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Aachen: „Morgen werde ich weg sein“: Iris Radisch im Super C

Aachen : „Morgen werde ich weg sein“: Iris Radisch im Super C

Jünger oder älter — das spielte keine Rolle im Super C der RWTH in Aachen. Der Publikumsandrang war unglaublich — um alle Besucher mit Sitzplätzen zu versorgen, mussten vor Beginn der Lesung noch weitere Stühle aufgebaut werden.

Da wurde es schon ein bisschen eng für die beiden Protagonisten Iris Radisch und Jürgen Kippenhan, Leiter des Instituts für Philosophie und Diskurs (Logoi). Interessant auch, dass nicht — wie viele vermuteten — das weibliche Geschlecht überwog. Auch sehr junge Leute sah man allenthalben im Saal.

Iris Radisch, geboren 1959 in Berlin, leitet seit 2013 das „Zeit“-Feuilleton, nachdem sie bereits 1990 dort als Literaturredakteurin gearbeitet hatte. Sie erhielt bedeutende Preise und ist noch vielen erinnerlich aus der früheren TV-Sendung „Das literarische Quartett“ mit Größen wie Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek (beide inzwische verstorben). An diesem Abend ging es um ihr Buch „Die letzten Dinge“. Dazu hatte sie Schriftsteller und Intellektuelle im hohen Alter getroffen, um mit ihnen über deren Leben zu reflektieren.

Es gab wirklich viel — auch für die Augen, die etliche Lebensweisheiten von großen Dichtern auf der seitlichen Wand ablesen konnten. So konnte man zum Beispiel auch erfahren, dass Reich-Ranicki eine Last mit sich trug: „Ich bin nicht glücklich. Ich war es nie in meinem Leben.“ Oder Sarah Kirschs lapidares Eingeständnis: „Ich glaube eher an Bäume als an Gott.“ Und der fast 80-jährige Martin Walser meint: „Das Leben wird nur erträglich durch die Verlängerung in die Kunst.“

Richtig lebendig aber gestaltete sich das temperamentvolle Gespräch zwischen Radisch und Kippenhan — die Besucher ließen sich gerne ein auf die Offenheit und den Humor der beiden Protagonisten, deren Zwiegespräch vieles ans Licht brachte. Und als Radisch bekannte, dass sie einen Fehler gemacht habe, nämlich dass es 19 Begegnungen und nicht 18 waren, wie es im Buch steht, stiegen nochmals die Sympathiewerte im Publikum.

Begegnungen haben sie berührt

George Tabori, britisch-ungarischer Dramatiker, 90 Jahre alt, hat das Wort „Sex“ nicht gerne, geht aber dennoch unbefangen damit um. Ebenso frei spricht er über das deutsche Frühstück: „Es schmeckt furchtbar.“ Das Gespräch mit so großen, ehrlichen Autoren wie Tabori oder Imre Kertész, der mit seinem Lebensbuch „Roman eines Schicksalslosen“ berühmt wurde, hat Radisch sehr berührt. Ihre Eindrücke und Gefühle gab sie auch wieder bei der Österreicherin Friederike Mayröcker, der Temperamentvollen, die ihr sagte: „Ich atme die ganze Welt ein.“ Und sie war ehrlich: „Ich kann nicht kochen.“

Während Ilse Aichinger meinte, dass erfüllte Wünsche ein Unglück seien, glaubte Ruth Klüger, dass wir alle „geprägt von der Vorstellung sind, sich ständig zu optimieren“. Und Klüger setzte auf „die Alterswurstigkeit“, die vieles leichter mache. Der israelische Autor Amos Oz, dessen Mutter verschwand, als er ein Kind war, hat te einen besonderen Standpunkt eingenommen: „Ich selbst bin gar nicht so wichtig. Heute bin ich noch da, morgen werde ich weg sein.“ Ein sehr besonderer Abend, ein Erlebnis — im Fahrstuhl nach unten waren alle still.

Iris Radisch: Die letzten Dinge Rowohlt-Verlag, 304 S., 19,95 Euro.