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Aachen: Moral ist am Ende nichts als eine Frage des Geldes

Aachen : Moral ist am Ende nichts als eine Frage des Geldes

Um zu demonstrieren, wie käuflich der Mensch ist, bedarf es in unseren Tagen kaum mehr der dramatischen Parabel „Der Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt.

Der VW-Betriebsrat mit seinen firmageförderten Sex-Orgien und der weltweit verteilte Siemens-Bakschisch sind nur zwei putzige Beispiele der allgemeinen moralischen Korrumpierbarkeit - und für die Aktualität des Stücks. Das Theater Aachen zeigt auf der großen Bühne eine Inszenierung von Lilian Naef. Die Premiere endete am Samstagabend nach zweieinviertel Stunden mit viel Beifall.

Das brasilianische Freudenmädchen bei VW entspricht hier einer erfreulichen Aussicht bankrotter Güllener Bürger: die klamme Börse mit den Milliarden der nach über 40 Jahren wieder eingetrudelten Güllenerin Claire, mittlerweile superreiche Ölmagnaten-Witwe, stopfen zu können.

Wenn da nicht jener Haken einer kleinen Bedingung wäre: Ihren einst untreuen Geliebten Alfred, den müssten die Güllener, bevor die Kohle rüberrollt, schon ein bisschen um die Ecke bringen, damit er adrett in den mitgebrachten Sarg reinpasst. Ausgesprochenes Pech für Alfred Ill, dass ihn die Vergangenheit in Gestalt dieser zur Rachegöttin avancierten Jugendfreundin so jäh einholt. Und so schleicht in der Stadt der Prozess der allmählichen Korrumpie-rung von der ersten Empörung über ein solch unmoralisches Ansinnen bis zum finalen Mord langsam, aber sicher voran...

Die Menschen hausen hinter den Gleisen eines kaum mehr benutzten Bahnhofs in bedrohlichen, anonymen, grauen, fenster- und zeitlosen Blöcken. Schubweise öffnen sich von links und rechts nacheinander Einblicke ins Innere wie in Musterkästen menschlicher Verhaltensweisen (Bühnenbild: Elisabeth Pedross) - in den Krämerladen als Inbegriff der materiellen Wünsche, in das intime romantische Wäldchen als jener der Sehnsüchte und Lebensträume, in die Autowerkstatt als der der harten Realität.

Die Regisseurin konzentriert Verlogenheit, Doppelmoral und Scheinheiligkeit vor allem auf satirisch überspitzte Rituale lächerlicher kleinbürgerlicher Typen eines erbärmlichen Provinzkaffs. Die Begrüßungsrede des Bürgermeisters geht im ICE-Lärm unter, der gemischte Chor demonstriert menschliche Vergeblichkeit des Bemühens, die hinterhältige Bürgerrunde klatscht bei der Versammlung äffischen Beifall. Und dem Lehrer keimen moralische Bedenken gerade mal im Dusel des Alkohols auf.

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral”, spricht Brecht - hier ist das Fressen das Wohlgefühl, sich wie alle anderen zumindest auf Pump extravagante gelbe Schuhe leisten zu können, teure Zigarren und mit allgemein spürbar wachsendem Selbstbewusstsein sogar - Biomilch. Alles denkt: Mit dem Alfred wird´s schon irgendjemand richten - so funktioniert mit Dürrenmatt´schem Sarkasmus die Gesellschaft...

Während in der illustren Runde der - auch kostümmäßig (Rudolf Jost) - karikierten Typen der Butler stupide Hochnäsigkeit, Claires Ehemänner Nummer sieben, acht und neun einträgliche Untergebenheit und zwei Gerichtszeugen - „Koby” und „Loby” - völlig von der Rolle sind, darf Alfred als einziger Repräsentant richtig verstandener Menschlichkeit Gefühle zeigen. Und mutiert vom unbedarften Kleinkrämer zu einem Halbweisen mit Sinn und Gefühl für Schuld und Gerechtigkeit.

Fast das gesamte Schauspielensemble kommt an diesem Abend in wechselnden Rollen zum Einsatz. Elisabeth Ebeling ist für die „alte Dame” die Idealbesetzung - allein die rauchige Stimme und das ausdruckslose, harte Lachen lassen das gebrochene, wechselvolle Leben im Hintergrund dieser Figur mehr als deutlich ahnen. Und die vollendete Gleichgültigkeit, mit der sie ihr grausames Lebensziel angeht - eiskalter kann man eine Rachegöttin nicht mehr darstellen.

Viel Beifall

Josef Tratnik macht als tragischer Alfred Ill anfängliche Heuchelei, Misstrauen, Unsicherheit und Todesangst ebenso erlebbar wie das dräuende Bewusstsein von der eigenen Schuld. In den weiteren Rollen zu sehen: Jürgen Esbach (Gatte VII-IX), Rainer Krause (Butler), Bettina Scheuritzel (Ills Frau), Julia Brettschneider (Journalistin), Tobias Fend (Polizist), Thomas Hechelmann (Bürgermeister), Joey Zimmermann (Pfarrer), Markus Haase (Lehrer), Robert Faber (Arzt), Sebastian Stert, Hauke Heumann, Johanna Falckner und Ingo Jacobs sowie eine ganze Reihe von Statisten.

Das Publikum dankte den Schauspielern wie der Regie gleichermaßen mit lang anhaltendem Beifall für einen gelungenen Abend.