7. Sinfoniekonzert: Irritationen und Rosinen

Eurogress Aachen : 7. Sinfoniekonzert: Irritationen und Rosinen

„Ländliche Idylle“ lautet das Motto für das 7. Sinfoniekonzert. Das Programm ist aber viel mehr als das. Begeisterter Beifall im Aachener Eurogress – besonders für Solistin Lena Neudauer und Beethovens Violinkonzert.

„Ländliche Idylle“: Das Motto des 7. städtischen Sinfoniekonzerts im gut besuchten Aachener Eurogress passte nur teilweise zum Programm mit Werken von vier Komponisten, die der Donaumetropole Wien eng verbunden waren. Trotz der gemütlichen Fassade hatten dort auch berühmte Musiker nicht immer mit idyllischen Zuständen zu kämpfen. Selbst der Walzerkönig Johann Strauss (Sohn) blieb davon nicht verschont, mit dessen „Perpetuum mobile“, einem filigranen, rastlos rotierenden und spieltechnisch anspruchsvollen Virtuosenstückchen Gastdirigent Christoph Altstaedt und das Aachener Sinfonieorchester den zweiten Teil des Abends eröffneten.

Ein kurzer Auftakt, der nahtlos in HK Grubers Filmmusik „Charivari“ überging, in der der gebürtige und als Komponist, Dirigent und Chansonnier umtriebige Wiener der ohnehin nicht „idyllischen“ Strauss-Miniatur den letzten Rest an Beschaulichkeit abklopft und zu katastrophischen Höhepunkten führt wie Ravel den Wiener Walzer in seinem Ballettstück „La Valse“. Eine Herausforderung mit etlichen klang­lichen Ecken und Kanten, die das Orchester mit großem Einsatz annahm. Grubers schroffe Abrechnung mit der Walzerseligkeit entlockte dem teils irritierten Publikum nur kurzen Beifall.

Als Entschädigung lieferte Altstaedt die wahrscheinlich von Artur Rodzinski stammende Suite aus Richard Strauss’ Oper „Der Rosenkavalier“, in der der polnische Dirigent alle Rosinen des Werks vom Vorspiel über die „Überreichung der Silbernen Rose“ bis zu den Walzerfolgen und den Schlussgesängen effektvoll und geschickt bündelt. In dieser Konzentration präsentiert sich die Oper wie eine üppig schwelgende Kette zuckersüßer Ohrwürmer.

Makellos: Geigerin Lena Neudauer

Altstaedt, der den hiesigen Musikfreunden noch von seiner mehrjährigen Tätigkeit an der Deutschen Oper am Rhein bekannt sein dürfte, nahm die Vorlage mit viel Gespür für das spezifische Kolorit der Partitur auf und animierte das Orchester zu einer ebenso voluminösen wie temperamentvollen und in den ruhigen Teilen sensiblen Interpretation, bei der auch die solistischen Qualitäten der Musiker wirkungsvoll zur Geltung kamen. Dass extreme dynamische Höhepunkte im Eurogress nicht optimal aufgehoben sind, das ließ sich leider auch diesmal nicht überhören.

Das Herzstück des Abends stand bereits vor der Pause an: Beethovens Violinkonzert in einem ungemein präzisen, noblen und von makelloser Tonschönheit geprägten Vortrag durch die Münchnerin Lena Neudauer. Die Geigerin betonte den lyrischen Charakter des Werks, ohne ihn durch romantisierenden Überdruck zu beschweren. Ihr mit einem leichten Silberglanz überzogener Ton konnte sich trotz seiner Schlankheit mühelos gegen das Orchester durchsetzen. Schade, dass Altstaedt dem Klangideal der Solistin nicht optimal entgegenkam und das Orchester recht schwerfällig führte. Ein Ansatz, der heute bei Beethoven eigentlich überholt ist.

Für eine erfreuliche Überraschung sorgte Lena Neudauer mit der Wahl der Kadenzen, für die sie auf Vorlagen von Wolfgang Schneiderhan aus den 60er Jahren zurückgriff. Schneiderhan berücksichtigte dabei vor allem im ersten Satz die einzige vom Komponisten stammende Original-Kadenz, die Beethoven kurioserweise für eine Klavierfassung des Violinkonzerts angefertigt hat. Lena Neudauer ergänzte die Fassung durch einen reizvollen Dialog mit der Pauke.

Begeisterter Beifall für die Solistin, die sich mit einer Zugabe von Bach bedankte. Und am Ende konnte sich auch Altstaedt über regen Beifall freuen.

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