dem Netz. Man konnte zunächst 1000 Lieder bei sich tragen und Playlisten anlegen mit der Musik, die man wirklich hören wollte. Es war ein Traum: Man wurde zum DJ und Kurator, man war geborgen im Sound. Immer wieder Lieblingslieder.

Zu den schönsten Geräuschen einer verwehten Gegenwart gehört für mich das Klicken des Rädchens, mit dem ich auf meinem ersten iPod durch meine Audiothek navigierte. Wenn ich ihn dabeihatte, konnte mir auf einer Bahnfahrt fast nichts passieren, jedenfalls keine Langeweile. Einmal fragte ein Freund, ob ich ihm meinen iPod für einen Tag leihen könne. Ich sagte ja. Es war wie Blutsbrüderschaft schließen.

450 Millionen iPods sollen verkauft worden sein. Sie hießen Mini, Nano, Shuffle, Classic und Touch, und Streamingdienste wie ­Spotify führten radikal weiter, was der iPod vorbereitet hatte: Sie verwirklichten die Utopie der endlosen Musikbibliothek, die an jedem Ort stets abrufbar bleibt. Die Playlist wurde zum Stimmungs- und Gefühlsspeicher unserer Zeit. Als das iPhone auf den Markt kam, wurde es noch so beschrieben: „ein iPod, ein Telefon und ein Internet-Kommunikator“. Die Funktion des iPod ging in einem anderen Gerät auf, und eigentlich war er da bereits obsolet geworden.

Dass viele schon jetzt wehmütig an den iPod zurückdenken, hat auch damit zu tun, dass nun eine stille Art des Musikhörens verschwindet. Weil den iPhones keine Kopfhörer mehr beiliegen und die Tonausgabe vieler Geräte immer besser wird, sind Parks und S-Bahnen erfüllt von Musik. Für den iPod brauchte man noch Kopfhörer, man kapselte sich ab. Inzwischen wird der Resonanzraum auf die Öffentlichkeit erweitert, man durchwandert bei Spaziergängen also meistens mehrere Klanginseln und hört Musik, die man gar nicht hören möchte. Ein Rückfall in die Zeiten vor dem iPod.

So gesehen wirkt die Überschrift der Mitteilung, in der Apple seinen einstigen Bestseller begrub, fast ein bisschen zynisch. Sie lautet: „Die Musik lebt weiter.“