4. Sinfoniekonzert in Aachen mit Justus Thorau

Sinfoniekonzert im Eurogress : Plakatives Vogelgezwitscher und Balanceprobleme

Ein angenehmes Wiedersehen mit Justus Thorau bescherte das 4. Sinfoniekonzert dem Aachener Publikum im voll besetzten Eurogress.

Justus Thorau, der ehemalige stellvertretende und später kommissarische Generalmusikdirektor, dem Aachen viel zu verdanken hat und der seine hoffnungsvolle Karriere derzeit als 1. Kapellmeister am Saarländischen Staatstheater fortsetzt, entfachte diesmal mit dem Aachener Sinfonieorchester ein „Arktisches Feuer“ aus dem hohen Norden. Neben dem Klavierkonzert von Edvard Grieg zierten zwei weniger bekannte Leckerbissen der finnischen Meister Einojuhani Rautavaara und Jean Sibelius das Programm.

Mit dem naturverbundenen Konzert für Vögel und Orchester op. 61 des vor zwei Jahren gestorbenen Rautavaara, einem der prominentesten Vertreter der regen zeitgenössischen Musikszene Finnlands, entlockte Thorau dem Orchester feine Töne von betörender Transparenz und sensibler Leuchtkraft. Damit wurde die Interpretation dem Rang des Komponisten gerecht, der stets auf der Höhe seiner Zeit arbeitete, ohne sich dogmatischen Vorschriften vor allem deutscher und französischer Neutöner im Umfeld von Stockhausen und Boulez zu unterwerfen und sich strikt weigerte, die ästhetischen Perspektiven der Musik zu verleugnen. Da mögen die eingeblendeten Vogelstimmen vielleicht manche plakativ-cineastische Eindrücke auslösen: Die persönliche Handschrift des Komponisten bleibt immer erkennbar.

Ein denkbar gelungener Auftakt, dem mit Edvard Griegs Klavierkonzert ein Repertoire-Knüller folgte, mit dem sich der 31-jährige Joseph Moog, einer der nicht allzu vielen deutschen Hoffnungsträger in der brutalen internationalen Pianisten-Konkurrenz, von seiner besten Seite zeigte. Dass sich das Werk stärker an der deutschen Romantik um Schumann orientiert als an Griegs norwegischer Heimat, daran ließen Moog und Thorau keinen Zweifel. Dabei entlockte Moog dem Flügel mit seiner fein differenzierten Anschlagspalette ein reiches Reservoir an Zwischentönen, die der rundum überzeugenden Interpretation den letzten Schliff versetzten.

Die 1. Symphonie von Jean Sibelius steht völlig zu Unrecht im Schatten der populäreren 2. Symphonie. Trotz starker Einflüsse von Tschaikowsky hat Sibelius bereits mit seinem symphonischen Erstling zu seiner unverkennbar individuellen Tonsprache gefunden, deren klangliche Anforderungen allerdings im Eurogress nicht problemlos erfüllt werden können.

Die hintergründige Glut abgedunkelter Klangschattierungen, die Sibelius in einer raffinierten Mischung von Streichern und Blechbläsern anstrebt, wurde in Thoraus Interpretation nicht immer deutlich hörbar, wovon auch die explosiven dynamischen Höhepunkte des Werks betroffen waren. Dabei dominierte nicht immer das Blech, das mitunter von einer zu präsenten Pauke überlagert wurde. Schade, dass Thorau diese Passagen ohne Temporücknahme zu hektisch überspielte, wodurch sich die Balanceprobleme noch verstärkten.

Ansonsten traf Thorau den Charakter der teils elegischen, teils tänzerisch bewegten Musik sicher, wobei das Orchester auch mit vielen schön ausgespielten Soli, namentlich in der Klarinette, zu einer insgesamt erfreulichen Begegnung mit dem kostbaren Werk wesentlich beitrug. Begeisterter und verdienter Beifall für alle Beteiligten.

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