Aachener Sinfoniekonzert: Frisch, vorwärtsdrängend, aber oft zu laut

Eurogress Aachen : Frisch, vorwärtsdrängend, aber oft zu laut

Aachens Generalmusikdirektor Christopher Ward peilt im ersten Sinfoniekonzert dynamische Rekorde an. Zum Nachteil der souveränen Solistin Zlata Chochieva.

Mit vier russischen Werken unterschiedlicher Couleur hat das Aachener Sinfonieorchester im gut besuchten Eurogress die neue städtische Konzertsaison eingeläutet. Vier große Namen standen auf dem Programm, darunter Sofia Gubaidulina, die Jörg Widmann in dieser Saison als „Composer in Focus“ ablöst. Eine Komponistin, die sich mit ihrer von kontemplativer Spiritualität geprägten Tonsprache nicht vor den Propagandakarren der ehemaligen Sowjet-Funktionäre spannen ließ. Das gilt auch für ihr kurzes, aber in vielen Farben schillerndes „Fairytale Poem“ von 1971. Eine gleichermaßen inspirierte wie effektvolle Tondichtung über ein reizendes Märchen, in dem ein für den Mathematikunterricht vorgesehenes Kreidestück davon träumt, für ein schönes Bild verwendet zu werden.

Vor allem die leuchtkräftigen Facetten der filigran ausgearbeiteten Partitur fanden in Christopher Ward und dem Aachener Orchester sensible Interpreten. Allerdings ließ sich Ward von den anderen drei wesentlich massiver instrumentierten Stücken zu einem erheblich gröberen Klangbild verleiten. Das betraf nicht nur die effektvolle, propagandistisch aufgeblähte „Festliche Ouvertüre“ op. 96 von Dmitri Schostakowitsch, sondern bedauerlicherweise auch Peter Tschaikowskys Fünfte Sinfonie als zentralem Werk des Abends.

Gegen die hörenswerten Soli gab es ebenso wenig einzuwenden wie gegen das allgemeine Spielniveau des Orchesters. Und Ward sorgte in allen vier Sätzen für eine frische, vorwärtsdrängende Sogwirkung. Allerdings bevorzugte er einen zu hohen Lautstärke-Grundpegel und setzte auf dynamische Rekordmarken mit effektvollen Eruptionen, die das Publikum am Ende zwar zu Begeisterungsstürmen hinriss, jedoch eine ausgefeilte Klangkultur be-, wenn nicht gar verhinderten, so dass ein angemessenes Verhältnis zwischen Melodie- und Begleitstimmen vernachlässigt und führende Stimmen immer wieder unkoordiniert überspielt wurden.

Dieses Problem deutete sich bereits mit Sergej Rachmaninows viertem Klavierkonzert an, das nicht so populär ist wie das zweite und dritte Konzert. Freilich zu Unrecht, wie die junge Moskauer Pianistin Zlata Chochieva demonstrierte. Sie missbrauchte das knapp gebaute Werk nicht als Tummelplatz für virtuose Kraftakte, sondern legte viel Wert auf einen filigranen, schlanken Vortrag, mit dem sie die Qualitäten des Stücks souverän und einfühlsam offenlegte. Allerdings wurden die Früchte ihrer nuancenreichen Anschlagskünste von dem viel zu dick klingenden Orchester immer wieder übertönt. Freundlicher bis begeisterter Beifall.