„Da nich für!“, das neue Album von Rapper Dendemann

Nach neun Jahren ein neues Album von Rapper Dendemann : Hier sitzt jedes einzelne Stück perfekt

„Da nich für!“, das neue Album von Dendemann, gibt schon im Titel vor, dass man sich für die Wiederkehr des Deutschrappers auf großer Plattenlänge nicht bedanken muss. Eigentlich. Das Werk verdient bei chronologischer Betrachtung von Dendemanns Karriere nämlich zumindest einen Hofknicks. Es ist viel los hier. Und übliche Klischees sind kein Thema.

Auch Produktionsleistungen von Sprechgesangskünstler haben hin und wieder jene Geste verdient, die der Hochadel erwartet. Nicht, dass sich Dendemann auch nur im Entferntesten selbst zum HipHop-Adel zählen würde. So narzisstisch ist der 44-Jährige nicht veranlagt. Auch gerade deshalb sollte er aber dazugezählt werden.

Macht der gemeine Rapper immer noch einen auf dicke Hose und erzählt der Welt vor allem davon, wie toll er selbst ist, wirkt „Da nich für!“ vergleichsweise erfrischend frei von Ego. Zwar heißt das Intro des Albums „Ich Dende, also bin ich“, aber natürlich ist das kleine Wortspiel nur eine Irreführung des intendierten Satzes „Ich sende, also bin ich“.

Wie Juwelen des Rap

Und das überbordende Sendungsbewusstsein des Künstlers lässt die insgesamt zwölf neuen Stücke wie Juwelen des Rap klingen. Darin sind die üblichen Klischees weit und breit nicht zu finden. Es gibt keine entwürdigenden Worte, keinen Sexismus, keine Gossensprache. Stattdessen geht es all jenen Nihilisten an den Kragen, denen die angesagte Schwarz-weiß-Zeichnung der Menschheit in die polarisierenden Karten spielt.

In „Keine Parolen“ erinnert Dendemann an seine Oma, an eine Generation, die viel entbehren musste und gerade deshalb „die letzten ganz patenten“ Charaktere in sich vereinte. Progressive, höfliche weibliche Wesen, die eben nicht nur am Herd standen, sondern die Höfe mitbewirtschafteten, um dieses Land wiederaufzubauen nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ich wüsste gar nicht, wie dieses Volk heute etwas wiederaufbauen sollte, wenn es einen Krieg gäbe“, erklärt Dendemann. „Das müssten dann die Flüchtlinge übernehmen, denn ich sehe keinen von uns zum Tagessatz des Mindestlohnes ein Land wieder zum Leben zu erwecken.“

Wer jetzt denkt, dass der Raustimmige hier und da den Zeigefinger erhebt, hat recht. Aber der Mann hebt ihn mit derartig humorvoller Chuzpe und dermaßen grandiosem Sinn für Sprache, dass die gesellschaftspolitische Botschaft zur Option, nicht zum Dogma wird. Apropos Humor. Es gehört sehr viel Detailarbeit dazu, einen eigentlich politischen Rap-Song auch musikalisch so klingen zu lassen, dass er lässig wirkt. Im besagten „Keine Parolen“ ist es ein Chor, der die Musik macht. Ein Chor der Hedonisten, deren Entsetzen ob Dendemanns Worten mit Moll-Tönen skizziert wird.

Der Leitfaden für so viel Nuancenreichtum ist die Liebe. „Ich habe endlos viele Stunden damit verbracht, Samples für die neue Platte zu finden“, sagt er. „Während der Produktion des Albums haben meine Co-Produzenten The Krauts und ich uns manchmal gefragt, ob da draußen überhaupt noch jemand begreift, wie viel Liebe zum Detail darin steckt. Aber wir stellten fest, dass man nicht all die Erfahrungen, die vielen Lebensjahre und Platten gesammelt haben kann, um darunter leiden zu müssen. Wir haben sämtliche klangtechnischen Retro-Fallen ausgetrickst.“

Daraus entstand ein in sich stimmiges Album, das in jedem einzelnen Stück HipHop-Vergangenheit und Sounds der Gegenwart vereint. Ohne sich irgendeinem der beiden Pole anzubiedern, wohlgemerkt. Und man spürt förmlich, dass sich knapp neun Jahre seit dem vorigen Dendemann-Album „Vom Vintage verweht“ jede Menge Gedanken und Musik angestaut haben. Jedes einzelne Stück sitzt perfekt, besitzt Aussagekraft und lotet gekonnt die vielfältige Musikauffassung seines Schöpfers aus.

„Menschine“ zollt als Industrial-Rap den alten Helden von Kraftwerk Tribut, „Wo ich wech bin“ ist ein von spartanisch gesetzter Basslinie getragenes Melodram. Hildegard Knefs Stimme kündigt als Sample das von Saxofon-Tönen akzentuierte „Müde“ an. Casper hat in „Alle Jubilare wieder“ einen Gastauftritt. Jan Delay und die Beginner geben ihren Senf zur begeisterten HipHop-Huldigung „Bgstrng“.

Selbstironisch bescheiden

Rio Reiser geistert durchs resignative „Zauberland“, der Beschreibung des täglichen Dramas geflüchteter Menschen. Beatsteaks-Frontmann Arnim taucht als Soulsänger in „Zeitumstellung“ auf, dessen Metrik von einem Klarinetten-Sample vorgegeben wird. Es ist, kurzum, viel los auf „Da nich für!“.

Dessen Hauptprotagonist gibt sich derweil selbstironisch bescheiden. „Es ist das Album, das ich gerne geschaffen hätte, wenn ich Alben produzieren könnte“, meint er. Zum Glück kann er über solche Aussagen selbst verhalten lachen. Der tiefere Sinn seines Tiefstapelns ist allerdings sein Verweis auf zusätzliche Produzenten, die sein bislang rundestes Album mittrugen. KitschKrieg, I.L.L. Will und Torky Tork ließen die Platte zur gebührenden Größe durch ihre Expertisen mitwachsen.

Und wie sieht der ideale Genuss des Meisterwerks für Dendemann persönlich aus? „Ich wünsche mir, dass man die Platte mit Leichtigkeit hören kann und auch leicht versteht“, antwortet er. „Früher wurde mir immer unterstellt, dass man meine Musik nicht während des Ausräumens der Spülmaschine hören konnte. Endlich habe ich mal eine Platte zur Hausarbeit gemacht.“ Wer’s glaubt, wird selig.

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